Paul Rudolf Uhl

Max Frisch, das Schneebrett, Heinz und ich


In den späten 50ern war ich mit Heinz Müller im Dammkar bei Mittenwald zum Schifahren. Damals existierte die Karwendelbahn noch nicht und die Unentwegten - und das waren Hunderte - trugen noch im Mai ihre Schi „auf dem Ast“ zwei Stunden  den Berg hinauf, um in den Bereich von Schnee und dann, noch viel weiter oben, zu einer alpinen Abfahrt zu kommen. Es war - abgesehen vom Zugspitzplatt - jeweils die letzte Gelegenheit im Jahr, alpin Schi zu fahren. So war der Ansturm an Wochenenden immer recht stark. Es bildete sich der Begriff vom „Dammkar- Wurm“, einer langer Menschenschlange aus schwitzenden Schifahrern.
 
War man erst einmal an der Dammkar - Hütte, wurde es einsamer, denn noch weiter hinauf gingen schon wesentlich weniger Bergfreunde, viele fuhren „nur“ im Hüttenbereich. Dennoch bedeutete dieses „Fahren“: im Schlittschuh- oder Treppenschritt 20 Minuten den Hang hinaufzusteigen, um genüsslich im Tiefschnee in kleinen Bögen abzufahren und nach ein paar Minuten wieder an der Hütte zu sein. Dies wurde zig-mal wiederholt.
Also echt sportlich... - wenn man es nicht vorzog, mit den aufgeschnallten Seehundfellen noch eine Stunde höher, ins obere Dammkar hinauf zu steigen und von dort oben - aus der Gipfelregion  bis in den Waldbereich hinunter - abzufahren.
 
Heinz und ich gehörten zu den letzteren. Ganz dort oben war der  Hang gar nicht besonders steil und ich hätte ihn nie und nimmer als Lawinenhang eingestuft. Dennoch passierte uns folgendes: während des Aufsteigens hörten wir ein Geräusch wie einen Kuss. Wir bemerkten, dass der Hang in Bewegung geriet. Weiter oben war die Schneedecke abgerissen und wir waren in ein Schneebrett geraten! Schon wollte sich Panik in mir breitmachen. Aber es handelte sich nur um die oberste - etwa 10 cm hohe - Schneeschicht, die auf gefrorenem Untergrund langsam abrutschte. Gott sei Dank, die darunterliegende Schicht war stabil, sonst hätten wir alt ausgesehen, wenn es eine Grundlawine gewesen wäre. Selbst bei so langsamer Fließgeschwindigkeit wären wir in der Lawine begraben worden. Da uns aber auch in dieser Situation schon nach wenigen Sekunden der Schnee bis an die Knie stieg, was uns recht unheimlich vorkam, setzten wir uns durch eine wilde Schussfahrt seitlich hinunter aus der Lawine ab. Dann sahen wir in Ruhe zu, wie sie weiter unten an einem Gegenhang zum Stehen kam und dabei zahlreiche Bäumchen und das Gelände meterhoch verschüttete.
 
Max Frisch hatte wohl auf einer Schitour vor zwanzig Jahren in Davos ein ähnliches Erlebnis gehabt, aber offensichtlich rutschte in seinem Fall die gesamte Schneeschicht ab und begrub ihn und seine Begleiter. Er schilderte dies in seinem Tagebuch* so:
 
„Wir waren  hundert Meter unter dem Gipfelkreuz, das die schwarzen Dohlen umkreisen - plötzlich ein Krach in der blauen Luft oder unter dem glitzernden Schnee, ein kurzer, trockener Ton, fast zart, fast wie ein Sprung in der Vase; einen Augenblick weiß man nicht, ob es aus der Ferne oder nächster  Nähe gekommen ist. Als wir uns umblickten, bemerkten wir, wie sich der ganze Hang, er ist steil, bereits in ein wogendes Gleiten verwandelt hat. Alles geht sehr rasch, ...der Gipfel, dessen weißes Kreuz in den wolkenlosen Himmel ragt, scheint ferner als noch vor einem Atemzug. Ringsum ein Bersten, lautlos zuerst, und der Schnee geht uns bereits an die Knie. Allenthalben überschlagen sich die Schollen, und endlich begreife ich, dass auch wir in die Tiefe gleiten, unaufhaltsam und immer rascher, mitten in einem grollenden Rollen. (...) Hinter uns kommt immer mehr Schnee, Wind, Gefühl des Erstickens. Das eigene Entsetzen ist groß und gelassen zugleich.“  *
 
Er muss dies wirklich selbst erlebt haben, denn so anschaulich kann man ein Lawinenerlebnis aus der Phantasie heraus oder aus Erzählungen niemals schildern.
 
Wir hatten damals - jedenfalls für heute - genug, fuhren hinunter bis an die Schneegrenze und trugen unsere Schi dann noch eineinhalb Stunden durch den  Frühling bis ins Tal  ...
* Max Frisch, Antwort aus der Stille, Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart, 1937
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.09.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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