Patrick Rabe

Sophia, Teil 1

Eines Tages, nach langjährigem Suchen und wiederholtem Vergessen, fand ich im grauen Häusermeer der Stadt die Bibliothek der Sophen. Bianca-Sophie, meine erste Freundin, hatte mir einst von ihr erzählt. Die Bibliothek der Sophen, so hatte sie gesagt, umfasse alle Weisheitsliteratur der Welt und zusätzlich die erklärenden und mystischen Schriften von Rufus Sonnenauge, dem Gründer der Sophen. Die Bibliothek sei auch gleichzeitig eine Hochschule, in der man sich einweihen lassen konnte – einweihen in sämtliche Geheimnisse des Universums. Ich weiß noch, wie Bianca neben mir lag, Kopf an Kopf auf dem Kissen und sehnsuchtsvoll seufzte: „Die Bibliothek der Sophen ist mein einziges Ziel. Sie ist der Grund, warum ich lebe.“ Sie hatte meine Hand genommen und jeden einzelnen meiner Finger sanft betastet. „Du und ich“, hatte sie gesagt, „wir sind Gottessucher. Uns bleibt nur Friede in dieser Welt, wenn wir sie finden – Sophia, die Weisheit.“ Mich hatte es kühl angeweht, als sie das sagte, denn so klar wie aus ihrem Munde war meine Sendung, mein innerer Ruf bis dato noch nicht an mein Herz gedrungen.
 
Bianca-Sophie, ich hatte sie verloren. Kurz nach besagtem Nachmittag hatte sie sich dramatisch verändert. Sie war wie aufgelöst gewesen, hatte hoch philosophisches, aber wirres Zeug geredet und sich auch sonst recht merkwürdig verhalten. Immer wieder sprach sie in der darauffolgenden Zeit davon, dass sie die Bibliothek der Sophen gefunden habe und von einem Hüter der Schwelle, den sie nicht beachtet habe. Da es keine Anzeichen dafür gab, dass dies der Realität entsprach, schob ich ihre Äußerungen ihrem verwirrten Geisteszustand zu. Sie kam dann in die Psychiatrie, das Leben trennte uns, wie man so schön sagt, und ich hörte nie wieder etwas von ihr.
 
Auch die Mär von der Bibliothek der Sophen verblasste wie ein fahles Traumgespinst. Ich lebte mein Leben, freilich nicht ohne zu merken, dass Bianca damals recht gehabt hatte. Ich war ein Gottessucher. Die Segnungen des Alltags, meiner Ausbildung und späteren Arbeit, der Sportclub, die Videoabende mit Freunden, das Einkaufen und Essen gehen, das Wohnung putzen und die Steuererklärung schreiben füllten mich nicht aus, machten mein Leben nicht rund, wie das meiner Eltern, die mit all dem vollauf zufrieden schienen. Ich wollte mehr. Ich brauchte mehr! In mir gärte eine Sehnsucht nach Sinn, nach wahrer Offenbarung über die Geheimnisse des Lebens. Tausend Fragen, die mich umtrieben: Wer ist Gott, was hat er mit den Menschen vor, wer bin ich, was soll ich auf dieser Welt, wer hat recht, Materialismus oder Mystik, was ist Erkenntnis, was ist Wahn? Und ich begann, die Bibliothek der Sophen wieder zu suchen. Viele Jahre lang vergebens, bis zu jenem sanft verschneiten, grauen Januartag.
 
Ich war unterwegs gewesen im grauen Häusermeer der Stadt, zusammen mit meinem Freund, dem Narren; wir hatten uns müde gelaufen und an der Ecke einen Döner geholt. Wir mampften den streng riechenden, türkischen Fastfood in uns hinein und beschmierten unsere Münder und Jacken mit dem weißen Tzaziki, redeten leicht sexistisch über Frauen und palaverten über Politik. Kurz, wir waren ganz und gar unwürdig für eine Begegnung mit der Weisheit in jenem Moment.
 
„Sag mal“, mampfte der Narr zwischen zwei Bissen Döner hervor, „Was ist das da eigentlich für ein leuchtendes Gebäude?“ „Was für’n leuchtendes Gebäude?“, fragte ich und wischte mir einen Klacks Tzaziki von der Jacke. „Na, das da!“, der Narr wies mit seiner freien Hand auf das Gebäude, auf das wir die ganze Zeit zugingen. Ich hob meine Augen vom Bürgersteig, sah hin und schluckte.
 
Das Gebäude vor uns hob sich deutlich ab von den übrigen, es umgebenden grauen Stadthäusern. Es war aus glänzendem, schwarzem Marmor gebaut und eine hohe Freitreppe mit langgestreckten Stufen führte zu einer Glasfront, hinter der dieses durchdringende und doch warme Leuchten auszumachen war. Mir war dieses Gebäude noch nie zuvor aufgefallen, obwohl ich schon oft in dieser Gegend der Stadt gewesen war. Mit stockendem Atem las ich die Inschrift über dem Eingang: Ernsthafte Bibliothek und Hochschule der Sophen stand dort geschrieben. Ich packte meinen Freund bei den Schultern und schüttelte ihn, sodass ihm sein Döner in den Straßendreck fiel. „Mensch!“, rief ich, „Weißt du, was das ist? Das ist die Bibliothek der Sophen! Die suche ich praktisch schon mein ganzes Leben!“ Die Augen des Narren blitzten auf: „Die Bibliothek der Sophen? Das ist ja interessant! Lass rein!“ Der Narr fand grundsätzlich alles interessant, was Abwechslung versprach. Seine Flapsigkeit und sein Übermut steckten mich an: „Vielleicht“, sagte ich „können wir uns dort einweihen lassen!“ Mir konnte es jetzt gar nicht schnell genug gehen. Jahrelang hatte ich auf diesen Moment gewartet. Und jetzt wollte ich am Liebsten alle Weisheit auf einmal genießen. Mag sein, dass mein aufgedrehter Freund zu meinem Übermut beitrug. Ich warf meinen Döner achtlos in eine Häuserecke, hakte den Narren unter und dann gingen wir die Marmorstufen zur Bibliothek der Sophen empor, langsam, diesem durchdringenden, doch warmen Leuchten entgegen.
 
Schließlich hatten wir die Glasfront erreicht. Eine gläserne Tür schwang mühelos beiseite und gewährte uns den Eintritt. Ein mit schwarzem Samtteppich ausgekleidetes Foyer breitete sich vor uns aus, an dessen Wänden hohe Bücherregale mit mannigfarbigen, dicken Bänden standen. Eine sich in drei Richtungen verzweigende Treppe wies ein Stockwerk höher. Davor, in der Mitte des Foyers, sahen wir die Quelle des einladenden Leuchtens. Einen mächtigen, von innen strahlenden Bergkristall, der den ganzen Raum mit Licht versorgte.
 
Eine adrette, kurzhaarige Frau im Hosenanzug kam uns entgegen und schüttelte jedem von uns die Hand. „Herzlich willkommen! Was kann ich für sie tun?“ „Ach“, stammelte ich, „Wir wollen uns eigentlich erst mal nur umsehen.“ „Haben sie Bücher über Chaos!?“, fragte der Narr leichthin. Dieses Thema interessierte ihn sehr. „Ja“, sagte die Frau freundlich. „Hier unten im Erdgeschoss links. Zum Beispiel eine interessante Studie über das Chaos als der Welt zugrunde liegende Kraft im griechischen Schöpfungsmythos.“ Dann wandte sie sich an mich. „Möchten sie auch an unseren Hochschulkursen teilnehmen?“ „Ja, sehr gerne.“, entgegnete ich leicht schüchtern, aber mit leuchtenden Augen. „Am Meisten“, fuhr ich, plötzlich mutig, fort, „interessierte mich eine Einweihung über die Geheimnisse des Universums anhand der Schriften von Rufus Sonnenauge.“ Die darauffolgende Stille war so intensiv, dass man ein Staubkorn hätte fallen hören können. Die Frau warf mir einen musternden Blick zu. „Ja“, sagte sie, „Das wollen immer alle. Ist aber nicht für jedermann geeignet.“ Ich meinte, einen unergründlichen Schatten in ihren Augen wahrnehmen zu können, während sie dies sagte, so wie ein Schatten eines dunklen, vielleicht schrecklichen Wissens. „Diese Einweihung ist seit Jahren mein sehnlichster Wunsch!“, bekräftigte ich mit Nachdruck. Die Frau sah mir ernst in die Augen. „Nicht jeder ist reif dafür!“, wiederholte sie. „Ich bin überreif!“, rief ich erregt. Die Frau sah mich wie leidend an, dann sagte sie: „Die Schriften von Rufus Sonnenauge befinden sich im ersten Stock.“ Dann ging sie ohne ein weiteres Wort zur Seite. Ich war aufgeregt wie ein kleines Kind. Schnell sammelte ich meinen Freund, den Narren ein, der über ein in altgriechisch verfasstes Buch zum Thema ‚Chaos‘ gebeugt saß und rief: „Lass uns rauf, in den ersten Stock. Dort lassen wir uns einweihen!“ Ich muss zugeben, dass ich damit meinem Freund auch imponieren wollte. Ja, ich wollte letztendlich als derjenige da stehen, der die Geheimnisse des Universums spielend verstand und sie seinem närrischen Freund dann erklärte. „Einweihung?“, rief der Narr zerstreut, „Oh ja, spannend!“. Damit stellte er sein Buch ins Regal zurück und lief mir nach zu der dreigeteilten Treppe, die ins Obergeschoss führte.
 
Als ich vor dieser Treppe stand, spürte ich plötzlich ein Würgen im Hals. Ein Gefühl von Schicksal erfasste mich. Schwindelnd ragte die weiße Treppe vor mir auf, jeder ihrer drei Ausläufer schien in die Unendlichkeit zu führen. Welche Treppe sollte ich wählen, die linke, die rechte oder die mittlere? Die Entscheidung schien mir plötzlich von enormer Tragweite zu sein. Schließlich bemerkte ich, wie der Narr unruhig mit den Füßen scharrte. Da schalt ich mich einen Toren ob meines langen Überlegens und wählte die linke Treppe.
 
Der schwarze Samtteppich blieb hinter uns zurück. Die Treppe und die Wände des Treppenhauses waren aus weißem Marmor gearbeitet und ein bergkristallener Kronleuchter verbreitete ein mildes Licht. Oben angekommen, betraten wir den Flur, der mit schier endlosen Bücherregalen bestückt war. Ich studierte die Buchrücken. Philosophische Titel sah ich dort und religiöse, historische und naturwissenschaftliche Bücher, aber nichts von Rufus Sonnenauge. Dessen Bücher mussten an einem besonderen Platz gelagert werden. „Ist es noch weit?“, quängelte der Narr. „Weiß ich doch nicht!“, rief ich vorauseilend über die Schulter zurück. Und dann sah ich sie. Eine kleine Erkertreppe, mit rotem Samt ausgekleidet, die sich spiralförmig nach oben wand. Intuitiv hatte ich das Gefühl, dass wir hier richtig waren. „Hier ist es!“, bedeutete ich dem Narren.
 
Langsam und bedächtig schritten wir die rotsamtene Wendeltreppe empor. An den Wänden hingen Bilder aus dem Kamasutra, Abbildungen von meditierenden Buddhas und ein großer, eben auferstandener Christus, mit dem Kreuzigungsberg im Hintergrund. Am obersten Ende der Wendeltreppe befand sich eine Tür, an der ebenfalls ein Bild hing. Darauf war ein Herz abgebildet, welches von goldenen Ringen umgeben war. Ich trat in den Raum und der Narr folgte.
 
Wir betraten ein kleines, gemütliches, blautapeziertes Erkerzimmer, an dessen Wänden sich die Bücher bis zur Decke stapelten. Es waren alles Bücher in rotem Samteinband , auf denen bei näherem Hinsehen jeweils die Aufschrift Rufus Sonnenauge Gesamtausgabe prangte. Mein Herz klopfte. Wir waren am Ziel, oder vielmehr, ich war am Ziel. In der Mitte des Raumes stand ein schlanker, braungekleideter Mann mit Goldrandbrille. Freundlich kam er auf uns zu. „Was kann ich für sie tun?“, fragte er mit voller, warmer Stimme. „Wir würden“, sagte ich feierlich, „gerne eingeweiht werden, wenn das geht.“ „Nun“, sagte der Mann, „Wenn sie hierher gefunden haben, nehme ich doch an, dass sie bereit für eine solche Einweihung sind?“ „Selbstverständlich!“, rief ich. „Und dass sie die nötigen sophischen Vorstudien betrieben haben?“ Kurz stutzte ich, dann log ich: „Ja, sicher!“ Der Mann sah mich nachdenklich an: „Wissen sie, ich bin neu hier und muss mich bewähren, und in den vergangenen Jahren hat es hier immer wieder Fehleinweihungen gegeben.“ „Ach“, rief der Narr, „Machen sie sich mal keine Sorgen. Wir sind mehr als bereit.“ Der Mann schaute vertrauensvoll durch seine runden Brillengläser. „Gut.“, sagte er bedeutungsvoll, „Dann wollen wir mal.“
 
Er ging zu einem Regal und zog eines der rotsamtenen Bücher hervor. Kurz konnte ich einen Blick auf den Einband erhaschen. Dort stand: Die Schule der Mysterien Teil I – Der Hüter der Schwelle. Kurz streifte mich die Erinnerung daran, diesen Ausdruck schon einmal gehört zu haben, aber ich schob sie beiseite. Der Mann schlug das Buch auf und begann, die hymnischen Eingangsworte zu verlesen. Diese lauteten:
Finde zuerst der Weisheit äußere Form. Sammle die Summe der Einzelteile weltbewegender Kraft, lerne sie kennen, die Außenseite, Chiffre und Hülle des Lichtes, mache dich vertraut mit der Gestalt, ehe du zum Wesen dringst. Willst du von dort aus zum Herzen aller Dinge, musst du passieren den Hüter der Schwelle. Nur den Mann, der mit dem Herzen erkennt, lässt er durch. Den unwürdigen schlägt er mit Irrtum und Schatten und schickt ihn zurück in Qual und Entbehrung, bis er den Schlüssel zur Liebe findet, oder Gnade sich zärtlich ihm neigt.
 
Die Worte brachten etwas in mir zum Klingen. In mir tönte es wie ein tiefer Bronzegong und versetzte mich bis in meine Zellstruktur in Schwingung. Der Mann brach ab. „Sind sie bereit?“, fragte er, „Sind sie bereit, dem Hüter der Schwelle zu begegnen?“ „Ich bin bereit!“, sagte ich mit bebender Stimme. Ich wollte mir vor dem Narren keine Blöße geben. Jetzt gab es kein Zurück.
 
„Schließen sie die Augen.“, befahl der Bibliothekar. Ich tat es. „Versenken sie sich in ihr Inneres!“, drang die Stimme des Mannes an mein Ohr. „Jetzt müssten sie den Hüter der Schwelle sehen.“
 
Vor meinen geschlossenen Augen war Schwärze, undurchdringlich. Dann jedoch sah ich aus weiter Ferne etwas auf mich zukommen. Es war eine menschliche Gestalt in einer silbernen Rüstung. In der rechten Hand trug sie einen langen Speer. Schließlich war sie bei mir angekommen und schien mich durch ihr Visier zu mustern. „Bist du der Hüter der Schwelle?“, fragte ich, „Der Wächter vor den Geheimnissen des Universums?“ „Der bin ich!“, entgegnete die Gestalt mit mächtiger, dunkler Stimme. „Dann“, rief ich, „Lass mich durch. Ich will ins Herz aller Dinge schauen!“ „Welche Treppe hast du gewählt?“, fragte die dunkle Stimme. Ich überlegte kurz, was der Hüter damit meinen konnte, aber dann erinnerte ich mich an die dreigeteilte Treppe in den ersten Stock. „Ich habe“, antwortete ich mit sicherer Stimme, „die linke Treppe gewählt.“ Der Hüter hob seinen Speer: „Deine Wahl war schlecht. Für diesmal lasse ich dich nicht vorbei!“ „Wieso?“, fragte ich, „Was soll das?“ „Ich bin dir keine Erklärung schuldig. Geh jetzt und verlasse die Bibliothek und kehre zurück, wenn du weiser bist!“ sagte der Hüter dunkel. „Ich denke nicht daran!“ schrie ich, „Ich bin nicht diesen weiten Weg gekommen, nur um wieder weg zu gehen! Lass mich vorbei!“ „Ich warne dich.“, sagte der Hüter, „Geh, solange du noch gehen kannst!“ Wut packte mich. Ich hatte nicht vor, klein bei zu geben. Ich ergriff den Hüter der Schwelle bei den silbernen Schultern und schob ihn beiseite. Das ging erstaunlich leicht. Dann richtete ich meine Augen auf das, was sich hinter dem Hüter der Schwelle verbarg. Und ich sah eine weite Landschaft, die in der gleißenden Sonne lag. Es war eine Wintersonne. Und dennoch war das Land darunter ein sommerliches. Es war ein Urwald, grün und paradiesisch, wuchernd und dampfend, tönend von Tierstimmen und reich an bunten, exotischen Pflanzen, der sich bis zum Horizont erstreckte. Und aus seinen grünen Eingeweiden schwang sich ein Vogel auf, singend und jubilierend flog er zu der leuchtenden Wintersonne. Dieses Bild begann mich zu überwältigen, ich spürte, wie ich bebte, zitterte und langsam dahinschmolz, eins wurde mit dem gewaltigen, grünen Wald.
 
„Halt!“ tönte die mächtige Stimme des Hüters an mein Ohr. „Das darfst du noch nicht sehen!“ Er packte mich am Arm und riss mich zurück. Die Landschaft raste an meinen Augen vorbei. „Du Unglücklicher!“, rief der Hüter der Schwelle. „Warum bist du nicht einfach gegangen und hast die Bibliothek verlassen, wie ich dir gesagt hatte? Nun musst du für immer bleiben!“
 
Er holte mit dem Speer aus und bohrte ihn in meine linke Seite. Ich schrie auf vor Schmerz. Dann sah ich die Bilder , die längs der Wendeltreppe gehangen hatten. Zuerst sah ich die Bilder aus dem Kamasutra. Die im Liebesspiel vertieften Menschen wurden plötzlich von Raserei ergriffen, fielen wie Raubtiere übereinander her und rissen sich die Gliedmaßen von den Leibern. Dann sah ich einen der Buddhas. Er fiel aus seiner Meditation, riss die schwarzen Augen auf und glotzte mich an. Dann stand er auf und verließ seinen Platz unter dem Bodibaum, dessen Blätter alsbald herbstlich gefärbt wurden und abfielen. Als nächstes sah ich den Christus. Er hatte sein Kreuz in beiden Händen und schmetterte es mir auf den Kopf. Als letztes Bild sah ich das Herz, das an der Tür zu der Bücherstube gehangen hatte. Der Hüter der Schwelle trat von hinten an es heran und verhüllte es mit einem Schleier.
 
Ich riss die Augen auf. Ich befand mich wieder in der blautapezierten Bücherstube. Das Licht wirkte fahl. Der Bibliothekar sah mich an, bleich wie Pergamentpapier. Ich suchte meinen Freund, den Narren, und fand ihn schließlich hintenüber gekippt in einem umgefallenen Bücherstapel. „Wawas hascht du betan?“,fragte er in einem absonderlichen Kauderwelsch, „Du bist doch ber Narr von uns deiben!“ Er versuchte aufzustehen, doch er schwankte, rutschte auf einem Buch aus und fiel wieder hin. Da erst sah ich, dass sein Gesicht mit Schweißperlen übersät war und dass aus seinem Mund braunes Erbrochenes lief. Der Bibliothekar richtete das Wort an mich: „Wie konnten sie so leichtsinnig sein, junger Mann!? Das, was sie getan haben, wird Konsequenzen für uns alle haben!“ Ehe ich noch eine Frage an ihn stellen konnte, schwang die Zimmertür auf. Im Türrahmen standen zwei Männer in eleganten Anzügen, die Protokollblöcke und Kugelschreiber in ihren Händen hielten.
 
Ende Teil 1. Diese Geschichte entstand um Neujahr 2010. Patrick Rabe, Hamburg Langenhorn.
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.08.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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