Helena Ugrenovic

Serbien, das Land der Elben und lieblichen Harfenklänge...

Italien, das Land der Protze und Schwuchteln...
“Italiener! Typisch Italiener! Memmen. Memmen und Weicheier! Schau sie Dir an! Kaum berührt, fliegen sie meterhoch über den Rasen! Kugeln sich anschliessend quer übers Feld, schreien, heulen und benehmen sich, als ob alle 200 Knochen ihres Skeletts gebrochen wären! So viele sind’s in etwa, ohne den Kleinkram. Aber so sind sie! Kaum berührt, kommt die grosse Sause! Europas grösste Protze und Kabarettisten. Als Hitler Mussolini besucht hat, haben sie eine Strecke von zwei Kilometern in der Einfahrt des Bahnhofs in Rom mit Attrappen von Häuserfassaden verkleideten, nur um Eindruck zu schinden! Erst noch bei Adolf, diesem Unmensch mit der Komplexbürste im Gesicht! Jetzt werfen sie auch noch den armen Koreaner aus ihrem Club, nur weil er ihnen einen Ball ins Netz gejagt hat. Man sollte diesen jämmerlichen Verein verklagen! Und ausserdem kratzen sie sich dauernd zwischen ihren Beinen oder befummeln sich gegenseitig! Diese Schwuchteln!“

Deutschland, das Land der Panzergeschosse...
“ Typisch Deutsche! Richtige Bulldozer! Die sind abgerichtet wie ein ganzer Bataillon von Kampfhunden! Denen wird eingetrichtert, dass ein Ball nur eine Funktion hat, ohne zu dribbeln oder ein bisschen Spielerei dazwischen. Nämlich die, direkt ins Netz gedonnert zu werden! Und das nach Möglichkeit alles erst in der 87sten oder 90sten Minute, wenn alle Welt glaubt, sie scheiden endlich mal in der Vorrunde aus! Aber nein, Die Korken knallen schon, und sie ballern, mir nichts, dir nichts, ein weiteres Tor ins Netz! So richtig aggressiv! Kein Wunder, man gucke sich nur mal ihre Diskussionen im Bundestag an! Die prügeln sich ja fast! Und alle sind sie blond! Strohblond! Arier!“

Holland, das Land der Emanzen und Hooligans...
“Holländer? Wundert es Dich wirklich, dass er sich gerade die rote Karte eingefangen hat? Das sind Rüpel! Hooligans! Muss am Anfangsbuchstaben liegen. „‚H“ für Holland, „H“ für Hooligan! Wie die Spieler, so die Fans. Die Spieler müsste man einbuchten, nicht die Fans. Die gucken sich alles von ihren Idolen ab. Bei denen zu Hause hört man eher eine Mücke summen, als die Typen was sagen! Dort haben ihre Weiber die Hosen an, so wie diese Königin, Beatrix, oder wie sie heisst! Die Frau mit der Hose und dem Mann mit dem Rock. Habe die Kreuzworträtsel im Heft Deiner Mutter gelöst und den Artikel über das komische Königspaar gelesen! Hast Du deren ältesten Sohn gesehen? Das ist ja grauenhaft, wie der ausschaut! Was stopft er bloss in sich hinein? Wachsen dort nicht Unmengen von Tomaten? Kann er nicht ein Gewächshaus plündern? Würde seiner Figur bestimmt nicht schaden!“

Engländer, das Land der lausigen Köchinnen und kotzenden Prinzessinnen...
“Engländer! Randalierende und käsige Engländer! Schau mal, wie sie spielen! Rennen jeden anderen Spieler über den Haufen! Auch sie, richtige Hooligans! Wollten in nichts ihren Kollegen vom Festland nachstehen! Kann man etwas von einem Volk erwarten, dessen Königsfamilie so viele Skandale hat wie bei ihnen? Ich habe es im Heft Deiner Mutter gelesen! Grauenhaft! Wäre ich die Queen, ich würde mich was schämen und sofort abdanken! Grosse Ohren, kleine Corgies, saufende Grossmütter, seitenspringende Prinzen, kotzende Prinzessinnen! Fühlt man sich als Untertan in so einem Land wohl? Kein Wunder, sind ihre Spieler so zerstreut! Aber wahrscheinlich liegt es nur an ihrem frostigen Charakter und der schlechten Ernährung. Von den Engländerinnen weiss man ja, dass sie dafür berühmt sind, die lausigsten Köchinnen Europas zu sein! Denen fehlt es an Zähigkeit! Aber wie sollen sie diese auch erhalten, wenn ihre Weiber ihnen irgendwelche pappigen Breie vorsetzen?“

Amerika, das Land der Quäker und Ex-Alkoholiker...
“Amerikaner? Was bilden die sich eigentlich ein? Sie sind eine Aussenseiter Mannschaft, aber ist ja klar! Wenn sie schon auf dem Globus die Weltpolizei spielen, müssen sie das natürlich auf einem Fussballfeld genau so demonstrieren! Diese billigen John Wayne-Verschnitte! Fehlt nur noch, dass sie sich einen Quäker-Hut aufsetzen, sich die rechte Hand auf die linke Brust legen und lauthals “Amazing Grace“ singen. Nur weil die “Mayflower“ keinen Eisklotz geschrammt hat, wie die Titanic und sie die Küste Amerikas erreicht, ein fremdes Land ausgerottet und die Ureinwohner eingepfercht haben, benehmen sie sich jetzt wie das Urgestein der Zivilisation! Und dann noch dieser Ex-Alkoholiker im Präsidenten-Pavillon! Dem steht die Dummheit im Gesicht geschrieben! Aber wundert’s wen? Nein. Der passende Präsident, für ein Fernseh-verblödetes Volk!“

Argentinier, das Land der dampfenden Koks-Nasen...
“Argentinier! Schau mal, wie sie jammern! Ich könnte meine Augenbrauen nie im Leben in diesen Winkel ziehen, wie Maradona das kann! Aus Angst vor einem Dopingtest haben sie sich diesmal nichts in die Nase gedrückt! Deswegen auch diese lausigen Spiele! Medellin Konzern und so! Alles Drogensüchtige! Schau Dir nur mal das Dickerchen Dieguito an! Vom Seitensprung-Kind bis hin zum Kokainprozess, kann er sämtliche Laster dieser Erde auf seinem Konto verbuchen. Was will man da noch von den anderen Spielern erwarten, hä?“

Frankreich, das Land der Strumpfhosenkönige...
“Und das soll eine ehemalige Weltmeister-Mannschaft sein? Das ich nicht lache! Typisch Franzosen! Arrogant, überheblich, näselnd und brauchen für einen Satz doppelt so viele Wörter wie der restliche Teil der Welt! Nur, um sich wichtig zu machen! Glauben wohl, alles dreht sich um ihr Sonnensystem! Allesamt eingebildet und borniert! So wie damals dieser kleine, dicke und stinkende König mit den Strumpfhosen! Das muss an den Genen liegen! Er war ja auch der Meinung, ein Sonnenkönig zu sein! Sie wie diese wir-sind-die-Weltmeister-uns-kann-keiner-was-Pfeifen! Dafür sind sie jetzt draussen! Geschieht ihnen recht!“

Kroatien, das Land der Überläufer und Handbeisser...
“Kroaten? Schau sie Dir an, diese Nazis! Einst gehörten sie zur jugoslawischen Nationalmannschaft, die sie so erschaffen hat, wie sie heute sind! Aber eben, so sind sie, diese Kroaten! Beissen die Hand, die sie einst mal gefüttert hat! Kein Wunder waren sie im zweiten Weltkrieg Anhänger unserer Feinde! Auch sie, Opfer ihrer Gene! Denken, sie wären was besseres, nur weil sie, geografisch gesehen und ihrer Meinung nach, an den modernen Westen angrenzen und uns hingegen immer noch als ein Sultanat des osmanisches Reichs betrachten! Aber ich sage Dir, von Triest bis zum Kaukasus, ist Balkan Balkan und bleibt Balkan!“

China, das Land der mauerbauenden Höflichkeitsfanatiker...
“Sieh Dir mal diese Chinesen an! Die haben Biss! Typisch Chinesen! Klein, wendig, flink und sehen alle gleich aus! Auch eine Aussenseiter-Mannschaft, jedoch spielt sie von Anfang bis Ende ein Spiel in der gleichen Qualität! Kein Wunder, konnten sie die chinesische Mauer bauen, bei diesem Durchhaltevermögen! Und ihre höflichen Umgangsformen! Der restliche Teil dieser Welt sollte sich ein Beispiel daran nehmen! So sind sie, die Asiaten!“

Die Giftspritzer stammten aus einem paffenden Mund, in dessen linkem Winkel eine abgebrannte Zigarette baumelte und aus dem ein Rauchkringel nach dem andern zur Decke schwebte. Der Mund gehörte einem Mann, der den grössten Teil seines Lebens in kälteren Breitengraden verbracht hatte, als denen, in welchen er ursprünglich geboren wurde. Die Giftspritzer waren seit Tagen im Zuge der Fussballweltmeisterschaft damit beschäftigt, über die politischen Einstellungen der jeweiligen Mannschaften zu urteilen und freuten sich diebisch, wenn eine der “Allierten“ aus dem Rennen schied. Sie waren gemein, sie waren typisch und sie hatten es nicht anders verdient.

“Was ist mit uns, den Serben? Wo sind denn unsere tollen Spieler?“

“Was soll mit uns sein? Wir sind ein Volk mit Biss, wir sind ein Volk, dass sich nicht unterkriegen lässt, wir sind Stehaufmännlein- und Weiblein, vom Baby bis zur kreuzschlagenden Grossmutter. Wir haben Charakter, Ehre, Familiensinn und Gefühle. Hör Dir nur mal unsere Lieder an! Sie gehen unter die Haut, keiner singt so schön wie wir! Und unsere Küste erst! Sauber, rein, wunderschön. Aber was geschieht, hä? Wieder mal der Westen! Diese Hooligans! Vom Beginn der Zeitgeschichte an bis jetzt werden wir boykottiert! Schon den ersten Weltkrieg haben sie uns angehängt! Und jetzt machen sie uns wieder für einen Krieg verantwortlich, den Aussenseiter wie die rotgekleidete, dicke Madeline Albright und ihre Knechte angezettelt haben! Warum in Gottes Namen quetscht dieses widerliche Weib ihre Masse in diese schreiend roten Kostüme? Wie hätten sich unsere Fussballspieler denn auf die WM vorbereiten können, wenn sie alle Embargos dieser Welt gepachtet haben? Hast Du eigentliche eine Ahnung, wie schwierig es ist, unter solchen Bedingungen zu leben oder Sport zu treiben? Daran ist nur dieser blöde Westen schuld, sie wollen unser Land, sie erniedrigen unser Volk und sie kommandieren uns herum! Wären unsere Jungs in Korea aufgetrumpft, sähe alles ganz anders aus! Aber die Schiedsrichter hätten sowieso jeden Pupser eines serbischen Spielers abgepfiffen, ihm die gelbe Karte gezeigt und wir hätten unter diesen Voraussetzungen nicht mal die Vorrunden geschafft! Typisch! Immer sind sie alle gegen uns!“

Die Serben, das Land der Elben und lieblichen Harfenklänge...
Laut dieser Ausführung in die Kulturgeschichte des Balkans, handelt es sich bei der Völkergruppe der Serben in Wirklichkeit um ein wunderschönes, edles und gütiges Elbenvolk, in dem würdevolle und charismatische Elbenkönige mit charmanten Elbenköniginnen herrschen, die Türklinken aus purem Gold gehämmert und die Elbenmenschen querbeet freundlich, liebevoll, geistreich und weise sind. Mit ihrem überaus humanen Wesen zelebrieren sie Familiensinn, zupfen an goldenen Harfen, bimmeln mit lieblichen Glöckchen, reden mit leisen und zarten Stimmen und lösen Probleme -sofern es welche gibt, denn Elben verpönen Unstimmigkeit und lieben Harmonie- auf diplomatische und sachliche Weise. Und nur in Diskussionen. Ausserdem sind die sportlichen Elben dafür berühmt, dass sie als Profifussballspieler auf die finanziellen und gesellschaftlichen Vorteile pfeifen und sich bedingungslos ihrem Spiel verschreiben. Wenn man genau hinsieht, schimmern auf ihren Rücken silberne Flügel. Lediglich die bösen Mächte ausserhalb der Landesgrenzen des Elbenreiches lösen grosse Traurigkeit beim Elbenvolk aus, weil sie mit der gütigen Grundstimmung ihres Charakters nicht nachvollziehen können, warum so hässliche Menschen wie eine rotgekleidete Mäddi und Konsorten sie so dermassen quälen und regieren wollen. Als eines der letzten elbischen Völker dieser Erde, leben Elben ein auserwähltes Dasein auf einem gemeinen und von Boshaftigkeit geprägten Globus, von dem aus immer wieder feindliche, rabenschwarze Fangarme ins Elbenland gestreckt werden. Die Mehrheit der Wolken und Donnerblitze werden immer nur ins elbische Reich geblasen, jedoch erfolgreich von elbeneigenen Spezialeinheiten verjagt und zurück in die düsteren, unelbischen Regionen geschleudert.

Elben sind fleissig, arbeitsam, heucheln, meucheln und streiten nie, sorgen sich um alle anderen und werden eines fernen Tages der Trupp 144 Tausend weissgekleideter Auserwählter sein, die das weltliche Armageddon überleben und in der goldenen und göttlichen Stadt in Saus und Braus leben werden.

Man sollte sich schämen, kein Elb zu sein.

“Was denkst Du? Es stimmt, was ich sage, das weißt Du ganz genau! Man sollte seine Wurzeln nie vergessen.“ Stimmt, ja ich überlegte. Falsch, es stimmte eben nicht, was er sagte.

Die Jugoslawische Nationalmannschaft konnte deshalb nicht an der Fussball Weltmeisterschaft teilnehmen, weil sie lausig gespielt hatte und entrüstet darüber war, dass es die gegnerischen Mannschaften während den Ausscheidungsspielen tatsächlich gewagt hatten, ihren Ball im Elbentor, durch den lieblichen Elbentorhüter hindurch, ins goldene Elbennetz zu ballern.

Durch die Modernisierung und den technischen Fortschritt auf dem Planeten, können sich Wurzeln sogar selber umtopfen. Ausserdem haben die meisten von ihnen ein Selbstversorgungssystem und können alleine steuern, ob sie blühen, oder welken wollen. Brauchen nicht mal einen Gärtner, die Wurzeln. So clever sind sie unterdessen geworden. Es gibt lange, dünne, dicke, breite, runzlige, bunte, farblose, gesunde und faule Wurzeln, so vielfältig sind sie unterdessen. Eine Kinderkrankheit jedoch schleppt die Wurzel auch im Erwachsenenalter mit sich herum. Zeit ihres Lebens kämpft sie damit, auf sich selber als Wurzel ein Hohelied zu singen.

Meine letzte und schönste Überlegung war jedoch die, dass ich im Besitze elbischer Wurzeln bin und es mir somit scheissegal ist, ob Ex-Alkoholiker, dicke Frauen oder sonst wer, Unheil auf dem Globus anrichteten.

Als Elbin ist mein Überleben bei den singenden und jubilierenden Auserwählten sowieso gesichert.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.04.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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