Andreas Rüdig

Der kirchliche Streit

Wer randaliert zu so früher Stund´?
Es ist der Teufel, er tut Anwesenheit kund.

Graus, oh Graus,
der Teufel ist im Haus.

Cheffe?
          Ja, Knecht?
                         Siehst du die Schmierereien da auf der Hauswand?
                                                                                                 Natürlich sehe ich die. Das ist ja alles groß genug geschrieben. Das kann nur dieser Volltrottel von Egbert-Ansgar Schmidt-Schmitt gewesen sein. Es würde doch sonst niemand wagen, die Wände unseres heiligen Gemeinderaumes dergestalt zu verschandeln.
                    Richtig, Cheffe. Aber was machen wir mit Schmidt-Schmitt?
                                                                                                          Ihn exkommunizieren natürlich, du Idiot. Was denn sonst?


Wann wird man aus einer Kirche exkommuniziert? Wenn man meint, Gott zu sein und die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben? Wenn man Gemeindeleiter werden möchte? Wenn man die Tochter vom Chef liebt und anbaggert? Wenn man die sprichwörtlichen silbernen Löffel klaut?

Keine Ahnung. Ich persönlich bin jedenfalls der Meinung, daß Cheffe, unser Gemeindeleiter, ein schlechter Prediger ist. Zu viele "ähs" und "öhs" zeugen von einer gewissen Unsicherheit beim Reden. Hört man ihm genauer zu, hat man ganz schnell den Eindruck, Cheffe hat sich nicht auf die sonntägliche Predigt vorbereitet, sondern erzählt einfach nur das, was ihm gerade in den Sinn kommt.

Wie kannst du es wagen, ...?

Mit diesen Worten begann das klärende Gespräch mit Cheffe. Kritikfähigkeit war noch nie seine Stärke.

Am kommenden Sonntag hälst du die Predigt. Und zwar über das Hohelied der Liebe, wie wir es von Salomo kennen.

Das waren definitiv die letzten Worte, mit denen Tyrann Cheffe unsere Unterhaltung beendete.

Was - ich soll die Predigt am Sonntag halten? Wie geht das denn? Ich kann das doch gar nicht! Im ersten Augenblick gingen mir solche Gedanken durch den Kopf. Doch dann fing ich an, zu überlegen. Liebe? Liebe? Was kann man darüber im sonntäglichen Gottesdienst erzählen?

Die harmlos, kirchentaugliche und familiengerechte Version ging mir durch den Kopf. Die Liebe zwischen Mann und frau, die darauf ausgerichtet ist, Kinder in die Welt zu setzen. Das kollegiale Miteinander am Arbeitsplatz.Die geistige Liebe zu Gott. Die Zuneigung zu Oper / Operette, Musik, Theater, Literatur, Bildhauerei, der Kunst allgemein.

Oder soll es etwas härter zugehen? Männliche und weibliche Homosexualität? Zoophilie? Päderastentum? Nekrophilie? Sado-Maso, Voyeure, Exhibitionisten?

Der Auftrag kam am Freitagabend. Ich hatte also nicht viel Zeit, mich auf die Predigt vorzubereiten. Meine theologische Bibliothek zu Hause ist auch eher klein und ungeordnet.

Meine Predigt war trotzdem ein voller Erfolg. Zumindest am Anfang. Da kamen nämlich die Gottesdienstbesucher auf mich zu und beglückwünschten mich zu meiner Predigt. Vor allem die vielen lebenspraktischen Themen (wie beispielsweise pubertierende Kinder, keifende und zickende Ehefrauen, nervende Kegelschwestern, stressige Arbeitskolleginnen) und dei Antwort auf die Frage, wie man damit umgeht ("Nervt zurück!") seien doch sehr lehrreich gewesen. Man matte mir offenbar und offensichtlich nicht so viel Lebenserfahrung zugetraut.

Doch dann kam Cheffe. Ich habe noch nie und von niemandem so viel verbale Prügel bekommen wie von ihm. Nach seinen Worten bin ich ein totaler Vollidiot. Er hätte ja wohl eine Interpretation des Textes erwarten dürfen und zwar hinsichtlich Entstehungsgeschichte, Einordnung in den biblischen Textkanon, Übersetzung, Wortwahl und Bedeutung für unser heutiges Leben.

Stattdessen hätte ich allgemeines Geschwafel über mein eigenes kleines, bescheidenes Leben abgeliefert. Wer ein inkompetenter Dummschwätzer ist, das sei ja wohl klar und eindeutig - nämlich ich.

Damit war das sprichwörtliche Tischtuch endgültig zerschnitten. Diese hier offenbarten theologisch-inhaltlichen Differenzen führten auch zu den anfangs erwähnten Schmierereien. Ich werde endgültig aus dieser Kirche austreten. Jawoll ja - dann kann ich nämlich ungehindert über die menschliche Sexualität predigen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.08.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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