Manchmal kann man einfach nicht nasser werden. Dieser Zeitpunkt war vor ungefähr zehn Minuten. Deshalb trat ich auch nicht fester in die Pedale, denn das erhöhte nur das Unfallrisiko. Und das konnte ich nun beim besten Willen nicht gebrauchen. Naja, wer kann das schon gebrauchen?! Ich glaube, Herr Unfall ist genau so beliebt wie Herr Wecker, bah. Auf jeden kam ich irgendwann pflutschklitschenass Zuhause an und dort wartete nur der Abwasch und die Schmutzwäsche. Immerhin etwas. Aber statt mich darum zu kümmern, warf ich mich halbnackt (schon vergessen? Meine Kleider waren pflutschklitschenass) mit Microwellenpopcorn aufs Sofa und zog mir zuerst KÖLN und dann BERLIN T&N rein. Es war ja auch viel einfacher den Problemen von Maike, Ole und Co. zu folgen, als mich um meine eigenen zu kümmern.
Aber bereits während der ersten Werbepause schweiften meine Gedanken ab. Was musste die Basketballspielerin in der Orange-Werbung auch aussehen wie der Trennungsgrund von Rico und mir? Unfuckingfassbar. Das war also Problem Nummer eins: Mein Freund hatte mich für eine über zehn Jahre Jüngere verlassen. Voll das Klischee. Um diesem Anblick und den damit verbundenen nein-ich-schneid-mir-auch-heute-nicht-die-Pulsadern-auf-Gedanken zu entkommen, zog ich mir meine Schlafklamotten an. Auf dem Rückweg zum Sofa stolperte ich über die noch immer vollgepackten Bananenschachteln. Auch nach 3,5 Monaten in der neuen 2,5 Zimmerwohnung hatten die Heinzelmännchen noch keine Nachtschicht eingelegt und den ganzen Kram verräumt. Ich kickte mit den nackten Füssen dagegen und verscheuchte somit auch Problem Nummer zwei aus meinem Kopf: Kein Interesse und keine Freude an meinem neuen Zuhause.
Irgendwo vibrierte mein Handy. Ich hechtete zurück aufs Sofa und entsperrte sofort den Bildschirm. Nein, nicht was ihr jetzt denkt. Ich wusste, dass nicht Rico mir geschrieben hatte. Aber vielleicht Mike. Die wunderschönen blauen Augen von meinem Kletterpartner waren im Moment das einzige was mich nicht unglücklich machte. Er war es aber nicht. Immerhin war es Amelie, meine Freundin, welche mich hier in meinem Elend alleine liess um sich einen Monat in den Staaten zu amüsieren. Bei ihr war jetzt früh morgens und sie musste mich unbedingt darüber informieren, dass sie jetzt die Hühner füttern würde, frühstücken würde und dann auf einem wilden Mustang reiten würde. Schön. Für sie. Nicht für mich. Auch ich würde gerne wieder einmal auf einem wilden Mike, äh, Mustang reiten. Ich schrieb sofort zurück, dass ich mir noch immer nicht die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Das war der Deal. Immer sofort antworten. Natürlich erklärte allein eine Antwort meinerseits, dass ich noch lebte, aber ich betonte es immer wieder gerne. Irgendwie machte es mich stolz. Manchmal. Jetzt gerade aber nicht. Jetzt wurde ich nachdenklich. Nicht wegen der Tatsache, dass ich noch lebte – obwohl mich das ehrlich gesagt hin und wieder auch beschäftigte -, sondern wegen Mike.
Als ich mein Problem Nummer drei vor ein paar Wochen kennen gelernt hatte, gab ich ihm sofort und unmissverständlich zu verstehen, dass ich auf keinsten eine neue Beziehung wollte. Einerseits hatte ich auch nach fünf Monaten Trennung immer wieder Rückfälle in denen ich Rico auf Knien anflehen wollte, dass er doch bittebittebitte zu mir zurückkommen sollte. Zudem war ich ein „All-in“-Typ. Entweder schenkte ich einem Mann mein ganzes Herz oder liess es von Anfang an bleiben. Und mein zerkratztes, verbeultes, zerbrochenes, abgesplittertes Herz kann ich nie wieder einem Mann schenken. Mission impossible.
Er akzeptierte das, wir merkten, dass wir ideale Kletterpartner abgaben und frönten zusammen unserem Hobby. Dann merkten wir, dass wir einander toll fanden und unternahmen auch andere Dinge zusammen. Dann merkten wir, dass wir einander anziehend fanden und machten ein bisschen rum. Dann merkte ich, dass er sich zurückzog. Wir gingen zwar nach wie vor zusammen in die Kletterhalle und machten uns eine gute Zeit, aber er schaute mich nicht mehr so an, küsste mich nicht mehr, berührte mich nicht mehr. Irgendwann im Chaos (so hiess die Bar) (und mein Leben, seien wir ehrlich) nach vier oder fünf Tequilas (oder sechs oder sieben), sprach ich ihn darauf an und er gestand mir, dass er sich zu Anfang in mich verknallt hatte, sich dann aber immer wieder meine Worte in Erinnerung gerufen hatte und sich dann halt von mir zurückziehen musste. Jetzt wüsste er nicht genau was er wollte. Vielleicht sei es besser, wenn wir befreundet blieben. Kollegen und Kletterpartner.
Oh, das war es ganz sicher. Immerhin war ich defekt, kaputt, beziehungsunfähig. Und immerhin war er nicht wirklich gross genug für mich. Und er rauchte. Und er hatte ja so viele Kolleginnen, sein Handy piepste wirklich ununterbrochen. So einen Freund konnte ich (Miss Unsicher und somit Miss Eifersüchtig) natürlich überhaupt nicht gebrauchen. Und wieso eine so tolle Freundschaft mit Beziehung zerstören?
Ja, wieso? Vielleicht weil er so wunderschöne blauen Augen hatte? Oder weil er so strahlend weisse Zähne hatte? Oder weil dieser Mund so fabelhaft (fabelhaft mit drei f) küssen konnte? Nein. Definitiv nein. Das Äussere war nicht Grund genug. Aber vielleicht weil ich mich in seiner Nähe endlich wieder einigermassen wie Kim fühlte? Nach monatelangem Schweben schien ich endlich wieder mit beiden Beinen in Bodennähe zu sein. Ich konnte ihn zeitweise sogar spüren.
Als ich dann genug über Mike nachgedacht hatte (wieder viel zu lange und ergebnislos), klaubte ich mich vom Sofa hoch und kroch ins Bett. Ich rollte mich unter der Decke zusammen und zählte meine Probleme durch. Drei. Zu wenig für eine Therapie, dafür brauchte man die Hand voll. Nach stundenlangem Wälzen, merkte ich, dass es aber zu viele für den gesunden Schönheitsschlaf waren.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.09.2013.
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