Christiane Rutishauser

Noname (Teil 4) Lucindas Walzer


 
Die alte Lucinda starrte mit ihren fast blinden Augen fassungslos auf das Dach und das Fenster, in welchem der Kater buchstäblich verschwunden war.
Wieso hatte sie das nur angezettelt? Sie machte auf ihre alten Tage nur Dummheiten, nichts als Dummheiten!  
Und obwohl das eigentlich nicht lustig war, kicherte sie in einem plötzlichen und völlig grundlosen Anfall von Heiterkeit auf Katzenart, indem sie sich heftig das runzlige rosa Näschen mit der Pfote rieb. Sie war eben ein wenig verschroben auf ihre alten Tage.
 
Hätte sie ihn vorwarnen sollen? Er hatte so stark und klug ausgesehen und  -getan. Wie hätte sie das ahnen sollen, dass er sich so dumm anstellen würde? Missbilligend nießte sie zweimal.  Und wie er da so gestelzt die Dachrinne entlang spaziert war und sich zur Schau gestellt hatte: Schaut her, schaut her, was ich für ein toller Typ bin! Albern!  
Wenn der Kater Pech hatte, würde der alte Bart eine schöne Puppe aus ihm  machen. Er würde ihm den Bauch aufschneiden und ihn ausstopfen, so wie den alten Stadtfuchs, der ihm ein Huhn aus der Voliere im Hof gestohlen hatte.
Schade eigentlich. Enttäuscht kniff sie die Augen zusammen und gähnte herzhaft.     
 
Um sie herum wurde es jetzt wirklich ungemütlich. Ein Stiefel schrammte haarscharf mit seiner dicken Profilsohle an ihrem linken Ohr vorbei. Arbeiter schrien sich Kommandos zu. Überall trampelten sie jetzt herum, um das große Bierzelt aufzubauen. 
Heute Abend war Seenachtsfest. Das war immer ein großes Spektakel und die Stadt war dann völlig überfüllt mit Menschen. An so einem Abend mussten sich die Vierbeiner wirklich sehr vorsehen, dass sie nicht zertrampelt wurden, oder Schlimmeres. Es gab viele Betrunkene und Unfälle. Die Menschen markierten manchmal ganze Straßenzüge mit ihrem Urin und zerschlugen Flaschen und Gläser, deren Scherben dann versteckt in den Ritzen des Kopfsteinpflasters lagen und böse Schnittwunden verursachten, wenn man hineintrat. Eine gefährliche Nacht war das Seenachtsfest.
 
Lucinda mochte zwar die vielen Menschen und die Hektik nicht, aber  im Gegensatz zu ihren Artgenossen, die sich wegen des Lärms vor Angst verkrochen, liebte sie das große Feuerwerk: Mit lauter Musik, Donner und Getöse wurde Feuer in die Luft geschossen. Von ihrem sicheren Aussichtsplatz auf der Dachterrasse konnte sie alles wunderbar sehen.
Riesige bunte Feuerblumen und –sterne  blühten am Nachthimmel auf und erloschen wieder. Sie leuchteten für einen kurzen, schaurig schönen Moment in allen Farben des Regenbogens, nur um schon bald wieder im Schwarz des Himmels zu vergehen. Zurück blieb nur der Geruch von Schwefel und Rauch.
 
Lucinda ahnte, dass auch sie bald vergehen würde. Ihr Körper ließ sie im Stich. Er war verbraucht und müde, ihre Knochen waren brüchig und schmerzten, die Augen wurden trüb und die Gedanken hüpften wirr in ihrem Kopf herum wie Flöhe. Bissige kleine Flöhe. Sie hatte mehr Erinnerungen als Zähne und es gab nur noch wenige Angelegenheiten, die ihr wichtig waren und für die sie eine Pfote vor die Tür ihres gemütlichen Domiziles setzte, oder sogar ihren Mittagsschlaf unterbrach.
 
Die kleine Prinzessin mit dem komischen Namen war so eine Angelegenheit. Ihr durfte nichts passieren. Die Kleine war ja noch fast ein Kind. Ein dünnes schwarzhaariges Mädchen mit endlos langen Beinen und einer sehr lauten frechen Stimme. Sie war mit ihrer jungen Besitzerin, einer Musikerin, ein paar Häuser weiter eingezogen.
Lucinda lag auf der Türschwelle und döste im Schatten des langweiligen Nachmittages, als sie zufällig vorbei kam. Die Kleine erkundete gerade ihre neue Heimat und stolzierte kokett wie eine Prinzessin, gerade aufgerichtet und leichtfüßig, die Gasse entlang. Sie sah hübsch aus mit ihrem schlanken Hals, um den sich ein,  mit glitzernden Strasssteinen besetztes Halsband, rankte. Als die Kleine sie bemerkte, kam sie unbefangen auf sie zu und sagte:  „Hallo Alte, du scheinst schon länger hier zu wohnen! Weißt du vielleicht, wo ich Kaviar bekommen kann?“
Sie posierte keck und drehte sich ein paar Mal verspielt um die eigene Achse, während sie sprach.
Lucindas Ohren waren nicht mehr so gut, deshalb sagte sie verwirrt: „Wieso ein Klavier? Kannst du denn Klavierspielen?“
Jetzt war es die Kleine, die verdutzt war.
„Klavierspielen? Bist du schon verrückt oder etwa nur schwerhörig? Ich sagte: KAAAVIAAR! Diese kleinen schwarzen, himmlisch schmeckenden Kügelchen! Die meine ich“, erwiderte sie mit übertrieben lauter Stimme, warf sich auf den Boden und kugelte sich so auf Katzenart vor Lachen.
Lucinda wusste nicht, was Kaviar war. So etwas hatte sie noch nie gefressen.
„Das kenne ich nicht“, sagte sie nur.
Es stellte sich heraus, dass die Prinzessin, was die Nahrungsaufnahme anging, sehr verwöhnt und anspruchsvoll war und Kaviar zu ihren Leibspeisen zählte.
Sie war der Meinung, dass man unbedingt einmal im Leben Kaviar gespeist haben sollte und versprach ihr, dass sie zusammen welchen genießen würden.
 
So hatte das angefangen und mit der Zeit war eine richtige Freundschaft daraus geworden. Lucindas Herz krampfte sich vor Sorge zusammen bei dem Gedanken daran, was der alte Bart mit ihr anstellen könnte. Warum hatte er sie eingefangen? Sie war nicht eine, die so leicht in eine Falle tappte und normalerweise ließ er die Finger von Tieren, die im Besitz von jemandem waren. Aber hinter der Kleinen war er von Anfang an her gewesen und  hatte sie mit seinen kleinen Fischen, die er beim Angeln als Köder benutzte, angelockt. Immer wieder hatte er sie mit lebenden Fischen gefüttert, damit sie ihm vertraute und dann, gestern Nacht, hatte er sie plötzlich am Genick gepackt und entführt. Sie hatte geschrien und gekratzt, aber er war einfach stärker gewesen. Er hatte sie geschnappt und in sein Haus eingesperrt. Aber warum?
Wollte er eine Puppe aus ihr machen, weil sie so schön war?
Der Bart hielt Tiere nicht aus reiner Freude, sondern nur, wenn sie ihm nützten. Er hatte Hühner, die ihm Eier lieferten und Titus, der sein Haus bewachte und er fing Fische, die er auf dem Grill zubereitete. Aber Katzen nutzen ihm nichts. Die durfte er nicht haben. Seine Tochter Klara hasste Katzen. Sie mochte nur ihren alten Hund. Sonst konnte sie Tiere nicht leiden. Was also wollte er?
 
Ein wenig ungeschickt, wegen ihrer steifen Gelenke, kratzte sie sich mit dem Hinterlauf am Ohr. Da waren Flöhe in ihrem Fell. Diese Biester. Die waren aber auch so bissig. Sie musste fester kratzen, immer fester.
Im Moment sah es leider so aus, als ob der Kater versagen würde. Wie schade. Er hatte wie ein richtiger Held ausgesehen, aber im Moment sah es danach aus, als würde er ihre Hilfe benötigen.
 
Sie musste handeln und hatte auch schon eine Idee. Eine verrückte, kleine Idee, die aber funktionieren konnte. Sie kratzte sich noch einmal ausgiebig die Flanke, dann richtete sie sich, trotz ihrer steifen Gelenke, zu voller Größe auf und überquerte mit hoch erhobenem Schwanz und wiegendem Gang, so als wäre sie noch ein schönes junges Mädchen, den Platz. Geschickt wich sie dabei den Stiefeln und Gegenständen aus und stolzierte  an den Arbeitern vorbei, elegant wie eine feine Dame.
 
Das was sie vorhatte, der geniale Plan, war alles andere als damenhaft. Es war sogar eine Schweinerei, aber es konnte funktionieren. Sie tröstete sich damit, dass ungewöhnliche Situationen eben ungewöhnliche Maßnahmen erforderlich machten und hoffte inständig, dass keine andere Katze aus dem Revier beobachtete, was sie tun musste. Es würde nämlich sehr schwierig sein, ihren guten Ruf wiederherzustellen.
 
Vor der schweren, immer gut verschlossenen Haustüre des alten Bart, machte sie Halt. Ihr blieb nicht viel Zeit. Von weitem sah sie bereits Klara mit gestresster Miene und Titus im Schlepptau vom Gassi gehen zurückkommen. Energisch bahnte sie sich und dem Hund einen Weg durch die Menschenmenge.
 
Lucinda kniff die Augen zusammen  und drehte langsam und elegant wie eine Tänzerin ein paar Runden um die eigene Achse, um sich zu lockern. Sie dehnte und streckte sich, bis die rothaarige Klara sie bemerkte. Dann ging sie mit breitem Becken und herausforderndem Blick in die Hocke. Klara rief etwas, dass sie wegen der Entfernung und wegen des Lärms, den die Arbeiter machten, nicht verstehen konnte, aber ihre Miene ließ keinen Zweifel daran, dass es etwa Unfreundliches war.
 
Lucinda konzentrierte sich voll und ganz auf ihr Tun und fing an zu drücken. Sie drückte und drückte, und machte direkt auf Barts Türschwelle ein großes Geschäft. Klara, die das Geschehen beobachtet hatte bekam einen roten Kopf und fing an zu zetern, der Hund begann zu kläffen und die Arbeiter drehten verwundert die Köpfe in ihre Richtung. Es war vollbracht. Lucinda lehnte sich zufrieden ganz nah an die schützende Hauswand und wartete.
„So eine Sauerei! Das mache ich nicht weg“, schrie Klara so laut, dass sie sogar den allgemeinen Lärm übertönte. „Maria, Maria, sie mal, was deine Katze, das blöde Vieh, gemacht hat. MAAARIA!“
Sie schlug einen Haken und stapfte zum anderen Haus hinüber, um wie verrückt auf die Klingel zu drücken. Marias weißer Haarschopf zeigte sich nach einer Weile am Fenster und die beiden begannen miteinander zu streiten wie Waschweiber. Die eine schimpfte spöttisch aus dem Fenster, die andere keifte von unten herauf wie ein kleiner Pinscher. Sie waren noch nie die besten Freundinnen gewesen und nutzten die Gelegenheit um sich gegenseitig, alles was sich an Beleidigungen und Frust in den letzten Jahren angestaut hatte, an den Kopf zu werfen.  
 
Der alte Bart musste etwas von dem Tumult mitbekommen haben, denn er kam eilig die Treppe herunter getrampelt und riss die Haustüre auf. Ehe es jemand hätte verhindern können, machte er einen Schritt nach draußen und trat mitten hinein in Lucindas Häufchen. Während er fluchend nach seiner Tochter rief und auf einem Bein balancierte, um sich das Malheur anzuschauen, schlüpfte Lucinda unbemerkt durch den geöffneten Türspalt hinein ins Haus. Sie hatte ihr Ziel erreicht und der Plan war aufgegangen.
 

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