Michael Reißig

Die Erlösung

Das Blut des Bösen nur noch gnadenlos in ihr pikierte
Verfangen im herzlosen Eis einer endlosen Lebensnacht
Im Herzen des Gatten ein stummer Schrei triumphierte
Verhallt im prasselnden Feuer dieser teuflischen Macht

Die sie gefangen nahm in ihrem abscheulichem Glaube
Der ihre Sinne in den Schlund der schwarzen Hölle trieb
Mit Demut, die sein letztes Körnchen Hoffnung raubte
Bis Gott ihn erlöste und sie erzürnt noch verblieb

Im Himmel genießt er befreit das Licht des ewig' Leben
Von dem er in brennenden Fesseln so lang schon geträumt
Der Vulkan in ihr entfachte noch ein allerletzte Beben
Sie schlief ein am Mark zum Guten, das sie bald umsäumt

In jenem Reich wo Himmel und Hölle sich begegnen
Fragt keiner mehr ob sie mal arm war'n oder reich
Finden sie vereint den lichten Weg zu Gottes Segen
In einer Welt wo alle Menschen leben endlich gleich



Meine Anmerkungen:
Dieses zutiefst traurig stimmende Gedicht ist eine Hommage an meine vor kurzem erst verstorbene Mutter, die ihren 89. Geburtstag nur knapp verfehlte, die morgen in die Erde gebettet wird. Acht Monate zuvor ist mein fast gleichaltriger Vater in Gottes Reich aufgestiegen. Was meine Mutter ihm zuvor noch zugesetzt hatte, war an Brutalität und Grausamkeit kaum noch zu überbieten. So hatte sie ihm die Bratpfanne gegen die Stirn gestoßen, die eine schwere Platzwunde bei ihm hinterlassen hatte. Mit dem Stock hatte sie ihm die Beine gestellt, damit er die Treppen hinunterstürzen sollte. In buchstäblich letzter Sekunde war es ihm noch gelungen, diesen Sturz am Geländer abzufangen. Sie hatte ihn ständig mit Schlägen drangsaliert, die zahllose Wunden an seinem ohnehin schon schwachem Leib, der wie ein dünner Strich in der Landschaft wirkte, hinterließen. Selbst einen Stuhl hatte sie sogar gegen sein lädiertes Bein mit weit herausgetretenen Adern gestoßen. Kräftige Hiebe mit dem Ellenbogen verpasste sie ihm in steter Regelmäßigkeit. Die Kraft sich zu wehren, war ihm schon längst abhanden gekommen.

Vier Wochen vor ihrem Tode wurde meine Mutter endlich in die geschlossene Abteilung einer Psychiatrischen Klinik zwangseingewiesen, nachdem sie zwei andere Familien verbal bedroht und eine sehr gutherzige Mieterin des Hauses sogar geschlagen hatte. Beim Vollzug der Zwangseinweisung waren insgesamt neun Personen zugegen, darunter waren zwei Polizisten, zwei Richter des zuständigen Amtsgerichtes, eine vom Gericht bestellte gesetzliche Betreuerin, eine Mitarbeiterin des Diakonischen Werkes, sowie medizinisches Fachpersonal. Sogar ein Polizeihubschrauber war mit von der Partie, obwohl diese von allen guten Geistern verlassene Frau, die schon viel zu lange nicht mehr Herr ihrer Sinne war, mit ihren stark angeschwollenen Beinen, die dem Wasser in ihrer Lunge geschuldet waren, nur noch extrem schwer imstande war, sich fortzubewegen.
Ich empfinde den Tod meiner Mutter auch für mich selbst als eine Erlösung. Bei meinem gepeinigten Vater habe ich tiefste Trauer empfunden, da ich ihn wegen seiner Gutmütigkeit schon immer sehr mochte.
Gott bestraft menschliche Sünden, er vergibt aber auch den Sünden, ist aus der Bibel zu entnehmen. Richtig! Denn kein Mensch ist völlig frei von Sünden. Ich hingegen bin, nach all den zahllosen Grausamkeiten, nicht mehr bereit ihren Sünden zu vergeben. An der morgigen Beisetzung werde ich zwar teilnehmen, allerdings nur des Anstandes wegen. Wirkliche Gefühle des Trauerns kommen in mir nicht auf. Einige Menschen dürften mir das sicher übelnehmen, aber ich fühle mich imstande, damit um zugehen. Natürlich spielten auch Altersdemenz und das diagnostizierte Krankheitsbild Schizophrenie eine gewichtige Rolle. Den Stachel der Aggression und der dominierende Irrglaube, stets im Recht zu sein, schien sie schon mit der Muttermilch aufgesaugt zu haben. So hatte mein Vater stets nach ihrer Pfeife zu tanzen und er gehorchte brav den Befehlen seines weiblichen „Feldwebels“. Nicht einmal mir selbst war es vergönnt, aus eigenen Augen miterleben zu dürfen, wie und ob meine Eltern sich liebevoll umarmt oder gar geküsst hatten, was normalerweise für ein sich liebendes Paar eine Verständlichkeit sein sollte. Auch an zärtliche Worte kann ich mich nicht erinnern. Dafür hatte sie nicht selten mit ihrem überdimensionalen Organ die Wände zum Vibrieren und dazu noch die freundlichen Nachbarn zur Verzweiflung gebracht.





 

Eine sehr traurig stimmende Geschichte, deren Schreckenszenario ich leider selbst miterleben musste!Michael Reißig, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.09.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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