Robert Nyffenegger

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.Atlantik2

 

Mannschaft: Der Skipper ist bereits beschrieben

Ich, spotte jeder Beschreibung. Trotzdem sei erwähnt, dass ich als stolzer A-Segelschein Besitzer (A steht für Anfänger) meinen 1952 ausgestellten Fetzen in die verschiedensten Sprachen übersetzen und beglaubigen liess.“ Erlaubt Flösserei bis vier Baumstämme“ bereitete dem Übersetzer etwas Kopfzerbrechen. Meine Zusatzfunktion als Kurpfuscher verpflichtet zu einer umfassenden Bordapotheke inklusive Ops-Instrumentarium. Jeder weiss, dass bei solchen Gelegenheiten immer der Blinddarm zu platzen droht. Es stellt sich leider heraus, dass ich der einzige Blinddarmbesitzer bin. Den Spiegel zur Selbstbehandlung nehme ich vorsorglich mit.
Köchin, Putz-und Waschfrau, sowie Seelenklempnerin meldet sich von Beginn an aus dem Bekanntenkreis und gibt eine unumstössliche Zusage. 67-jährige Holländerin, gesund in Fleisch und Geist. Ein wackeres Weib, das sich in allen Lagen bestens bewährte, auch wenn diese  öfters zu reichlich blauen Flecken führte. Ein Einsatz fürs Segeln ist nicht geplant. Sie stösst direkt von Amsterdam kommend erst auf den Kanaren zu uns.
Das Problem ist das vorgesehene  vierte Mitglied. Dieses meldet wiederholte begeisterte Zusagen, A- B-C-D- Scheininhaber(!) und genau so viele Absagen. Der Teufel weiss warum. Also Ausweichen aufs Internet und dies kurz vor der geplanten Ausschiffung. Mail hin und her in Forenkreisen  und schliesslich Erfolg: 51 jähriger, unabhängiger Deutscher, passionierter Segler, begnadeter Gleitschirmflieger, Hobbykoch, voll gestopft mit EDV-und Meteokenntnissen, zurzeit Vegetarier, Angehöriger der soziokulturellen Elite. Das Letztere hätte hellhörig machen müssen. Sepp sei darum ein separates Kapitel gewidmet. Er kam, sah und zog den Schwanz ein.
 

Wir stechen in See:

Wir schreiben den 5. Januar. Alle Freunde, Bekannte und Haustiere sind orientiert. Am Quai von Olhão (Portugal) unsere begeisterte Fangemeinde. Das Schiff ist  voller Plunder. Mit Mühe bahnt man sich einen Pfad durch Werk-, Bett- und Fresszeug. Was hat man uns alles mitgebracht: Flaschen (Wein und Schnaps), Räucherwürste, Konserven und Weihnachtsstollen und viele gute Wünsche. Alles wird  im Boot verstaut. Nachdem die letzten Kinder und Hunde aus der Kajüte verjagt sind, die Küsse verdaut, Tränen vergossen,  Hände geschüttelt und was derlei Sentimentalitäten mehr sind, ziehen wir  Stolz eine Ehrenrunde und verschwinden ausser Sichtweite. Dort – abgeschirmt von den Zuschauern - vermittelt uns der Skipper mit geschwellter Brust, „Der Tank ist leer, jetzt muss noch Diesel getankt werden, aber alles ist bestens organisiert!“  Stimmt! Wir warten im Fischereihafen zwei Stunden wegen eines  tankenden Kutters, schliesslich legen wir  mit Bravour  zwischen zwei Pötten an und der  Tankwart verkündet: “ich bin ausgepumpt, aber morgen um 0900 Uhr ist alles wieder paletti“. Es gibt kein Zurück! Verstohlen schleichen wir um eine Insel und werfen Anker. Als erstes beschnuppern wir unsere Internettrouvaille, Sepp, der im letzten Moment eingetrudelt ist. Neidlos gratulieren wir uns, ein echter Glücksfall, bewaffnet mit einem Laptop kennt er die letzten meteorologischen Geheimnisse. Kein Wunder, mein Wissen ist etwas beschränkt auf die Hühnerregel: kräht der Hahn auf dem Mist..., der Skipper weiss immerhin, dass sich Luft wie Wasser verhält: von Hoch nach Tief und je nach Süd- oder Nordhälfte mit oder gegen den Uhrzeigersinn wirbelt. Die Wacheinteilung wird eingehend besprochen. Nach mühsamer Diskussion – Sepp weiss alles etwas besser-- wird für den Tag niemand bestimmt, nachts Wachen von 2000 Uhr bis 2400 dann bis 0400 und schliesslich bis 0800. Bettverteilung provisorisch, da die Köchin erst auf den Kanaren zu uns stösst. Der Skipper erhält diskussionslos die Eignerkabine achtern. Sepp, der Internetkollege, die Bugkoje, da sein Gleitschirm reichlich Platz braucht und der Toubip nimmt die untere Koje in der Backbord- (dort wo gebacken wird) – Doppelhochbett-Kabine, 2  Meter auf 1,2 Meter und 1,90 Meter hoch. Nach einem exquisiten Skipper-Spaghetti-Mahl geht’s ab in die Heia.

Express nach den Kanaren:

Das Wetter ist knackig. Windig und etwas kühl, so um die 10 bis 12  Grad, nachts kälter. Beaufort  ( schön stark) 5 bis 6 in Böen bis 7, zumindest nach dem Windmesser. Tags regnerisch, nachts mondlos. Dunkel wie in einer Kuh. Der Wind bläst von achtern (von hinten, anständiges Segelwort für unanständiges Wort „Arsch“). Segelstellung Schmetterling ausgebaumt (wie Flügel: ein Segel rechts das andere links). Wir machen 6 bis 7 Knoten (Masseinheit für Geschwindigkeit: solange wie ein Seemann braucht um seinen Seestiefel zu knoten). Wir sind schwer beschäftigt, überall muss etwas repariert, ersetzt oder verbessert werden. Die Kajüte ist mit Werkzeug, Kisten, Drähten, Schrauben, Ersatzteilen, Fett und Oel usw. völlig überstellt.
Draussen rauschen “Riesenwellen“. Sie  versuchen immer wieder hinten einzusteigen, keine Chance, das Boot lupft sein Hinterteil und sie rutschen unten durch. Mondlose Nacht. Es herrscht absolute Finsternis, man sieht weder Bug noch Heck des Schiffes. Etwas gewöhnungsbedürftig. Die eigene Hand sieht man nur dank des beleuchteten GPS (Genaue Positions-Stellung). Das einzige stete Licht oben auf dem Mast, die Trilaterne (Rot, Grün, Gelb) schwankt auf und ab, nach rechts und links, nach vorne und hinten und wie das Voltmeter zeigt, braucht es auch Strom! Selbstverständlich läuft die Selbststeueranlage, wer möchte denn bei diesen Bedingungen am Steuer stehen. Da dies doch recht bequem ist, haben wir es auf der ganzen Reise dabei belassen.
Hören kann man alles, ja viel zu viel: Rauschen, Zischen, Gluckern, Plätschern, Sausen, Brüllen, Knarren, Knattern, Rumpeln, Scheppern und mit etwas Fantasie und Angst Stimmen: Flüstern, Schreien, Heulen, Säuseln. Und drinnen klirrt und knallt es, rumpelt und poltert, quietscht und giert. Eine einzige magere Kerze beleuchtet spärlich das Tohuwabohu in der Kajüte, denn die Batterien laufen auf den Felgen. Man hält sich an Johannes: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“, dass sie ankommen werden.
Etwas fröstelnd, aber gut eingemummt, sitzen wir Drei in der vom Kerzenlicht spärlich beleuchteten Kajüte, spinnen Seemannsgarn und trinken Bier aus der Büchse, an Gläser ist bei dieser Schaukelei nicht zu denken. Nach Mitternacht ist die nötige Bettschwere erreicht und wir trollen uns in die Koje, während der Wachgänger alle Viertelstunde den Kopf aus der Lucke streckt und auf einem Wellenberg nach eventuellen Lichtern späht. Eine Kollision ist schliesslich nicht vorgesehen.
Tags aber üben wir fleissig mit dem Spinnacker. Das erste Mal entwischt er uns und flattert wie eine Wildgans dem Boot voraus. Das zweite Mal verliebt er sich in das Vorstag (Draht der den Mast vorne hält) und umarmt es selig in mehreren Windungen. Das dritte Mal hat er es auf den Radarhut abgesehen und zieht sich kleinere Verletzungen zu. Das vierte Mal klappt  es aber vorzüglich, er hat begriffen,  eilt dem Boot vollbusig voraus und bringt es auf stolze 7,5 Knoten Fahrt. Das Einholen sei hier nicht beschrieben, es war zu beeindruckend, hat aber stets vor dem Eindunkeln  geklappt.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.08.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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