Sabrina

Dein Lächeln!


„Betrachte es einfach als ein kleines Geschenk für dich“,
sagte er. Lächelnd blickte er mich nun an und wartete wohl auf irgendeine
Regung meinerseits. Nach einer mir endlos erscheinenden Zeit beugte ich mich zu
ihm herunter und streichelte über seinen Kopf.
„D-Danke“, stotterte ich hervor. Noch immer hörte ich ein
derartiges Rauschen in meinen Ohren, welches nach seinem Lied plötzlich
aufgetaucht war.
Nun kannte ich ihn schon seit 2 Wochen und noch immer hatte
sich nichts geändert. Er erschien einfach so neben mir, als ich mitten in der
Nacht allein auf einer Schaukel im Park saß. Ich war damals so in Gedanken
versunken, dass ich ihn gar nicht bemerkte. Erst, als er plötzlich zu singen
begann, warf es mich vor Schreck von der Schaukel. Denn sein Gesang war
schlimmer, als jedes Katzengejammer. Immer wieder begegnete ich ihm und immer
dann trällerte er ein Liedchen vor sich hin. Er war noch so klein, gerade mal 7
Jahre alt. Da er niemals über sich selbst etwas erzählte, fragte ich ihn, wo
seine Mutter sei, doch sofort wurde sein Blick ganz leer und es herrschte eisiges
Schweigen. Seit dem vermied ich das Thema über Verwandtschaft. Stattdessen sah
ich ihm dabei zu, wie er völlig unbeschwert durchs Leben lief und niemals sein
Lächeln verlor.
Ich verstand es immer noch nicht. Dieses Kind erschien
einfach so in meinem eintönigen Leben und machte es, trotz des
ohrenabsterbenden Gesangs, unterhaltsamer.
Und jedes Mal konnte ich einfach nur zurücklächeln, zu etwas
anderem fühlte ich mich nicht im Stande. Ich wollte sein Lächeln, welches mein
Herz erwärmte für alle Zeit bewahren.
Doch es sollte anders kommen, als gedacht… Denn schon bald
würde dieses Lächeln für immer aus meinem Leben verschwinden.
 
Es war ein Tag wie jeder andere, als ich von der Arbeit kam
und meinen typischen Weg nach Hause ging. Dummerweise war ich heute etwas
später dran, da ich in der Arbeit noch etwas zu erledigen hatte. Als ich an dem
Park vorbei ging, in dem ich ihm zum ersten Mal begegnet war, hielt ich inne.
Meine Schritte führten mich ganz automatisch zu jener Schaukel, auf der ich
gesessen bin. Ich ließ mich darauf fallen und sah in den mit Wolken verhangenen
Himmel. Jeden Moment wartete ich darauf, dass er plötzlich vor mich erschien
und mir sein unverkennbares Lächeln zeigte. Doch er kam nicht. Heute nicht.
Nach einer Weile ging ich schließlich wieder. Ein plötzliches lautes Geräusch
riss mich aus meinen Gedanken. Es war die Sirene eines Rettungswagens. Wieso
legte sich nur bloß auf einmal so eine bleierne Schwere auf mein Herz? Ohne zu
wissen, was ich tat, lief ich in die Richtung, in die auch der Wagen fuhr und
zum Glück dauerte es nicht lang, bis ich ankam. Ein riesiger Stau versperrte
mir die Sicht und eine Menge Menschen tummelten sich auf den Gehsteigen.
Mühselig drängte ich mich durch dieses Chaos und blieb schließlich vor dem
Zebrastreifen stehen. Mit wachsendem Entsetzen, welches langsam in
Ausdruckslosigkeit umschwang betrachte ich die Szenerie, welche sich mir bot.
Mitten auf dem Zebrastreifen stand ein Auto und davor lag ein Kind. Es reichte
ein Blick und ich wusste sofort, um wen es sich handelte. Seine leeren Augen
waren weit aufgerissen und es schien mir, als würde er mir direkt entgegen
starren.
Langsam schritt ich zu ihm, beachtete die Menschen um mich
herum gar nicht. Vor ihm angekommen fiel ich auf die Knie. Ich spürte, wie mir
heiße Tränen über die Wangen liefen, machte mir gar nicht erst die Mühe, sie
wegzuwischen. Sie würden ja doch nur wieder nachkommen. Überall war Blut. Seine
Augen leer und sein Lächeln weg. Die Situation kam mir so unwirklich vor und
dieses Rauschen in meinen Ohren, welches ich immer nur nach seinem Gesang
bekam, tauchte auch plötzlich auf und sorgte dafür, dass der laute Schrei, den
ich aus Verzweiflung ausstieß, weit entfernt klang.  Das Letzte, was ich wahrnahm, war der laute Schrei der
Sirene, ehe ich in eine tiefe Schwärze sank. 
Blinzelnd öffnete ich die Augen und fand mich in einem
weißen Bett wieder. Ich lag wohl im Krankenhaus. Schnell hatte ich die Lage
erfasst und die Erinnerungen kehrten mit der Wucht eines Faustschlags zurück.
Ich spürte schon wieder die Tränen aufkommen und krallte unwillkürlich meine
Finger in die Decke. Nun wurde mir eines klar.
Ich bin dazu verdammt, mit der Erinnerung an einen Jungen
mit einer entsetzlichen Stimme zu leben, nicht wegen seiner Stimme, sondern
weil er der ungewöhnlichste Mensch war, der mir je begegnet ist.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.08.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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