Inge Hoppe-Grabinger

Der peinlichste Augenblick meines Lebens




Wolfgang Max Faust   arbeitete in der Germanistikbibliothek  als  Tutor, hatte den totalen Überblick und musterte alle Eintretenden sehr genau.
Später wurde er Kunstkritiker und berühmt dafür,  genau hinzusehen.   Er war schwul, gut aussehend, liiert mit einem Pfarrer ,
witzig, herablassend, arrogant und machte bodenlos anzügliche Bemerkungen.
Ich war damals noch sehr unbedarft, hatte ein gänzlich unterentwickeltes Selbstbewußtsein und wußte nicht, wie ich den nächsten
Tag unter Germanisten überstehen sollte.  
Eines Tages hatte ich mich, wie ich glaubte, schön gewandet, , öffnete die Tür zur Bibliothek, als  ich  begrüßt wurde mit dem Satz
"Ah, Kühe in Halbtrauer!". Tatsächlich hatte ich einen weißen Rock an mit einem dünnen schwarzen Rand!  Der Roman "Kühe in Halbtrauer"
war damals gerade erschienen und war in aller Munde.   Natürlich war ich tödlich beleidigt, aber ich ließ es mir nicht anmerken.

Viele Jahre später stellte Wolfgang Max Faust sein letztes Buch vor, und zwar im  Theater  "Berliner Ensemble". Wolfgang hatte Aids
und sein Buch war im Bewußtsein geschrieben, dass es Abschied bedeutete.   Später erfuhr ich, dass es die Vorbereitung auf einen
Freitod war.  Die Vorstellung  seines Buches wurde damit beendet, dass er alle Namen seiner Freunde verlas, die an Aids gestorben waren.
Es waren viele. 
Danach verabschiedete er sich von allen, die er eingeladen hatte.  Schön und geistreich  wie je, hatte er für alle ein freundliches Wort.
In solchem Moment sucht man verzweifelt nach Worten, die angemessen sind. Aber was ist angemessen?
Mir fiel nach vielen Jahren wieder ein, was mir Wolfgang  als witzige  Bemerkung entgegen geschleudert hatte.
Also fragte ich ihn, ob er sich daran erinnern könne, dass  ihn mein Rock  zu  "Kühe in Halbtrauer" inspiriert hatte.
Er lachte, und schon war mein Auftritt vorbei,  und hinter mir standen noch zwanzig oder dreissig Leute ...  um Abschied zu nehmen.
Bis heute habe ich diesen Moment nicht  verwunden. Was hätte ich sagen sollen?  Und wie  bodenlos geschmacklos waren
meine Worte?  




,

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Inge Hoppe-Grabinger).
Der Beitrag wurde von Inge Hoppe-Grabinger auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.09.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  Inge Hoppe-Grabinger als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Lauter Rasenmäher - Stacheliger Kaktus. von Astrid v.Knebel Doeberitz



Eine heiter-besinnliche Liebesgeschichte

Die gestresste Lehrerin Jeanne Garner freut sich über den wohlverdienten Urlaub in ruhiger Umgebung, den ihr jedoch der Nachbar schon am ersten Tag verdirbt. Rick Bradley, der Modefotograf, gehört vom Typ her zu der Sorte Mann, um die Jeanne vorsorglich einen weiten Bogen macht. Seine Beharrlichkeit bewegt in ihr jedoch mehr als sie sich eingesteht. Gut, dass es da noch die Nachbarn, Anthony und Sally Cartman, gibt! Rick beginnt, sein bisheriges Leben zu überdenken, während bei Jeanne eine tief greifende Veränderung ihrer Lebenseinstellung stattfindet. Als es nach Monaten zu einem von einer Freundin geplanten Wiedersehen zwischen ihnen kommt, steht Jeanne ungewollt vor einer Entscheidung ...

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (6)

Inge Hoppe-Grabinger hat die Funktion für Leserkommentare deaktiviert

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Autobiografisches" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Inge Hoppe-Grabinger

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Probleme: gibt es die? von Inge Hoppe-Grabinger (Satire)
Und die Sonne ging auf von Ingrid Drewing (Autobiografisches)
Sprachlos von Ingrid Drewing (Liebesgeschichten)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen