Sabrina Eder

Mask Savior

Heute war es soweit.
Heute war mein 16. Geburtstag; das Ende der Welt.
Nein, war nur Spaß. Es war zwar nicht das Ende der Welt, aber etwas Ähnliches, zumindest für mich. Denn heute war der Tag, an dem nicht nur ein großer Maskenball stattfand, ich musste auch noch einen Bräutigam finden. Doch ich kann sowas an einem Abend doch nicht entscheiden. Mein Name ist Kiku und dieser Geburtstag wird wohl der schlimmste, den ich je hatte oder haben werde.
Grübelnd lag ich in meinem Bett, ich hatte nicht mehr lange Zeit, dann würde meine Kammerzofe kommen und mich für den Ball fertigmachen. Plötzlich klopfte es an der Tür. Ich dachte schon, das wäre sie bereits, doch als ich „Herein“ rief, trat jemand anderes ins Zimmer.
„Yukio? Was willst du?“
Yukio war der Sohn eines Freundes von meinem Vater. Er war etwas älter als ich, musste mir aber Respekt zollen, da er nicht vom Adel war. Außerdem wohnte er auch in diesem Schloss, weil er meinen Vater bat, hier zu dienen. So begegnete ich ihm also fast jeden Tag.
„Was ist denn dir über die Leber gelaufen? Du hast schließlich heute Geburtstag.“
„Tja, und genau das ist das Problem.“
Er lächelte leicht und kam auf mich zu; blieb vor meinem Bett stehen. Ich setzte mich auf und umschlang meine Knie. Mein Blick glitt traurig zu Yukio. „Ich will nicht heiraten“, gab ich leise flüsternd von mir.
„Wer weiß, ob sich überhaupt jemand finden lässt, der dich heiraten will. Dieser Kerl tut mir jetzt schon leid“, meinte er neckend.
„Hey!“ rief ich und verpasste ihm für diesen Kommentar einen leichten Schlag. „Du heiterst mich wirklich auf.“
„Das ist doch schließlich mein Job“, lachte er.
Beleidigt blies ich die Wangen auf. „Also du wärst auf jeden Fall der Letzte den ich jemals heiraten würde.“
Er blinzelte kurz, gab aber sofort eine freche Antwort zurück.
„Da kann ich aber froh sein. Hab ich ja nochmal Glück gehabt.“
„Man du bist echt fies.“ Ich seufzte. Auch wenn er immer so frech war, verband uns komischerweise doch eine enge Freundschaft. Da fiel mir plötzlich etwas ein.
„Was wolltest du nun eigentlich?“ Fragend sah ich in seine grünen Augen.
„Ach, das hätte ich ja beinahe vergessen.“ Er wühlte einen Moment in seiner Tasche und zog dann eine kleine Schachtel heraus, welche er mir in die Hand drückte. Ich sah ihn verwirrt an, doch er lächelte nur. „Na los, mach es auf“.
Ich tat wie geheißen und öffnete es. Darin lag eine silberne Kette mit einem Türschloss als Anhänger. Es war mit vielen Verschnörkelungen verziert; einfach wunderschön. Ich wollte mich gerade bedanken, als Yukio plötzlich mit einem Schlüssel, welcher auf einem Lederband hing, vor meinem Gesicht  herum wedelte. Mit einem Grinsen auf seinen Zügen meinte er: „Und das ist der Schlüssel dazu.“
Aus einem mir unerfindlichen Grund spürte ich, wie mein Gesicht anfing, rot anzulaufen.
„Wieso wirst du denn rot, hm?“ Durch diese Frage wurde ich nur noch röter, weshalb ich mein Gesicht schnell weg drehte. „Bilde dir bloß nichts darauf ein“, murmelte ich. „Aber danke, sie gefällt mir sehr gut.“
Er lächelte wieder, machte mir die Kette um und verschwand nach kurzer Zeit. Mein Herz klopfte irgendwie schneller, als sonst. Ich ging nicht weiter darauf ein, sondern genoss noch die letzten ruhigen Momente, bis schließlich meine Zofe ins Zimmer kam.  
 
Es waren nur noch wenige Sekunden, bevor sich die riesige Doppeltür, welche in einen ebenso riesigen Ballsaal führte, in welchem wiederum über hundert Gäste und davon sicher zwei Drittel Männer bereits auf mich warteten, öffnen würde. Ich trug ein bodenlanges dunkelblaues Kleid, das ab der Hüfte immer breiter wurde. Um meine Taille schlang sich noch ein weißes Band, das an der Seite zu einer Schleife gebunden war. Die braunen Haare offen, nur die vorderen Strähnen ebenfalls mit einem weißen Band nach hinten gesteckt. Die Kette von Yukio trug ich natürlich auch und als Abrundung noch eine blaue Maske mit weißem Rand, welche meine Augen umrahmte. Ich atmete nochmal tief durch, bevor ich langsam einen Schritt nach vorn machte. Noch einen. Die Türen öffneten sich. Und noch einen. Und immer mehr. Bis ich schließlich vor meinem Vater zum Stehen kam und auf die vielen Gäste vor mir sah. Da ich mich auf einem Maskenball befand, trugen natürlich auch die anderen Masken, welche aber genau wie meine nur den Augenbereich verdeckte. Ein Raunen durchquerte den Saal, welches öfters widerhallte. Mein Vater ließ ein paar Worte ertönen, bevor er mich einfach zu allen möglichen Gästen führte und vorstellte. Wie ich es mir schon dachte, waren dir meisten, die ich kennenlernte, Männer, die mich heiraten wollten. Und es gab keinen, welcher mich auch nur ansatzweise interessierte.
 
Endlich kamen wir zum letzten Gast. Es war auch ein Mann. Während mein Vater über mich sprach, ruhte der Blick des Gastes die ganze Zeit über auf mir. Er war der einzige, der sich nicht mit meinem Vater unterhielt. Ein seltsames Kribbeln durchfuhr meinen Körper, als sich unsere Blicke kreuzten.
„Ich lass euch dann mal allein“, erklang es von Seiten Vaters. Mir blieb gar keine Zeit, ihm nachzusehen, da der Mann vor mir wieder meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Er nahm meine Hand in seine, um mir einen Kuss auf den Handrücken zu drücken. Ich ließ es geschehen, beobachtete ihn jedoch weiterhin misstrauisch. Dieser Mann war bis jetzt anders, als die anderen, aber geheuer war mir das Ganze irgendwie auch nicht. Egal, wie nett er nun schien. Er verbeugte sich leicht.
„Wenn ich mich nun vorstellen darf. Mein Name ist Kiyoshi, es freut mich eure Bekanntschaft zu machen“, verkündete er mit einem leichten Grinsen auf seinen Zügen. Meine Augen musterten ihn genauestens. Kiyoshi, nie von ihm gehört. Er trug einen normalen schwarzen Anzug, unterschied sich also nicht besonders von den anderen. Nur sein blondes Haar war das, was ihn aus der Menge herausstechen ließ. Tiefschwarze Augen, welche von einer weißen Maske umrandet wurden, strahlten mir entgegen. Er sah gut aus, das musste man ihm lassen. Doch dies war nun mal bekanntlich nicht alles.
„Freut mich ebenfalls“, meinte ich lächelnd.
 
Zuerst war es nur Smalltalk, aber mit der Zeit verstanden wir uns wirklich gut. Wir kamen immer tiefer ins Gespräch, so dass ich mit den anderen Gästen gar nicht mehr sprach. Sondern nur noch mit ihm. Und ohne, dass ich es merkte, begann ich sogar mit ihm zu flirten, bis wir schließlich zusammen in den Garten verschwanden, um ein bisschen allein zu sein. Auch wenn ich eigentlich nicht heiraten wollte, so konnte ich mir doch vorstellen, mein Leben an der Seite Kiyoshis zu verbringen. Aber ob ich wirklich schon dazu bereit war?
Ich war so sehr in meine Gedanken vertieft, dass ich gar nicht bemerkte, wie wir an einer Bank anhielten und er mich mit sanftem Druck darauf hinwies, Platz zu nehmen. Er setzte sich neben mich und starrte mich, wie es mir vorkam, eine Ewigkeit an. Ich starrte zurück und bemerkte, dass sich sein Gesicht meinem immer mehr näherte. Als er nur noch wenige Zentimeter von mir entfernt war, hauchte er ein „Heirate mich!“ gegen meine Lippen, bevor er sie auch schon mit seinen verschloss. Ich war wie erstarrt, rührte mich nicht, in meinem Kopf drehte sich alles. Ich hätte mir zwar denken können, dass alles darauf hinaus lief. Aber jetzt, wo es soweit war, fand ich zu keiner Antwort. Als er sich wieder von mir löste, sah er mir eindringlich in die Augen. Er schien auf eine Antwort zu warten. Mit viel Mühe schaffte ich es, die richtigen Worte wenigstens zu flüstern. „Es tut mir leid.“
Damit war die Sache klar. Ich konnte ihn nicht heiraten. Ich konnte es einfach nicht. Und auch in seinen Augen sah ich die Erkenntnis, doch auch etwas anderes schien in ihnen aufzulodern, für mich jedoch nicht zu erkennen.
„Warum?“,  presste er hervor.
„Ich kann es einfach nicht“, entschuldigend sah ich ihn an.
Zuerst wurde sein Blick traurig, doch plötzlich bildete sich ein Grinsen auf seinen Zügen.
„Und was, wenn ich dich nicht gehen lasse? Wenn ich mich nicht damit zufriedengebe?“
Meine Augen weiteten sich.
„Willst du mich etwa zwingen, dich zu heiraten?“
„Nenn es, wie du willst. Du solltest nur wissen, dass ich stets das bekomme, was ich will und das bist du.“ Während seiner Worte nahm er seine Maske ab und ich konnte nun deutlich das gierige Funkeln in seinen Augen erkennen.
„Heißt das, deine freundliche Art von vorhin war nur gespielt?“ Langsam wurde ich wütend.
„Schlaues Mädchen. Aber da es mit der netten Seite nicht geklappt hat, muss ich es wohl so machen.“ Mit diesen Worten riss er mir meine Maske vom Gesicht und presste seine Lippen nochmals auf meine, nur diesmal war der Kuss drängender. Seine Hände fuhren gierig über meinen Körper. Verbissen versuchte ich mich zu wehren, doch eine seiner Hände nagelte meine Handgelenke über meinem Kopf fest, so dass ich keine Chance mehr sah, zu entkommen. Nun wanderten seine Lippen über meinen Hals. Mir stiegen die Tränen in die Augen, ich wollte schreien, doch ich brachte keinen Ton über meine Lippen. Die Lage sah schlecht aus. Diesen Typen sollte ich also heiraten? So konnte es doch nicht enden. Doch als für mich schon alles verloren schien und ich die Hoffnung bereits aufgab, wurde Kiyoshi plötzlich von mir weggerissen.  Verwundert, sein  Gewicht nicht mehr auf mir zu spüren, sah ich auf. Prinz Kiyoshi wurde von einem mir fremden Mann festgehalten. Er blickte in seine Augen, ließ ihn schließlich los und schon in wenigen Sekunden war der Prinz abgehauen. Nun sah ich meinen Retter verwirrt, aber auch dankbar in die Augen. Er trug eine schwarze Maske und ein Cape um seine Schultern. Der Hut, welchen er auch noch trug, verbarg durch den Schatten, den er warf seine Haarfarbe. Ich konnte aber schwören, dass ich diese grünen Augen kannte, aber mir wollte einfach nicht einfallen, woher.
„Wer bist du?“, fragte ich ihn, bekam jedoch keine Antwort, stattdessen trat er an mich heran und zog mich blitzschnell in seine Arme.
Ich riss meine Augen auf, war viel zu geschockt, um mich zu bewegen oder sonst etwas zu unternehmen. Doch irgendwie wollte ich das gar nicht.
„Ich beschütze dich“, flüsterte er in mein Ohr und jagte mir somit einen Schauer über den Rücken. Eine Weile lang blieben wir reglos stehen, bis er sich langsam von mir löste und mir den Arm hinhielt. Ich fasste diese Geste so auf, als würde er mich fragen, ob ich mit ihm spazieren gehen würde. So nickte ich und hackte mich bei ihm ein. Obwohl er mir doch eigentlich völlig fremd war, spürte ich in seiner Gegenwart eine gewisse Geborgenheit.
Er führte mich durch den ganzen riesigen Garten, führte mich zu Orten, welche ich noch gar nicht kannte. Der Mond leuchtete auf uns herab und hüllte alles in einen geheimnisvollen Nebel. Schlussendlich kamen wir an einem Brunnen an.  Überall, wohin ich sah, konnte ich weiße Nelken erkennen. Es war wirklich wunderschön. Die Zeit war so unglaublich schnell vergangen und erst jetzt fiel mir auf, dass ich bis zum jetzigen Moment kein Wort mit ihm gewechselt hatte. Ich konnte vom Schloss aus Musik hören, welche von den Geräuschen der Natur begleitet wurde. Er streckte mir die Hand entgegen und ich antwortete ihm, indem ich meine Hand in seine legte. Sofort zog er mich näher an sich und wir begannen langsam im Takt der Musik zu tanzen. Er führte mich so perfekt über die Wiese und Wege, dass es sich anfühlte, als würde ich schweben.
Als das Lied endete, löste er sich von mir und ließ mich auf den Rand des Brunnens Platz nehmen. Bevor er es mir gleich tat, wandte er sich für einen Moment von mir ab. Ich sah nicht, was er tat, doch als er sich wieder zu mir drehte, hielt er eine blaue Nelke in der Hand, welche er mir lächelnd entgegenstreckte. Ich nahm sie an, doch zugleich wunderte ich mich auch woher er sie hatte, schließlich wuchsen hier doch nur weiße Nelken. Nebenbei war es noch seltsamer, dass ich von diesem Teil des Gartens gar nichts wusste, und dabei waren Nelken doch meine Lieblingsblumen. Da fiel mir plötzlich noch etwas ein. Ich wandte mich zu dem Fremden, welcher sich gerade neben mich setzte.
„Sag, wie ist dein Name?“
Er antwortete nicht sofort, sondern nahm zuvor noch eine Strähne meines Haars in seine Hand, dann fing er an zu sprechen.
„Das bleibt mein Geheimnis, Prinzessin“, meinte er.
Obwohl wir kaum ein Wort miteinander gewechselt hatten, fühlte ich mich bereits auf eine seltsame Art zu ihm hingezogen.
Eine angenehme Stille umhüllte uns diesmal und erst jetzt bemerkte ich wie sich seine Lippen meinen langsam näherten. Langsam schloss ich die Augen, wollte es zulassen. Unsere Lippen waren nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt, doch bevor es zu einem Kuss kommen konnte, hörten wir plötzlich ein lautes Gebrüll, das uns auseinanderfahren ließ. Es waren Wachleute, gefolgt von Prinz Kiyoshi und meinem Vater. Mein Retter sprang sofort auf und wandte sich schon um zum Gehen, doch ich hielt ihn auf.
„Warte“, rief ich. „Bitte geh nicht“. Es war mir unbegreiflich, doch schon in dieser kurzen Zeit hatte ich mich an seine Nähe so sehr gewöhnt, dass ich es mir ohne diese Nähe gar nicht mehr vorstellen konnte.
Er kam mir nochmal näher und während er mir ins Ohr flüsterte, drückte er mir etwas in die Hand.
„Keine Sorge, ich komme wieder. Ich lass dich nicht allein.“
Und schon war er weg. Die Wachen verfolgten ihn gar nicht, sondern gingen wieder zurück zu ihrem Platz, doch der Prinz und mein Vater blieben vor mir stehen. In dem ganzen Aufruhr hatte ich schnell den Gegenstand, den er mir gegeben hatte, in einer Tasche meines Kleides verstaut.
Mein Blick viel auf meinen Vater, welcher zum Reden anfing.
„Also wirklich Kiku, kurz vor deiner Heirat noch mit einem anderen zu flirten, das gehört sich doch nicht.“ Tadelnd wackelte er mit dem Finger.
„A..aber ich habe mich doch noch gar nicht entschieden“, brabbelte ich vor mich hin, als mein Blick zu Kiyoshi wanderte. Er grinste und ging langsam auf mich zu.
„Was redest du denn da, Kind. Kiyoshi hat doch schon bei mir um deine Hand angehalten. Natürlich wirst du ihn heiraten, er ist der perfekte Mann für dich“, verkündete Vater freudig.
Meine Augen weiteten sich geschockt und ich wollte gerade sagen, dass ich diesen Prinzen um nichts in der Welt heiraten würde, doch da fühlte ich plötzlich genau diesen hinter mir stehen. Er flüsterte etwas in mein Ohr, sodass nur ich es hören konnte und mein Vater nichts davon mitbekam.
„Ein falsches Wort und ich sorge für einen Krieg, den du noch nicht erlebt hast.“
Ich drehte meinen Kopf leicht seitlich, um ihm in die Augen zu sehen und hielt geschockt den Atem an, als ich seinen Blick sah. Er war nicht mehr freundlich, sondern nur noch kalt und berechnend. Mein Mund schloss sich wieder und ich blickte stur gen Boden. Ich spürte seinen Arm, welcher sich um meine Taille schlang. Und während wir still auf dem Weg Richtung Schloss waren, spuckte immer wieder dieselbe Frage in meinem Kopf.
„Was mache ich denn nun?“
Nur leider, wie zu erwarten bekam ich keine Antwort und mir entwich dem entsprechend auch ein lautloser Seufzer, welcher von den anderen unbemerkt blieb. Als wir endlich im Inneren des Schlosses ankamen, bemerkte ich, dass die meisten Gäste schon wieder gegangen waren. Kiyoshi würde wohl hierbleiben. Ich verschwendete keine Worte, sondern stieg bereits die ersten Stufen hoch, welche mich zu meinem Zimmer führten, jedoch wurde ich von einer Hand, die meinen Arm festhielt aufgehalten. Langsam wanderte mein Blick zu dieser Hand und schon fand ich heraus, wem diese gehörte. Kiyoshi stand vor mir, mein Vater war nicht mehr zu sehen.
„Du willst mich doch nicht etwa schon verlassen?“ kam es vom ihm und ein Grinsen legte sich auf seine Züge. Meine Augen verengten sich, was ihn scheinbar nur noch mehr zu amüsieren schien. Ich entriss ihm meine Hand und zischte gepresst:
„Ich werde dich niemals heiraten und falls du mich zwingst, werde ich alles Mögliche versuchen um das zu verhindern. Lieber würde ich sterben, als dich zu ehelichen.“
Zu schnell, als dass ich hätte reagieren können zog er mich zu sich heran und sein Gesicht hielt nur wenige Millimeter vor meinem, während mich seine Augen schier durchbohrten. Nur sehr leise waren seine nächsten Worte zu hören, für mich jedoch war jedes mehr als deutlich.
„Das ließe sich einrichten. Aber denk bitte daran, dass nicht nur dein Leben dann auf dem Spiel steht.“
Endlich ließ er mich los, und ich machte mich sofort daran – die Tränen zurückhaltend - den Weg in mein Zimmer zu finden. Als ich die Tür hinter mir zu machte, holte ich zuerst tief Luft, bevor ich schluchzend an der Tür lehnend auf den Boden glitt, meine Beine an mich zog und meinen Tränen freien Lauf ließ.
Erst nach einer mir endlos langen Zeit versiegten die Tränen und ich schleppte mich zu meinem Bett, um mich meines Kleides zu entledigen und schlafen zu gehen. Doch als ich mein Kleid aufs Bett warf, hörte ich etwas scheppern. Der Gegenstand, den ich von meinem Retter bekam, war anscheinend aus der Tasche meiner Kleidung gefallen. Ich hob ihn vom Boden auf und musste überrascht feststellen, dass es ein Schlüssel war. Doch was mich schockte war, dass mir dieser Schlüssel mehr als bekannt vorkam. Und fast sofort fiel mir auch ein, woher ich ihn kannte. Aber das konnte doch gar nicht sein. War das denn möglich? Plötzlich war ich hellwach. Ich nahm das Schloss an meiner Kette in die Hand, steckte den Schlüssel langsam ins Schlüsselloch und drehte ihn herum. Das Schloss schnappte auf und lieferte mir somit die richtige Antwort. Ein Lächeln bildete sich auf meinen Zügen und ich stürmte aus meinem Zimmer. Meine Füße trugen mich zuerst zu SEINEM Zimmer. Ich klopfte an, trat jedoch nach kurzem Zögern ein. Doch es stellte sich schnell heraus, dass er hier nicht war. Als nächstes führte mein Weg zur Dienerschaft. Ich bemerkte, dass es bereits Mitternacht war, rannte jedoch unbeirrt weiter. Als ich auf einen Diener traf, fragte ich ihn, wo ER sei. Doch wider Erwarten wusste er es nicht. Mein Vater würde schon schlafen, den könnte ich also nicht fragen. So durchkämmte ich selbst jeden Winkel in dem riesigen Schloss, aber ER war nirgends zu finden. Schließlich ging ich wieder in mein Zimmer zurück, enttäuscht ihn nicht gefunden zu haben. Langsam sank ich aufs Bett und schloss die Augen, schlug sie jedoch nach kurzer Zeit wieder auf. Es war mir unmöglich in diesem Moment einzuschlafen und so starrte ich ruhelos an die Decke. Bis ich wieder ein Geräusch hörte und schlagartig aufrecht im Bett saß. Mein Blick fiel aufs Fenster, wogegen ein Stein geschmissen wurde. Nun wusste ich, was das Geräusch war, aber eine Frage blieb noch offen. So stürmte ich zum Fenster, riss es auf und trat auf den kleinen Balkon hinaus. Was ich erblickte, raubte mir für einen kurzen Moment den Atem. Dort unten im Garten stand er. Mein Retter mit der schwarzen Maske. Er breitete die Arme aus und ohne groß nachzudenken, sprang ich. Wie zu erwarten landete ich in seinen Armen.
„Ich bin so froh, dass du wiedergekommen bist.“
„Ich habe es dir ja versprochen“, erwiderte er und ließ mich herunter.
Ich lächelte, nahm seine Hand und legte den Schlüssel hinein.
„Den möchte ich dir wieder zurück geben…“, ich zögerte noch kurz, sprach aber dann auch das Letzte aus „…Yukio.“
Er sah mich zuerst überrascht an. Dies verwandelte sich aber schnell in ein Lächeln.
„Du hast es also herausgefunden“, erklang seine Stimme erneut und plötzlich war sie mir kein bisschen mehr unbekannt. Ich nahm ihm seine Maske ab und lächelte ihn unschuldig an.
„Nur durch den Schlüssel hab ich es erraten.“ Ich war so unglaublich froh, ihn zu sehen, doch meine Freude verschwand schnell wieder. Mein Kopf senkte sich, so dass man meine Augen nicht mehr sehen konnte.
 
„Hey, was ist denn los?“ Verwundert über ihre Stimmungsschwankung hob Yukio ihr Kinn an, um ihr in die Seelenspiegel zu schauen. Was er sah, schockierte ihn und seine Augen weiteten sich. Ihr rannen unaufhörlich Tränen über die Wangen. Ihr Blick spiegelte Verzweiflung wieder.
 
Ich krallte mich in sein Gewand und schluchzte laut auf.
„Ich will Kiyoshi nicht heiraten. Niemals!“, um meine Worte zu unterstreichen, schüttelte ich noch den Kopf. Doch Yukio lächelte nur wieder, worauf ich ihn verständnislos anblickte. Er schien mein Gesicht richtig zu deuten, weshalb er sich zu erklären begann.
„Was glaubst du denn, wieso ich hier bin?“ fragte er mich grinsend.
Ich blinzelte aber nur verwirrt und forderte ihn somit auf, weiter zu sprechen.
„Natürlich, um dich von hier weg zu bringen. Vorausgesetzt du willst mitkommen.“
Meine Verwirrtheit sprang mit sofortiger Wirkung auf Freude um. Ich warf mich ihm wortwörtlich an den Hals und sah ihn glücklich an.
„Wie kannst du so etwas auch nur fragen. Natürlich komm ich mit. Ich will nur noch weg von hier und…“, ich spürte, wie meine Wangen glühten, denn ich hatte nun endlich denjenigen gefunden, mit dem ich zusammen sein wollte. Nur blöde, dass ich erst so spät darauf gekommen bin „…ich möchte mit dir und mit niemand anderem zusammen sein.“ Was als nächstes geschah, konnte ich beim besten Willen nicht vorhersehen. In weniger als einer Sekunde hatte er mich zu sich gezogen und seine Lippen mit meinen versiegelt. Zuerst tat ich gar nichts, so überrascht war ich, doch dann erwiderte ich den Kuss und schloss die Augen. Als wir uns voneinander lösten, flüsterte er:
„Ich liebe dich!“
Ich musste grinsen. Unglaublich dass es mal so weit kommen würde. Doch um mit dem Menschen zusammen sein zu können, den man liebt, musste man eben Opfer bringen. Und das Opfer, meinen Vater und Kiyoshi vielleicht nie wieder zu sehen, nahm ich liebend gern in Kauf. Ich zog ihn an seinem Kragen zu mir heran und flüsterte ebenso, bevor ich meine Lippen nochmals auf seine legte.
„Und ich dich erst!“
Nach diesem Kuss nahm er mich auf die Arme und rannte aus dem Garten.
„Und wohin geht´s?“, fragte ich neugierig.
„Wohin immer du willst“, antwortete er mir nur grinsend.
„Na dann…, mir egal. Hauptsache weg von hier.“
Mit diesen Worten  schloss ich meine Augen und schmiegte mich an seine Brust.
Es war noch nicht klar, wo wir landen würden. Aber das war egal, solange ich einfach nur bei ihm sein konnte. Bei meinem Freund. Bei meinem maskierten Retter.
 
Ende!
 
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.08.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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