Irene Beddies

Wendel, das Gespenst: Im Keller



Ein fürchterliches Weinen und Schreien erklang plötzlich im Keller.
„Ich will aaaartig sein, Mamaaa, ich will aaaartig sein!“ Das Geschrei war so laut, dass selbst ein Gespenst davon aufwachen musste, obwohl es noch lange nicht Mitternacht war.
Wendel schreckte hoch. „Was ist los?“ rief er so laut er konnte.
„Hilfe, Hilfe“, schrie ein kleiner Junge und weinte noch lauter.
„Pst, pst, ich tu dir doch nichts“, beruhigte ihn Wendel. „Ich habe mich letzte Nacht hierher verirrt und möchte doch nur in Ruhe schlafen. Warum machst du so ein Geschrei?“
„Tust du mir wirklich nichts?“, schluchzte der Junge und wischte sich die Tränen mit der Faust ab.
„Nein, ganz bestimmt nicht. Ich bin nur ein kleines Gespenst.“
„O, o,  ein Gespenst!“, schrie der Junge und fing wieder an zu weinen.
„Sei still, ich tu dir wirklich nichts“, versicherte Wendel noch einmal in eindringlichem Ton. „Sag mal. Warum bist du hier und heulst so im Dunkeln?“
„Meine Mama hat mich in den Keller gesperrt, weil ich nicht artig war.“
„Was ist artig?“
Der kleine Junge hörte sofort auf zu weinen  und fragte erstaunt:
„Das weißt du nicht? Artig ist, wenn man…“, und hier musste er erst einmal überlegen. „Ich glaube, artig ist, wenn man Mama gehorcht und tut, was sie sagt.“
„Aha. Und hast du das nicht getan?“
„Nein. Mama hat mir verboten die Schere zu nehmen. Aber da war eine so schöne Blume in der Tischdecke, die habe ich ausgeschnitten. Mama ist ganz böse geworden und hat mich hier in den dunklen Keller gesteckt. Ich wollte doch nur ein schönes Bild für Papa kleben.“
„Sei nicht traurig. Du musst das deiner Mama später genau erklären.“
Dann schlug Wendel vor: „ Wir können uns gegenseitig Geschichten erzählen, bis deine Mama kommt. Dann ist die Zeit nicht so lang“.
Und so erzählte das Gespenst etwas von seinen Abenteuern in der Nacht, und der kleine Junge erzählte vom Kindergarten.
Nach einer Weile hörten die beiden Schritte auf der Kellertreppe. Schnell versteckte sich Wendel wieder hinter seinem Gurkenglas.
„Verrate mich nicht! Ich komme immer mal wieder vorbei, um dich zu besuchen. Wir könnten doch Freunde sein.“ 
„Au ja“, sagte der kleine Junge erfreut.
Die Kellertür ging auf und die Mutter machte Licht.
„Entschuldige bitte, Mama“, flüsterte der Junge, „ich wollte doch nur ein schönes Bild zu Papas Geburtstag kleben, da brauchte ich die Blume.“
„Ist ja schon gut“, murmelte die Mutter und nahm den Jungen fest in den Arm. „Ist ja gut, Paul. Jetzt komm mit rauf in die Küche, wir wollen Papa einen Kuchen backen.“
Sehr müde lag das Wendel hinter dem Gurkenglas und schlief beruhigt wieder ein.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.08.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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