Anna Osowski

Der Tag, an dem ich meine Zukunft verlor

Der Tag begann ohne große Vorzeichen.
Grau lag der Himmel auf unseren Häuptern, jeder ging seinen Geschäften nach. Ich bog
zum Markt ein, wollte noch etwas Obst zu besorgen und dann zum Brunnen, an dem wir
verabredet waren. Über mein Gesicht huschte ein Lächeln. Sobald ich die Augen schloss,
sah ich sein Bild vor mir. Von dem, der mein Herz erfüllt, der mir das Glück nach Hause
gebracht, mit dem ich mich schon jetzt so eins fühlte, wie ich es nie für möglich gehalten
hatte. Ich dachte an seine Augen, groß und schwarz, die in mein Innerstes leuchten und dort
ein Licht entzünden konnten. In neun Wochen sollte ich seine Frau werden und mein Herz
machte etliche Hüpfer bei diesem Gedanken.

Als ein Sonnenstrahl meine Nase kitzelte, drang langsam wieder der Lärm der Straße in
mein Bewusstsein. Hier und da ein paar lachende Kinder, dort ein paar Stimmen, zum Streit
erhoben. Wie durch zähen Schlaf wollte dies nicht recht an mich heran reichen. Mir fielen
seine Hände ein: so schön, dass ich sie mit meinen Augen streicheln musste. Ich wollte
zerspringen. Jappste heimlich nach Luft. Wollte schreien vor heftigem Glück, brennen und
fliegen und tanzen. Da war Gewissheit und Ungeduld des Herzens und glucksende Freude.
Mein Leben, vorher geruhsam und gemächlich und bescheiden. Mit ihm war alles anders.
Er hatte in mir etwas berührt, was noch nie zuvor sich geregt hatte. Als hätte er eine winzige
Schatztruhe geöffnet, die mir selbst verborgen war und aus der nun eine gigantische
Fontäne von neuem Leben emporwuchs.

Es war noch etwas Zeit bis zu unserer Verabredung. Ich hielt am Obststand inne und gab
mich meinen Träumen hin. Die vorangegangenen Stunden hatte ich in einem bewegten Auf
und Ab zwischen aufgeregter Freude und hektischer Ungeduld verbracht. Nun versuchte ich,
sein Gesicht heraufzubeschwören, doch alles war prall voll Gefühl. So stark, dass es sich
über alle anderen Sinnesempfindungen legte wie ein Rausch. Mit steigender Aufregung
begannen schließlich meine Sinnesorgane zu vibrieren. Ein stetiges Kribbeln legte sich
über meine Haut. Ein Flimmern benebelte meinen Blick und ein pfeifender Ton meine
Ohren. Kaum konnte ich einen Schritt vor den anderen setzen, so sehr wühlte es in meinem
Inneren.

Schließlich war die Stunde gekommen. Ich konnte mich kaum im Zaum halten und eilte ihm
entgegen, mein Herz schon längst in ihm versunken. Eine tiefe Gewissheit war in mir, dass
diese Arme mein Zuhause sind. Ich griff meinen seidenen Schal und eilte meiner Zukunft
entgegen.

Mein eiliger Schritt trieb mir Schweiß auf die Stirn, meine Ungeduld atmete schneller und
schneller. Mit jedem Schritt, den ich ihm näher kam, wollten meine Sinne mehr und mehr
bersten und brennen und klingen. In meinem Ohr wieder der laute Ton, ich konnte kaum
ausmachen, ob es mein Atem oder mein Sehnen war. Sirenengeheul und Rauschen im
Kopf. Atemlos musste ich innehalten, der Lärm in meinem Kopf steigerte sich zu einem
nahezu unerträglichen Inferno. Lärm und Hitze und Schwindel ließen mich die Augen
schließen. Nur für einen Moment. Als ich sie wieder öffnete, sah ich den Rauch. Sah die mir
entgegen laufenden Menschen. Hörte die Sirenen und bemerkte auf einmal, dass sie nicht
aus meinem Kopf kamen. Kälte packte meinen Nacken. Packte meine Füße und wollte sie
in den Boden ziehen. Doch tapfer zwang ich meinen schwankenden Körper voran. Ich eilte
nun noch mehr. Jetzt aber nicht mehr in diesem Taumel aus Glück, sondern in wachsender
Panik. Rannte hinein in die Staubwolken, in die herumliegenden Trümmer, in das Nichts.

Es folgte eine Stunde der Leere und der Kälte und der Furcht. Zwischen Trümmern und
helfenden Händen irrte ich einsam umher, bis ich ihn schließlich fand. Das Blut. Die Stille.
Fassungslos suchte ich Halt und fiel ins dunkle Nichtempfinden. Seine Augen standen
offen. Doch als ich seinen Blick suchte, da war er nicht mehr da. Mit ihm gestorben meine
Zukunft. Ausgelöscht. Unwiderruflich.

Der Tag begann ohne große Vorzeichen und endet mit der Gegenwart.

Weil es nun schon etwas in Vergessenheit geraten zu sein
scheint bzw. der direkte Bezug nicht mehr deutlich
ersichtlich, möchte ich gern den Anlass für diese
Geschichte nennen: Am 28. März 2003 wurde bei einem
Luftangriff auf Bagdad der Marktplatz getroffen.
15 Menschen fanden den Tod, darunter vor allem Frauen
und Kinder.
Anna Osowski, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.04.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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