Nelly Braunstein

Mali 1

 

Mali stand mit Elli und Betty am Tresen ihrer Lieblingskneipe und Bestellte sich etwas zu trinken.

Liebevoll strich sie mit ihren Fingern über das abgenutzte dunkle Holz und erinnerte sich an ihren ersten Abend hier. Wie sie sich alle drei verlaufen hatten und durch Zufall hier zusammen trafen. Seit diesem Abend waren sie unzertrennlich und hatten kaum eine Party hier ausgelassen.

„Willst du nicht wenigstens heute mal deine Prinzipien vergessen und richtig mit uns feiern?“ Mali nahm ihren Cocktail und drehte sich zu den anderen beiden. „Wann habe ich denn nicht richtig mit euch gefeiert? Falls es für euch eine zwingende Notwendigkeit ist, einen Kerl ab zu schleppen weil ich Single bin, dann muss ich euch leider auch heute enttäuschen! Heute nicht und auch sonst besteht da keine Chance.“ Ohne auf die Antwort der anderen zu warten, lief sie zielstrebig auf einen freien Tisch zu. Als sie sich gesetzt hatte, sah sie sich nach ihren Freundinnen um, die weniger schnell folgten.

„Ach komm schon, es sind doch wirklich ein paar ganz ansehnliche Typen dabei. Sie mal, der am Tresen, der sich jetzt so vorbeugt. Hat der nicht einen tollen Hintern?“ Mali blickte in die Richtung in die Betty gedeutet hatte und lachte: „Ja, wenn man drauf steht! Ich will mit seinem Gesicht reden und nicht mit seinem Hintern!“ Betty sah hilfesuchend zu Elli, die sich auch prompt einschaltete. „Du sollst dich ja auch gar nicht mit ihm unterhalten, du sollst ihn abschleppen und dann wieder in den Wind schießen. Ein klassischer one-night-stand!“ Mali tat einen Schluck aus ihrem Glas. „Ich weiß nicht wie ich es euch beibringen soll, deshalb gebe ich es auf. Wenn es so sein soll, dann wird es passieren, wenn nicht dann nicht, OK?“ Elli und Betty jubelten. „Das soll nicht heißen, dass ich jetzt sofort auf die Suche gehe!“ Die beiden sahen sie etwas enttäuscht an, lächelten dann aber dennoch zufrieden.

Sie unterhielten sich und Mali beobachtet die Menschen, welche die Kneipe beraten und wieder verließen. Als sie wiedereinmal auf die Tür starrte, war es für sie als würde die Zeit still stehen. Die dunkle Holztür öffnete sich und sie glaubte, trotz des hohen Lärmpegel, das Quietschen der Angeln zu hören. Sie blickte auf die schmiedeeiserne Klinke, welche sich langsam herunterdrückte und die Tür aufschwingen ließ. Als ihr Blick nach oben glitt, traf sie der Blick von ein paar unglaublich dunklen und starken Augen, die sie förmlich fesselten. Ohne sich zu rühren starrte sie dorthin und diese Augen blickten sie direkt an, als würde es niemanden anders auf dieser Welt geben.

Erschrocken zuckte sie zusammen als Elli sie anstieß. „Alles in Ordnung?“ Mali sah sie noch immer vollkommen verwirrt an „Ja, ich glaube schon.“

„Du bist manchmal echt gruselig! Wenn du die Männer so anstarrst, brauchst du dich nicht wundern wenn es nicht klappt!“ Mali hatte sich wieder gefasst und lachte: „Ja, das denke ich auch, aber ich mach es ja nur euch zum gefallen!“

Als Mali das nächste mal zum Tresen ging um sich etwas zu bestellen, musste sie sich durch die Menschen schieben, so voll war es geworden. Vom Student bis zu Unternehmer war hier alles vertreten, wenn man sich die Gesichter und die Kleiderwahl ansah. Während sie am Tresen auf Bedienung wartete, sah sie sich um und versuchte zu erraten, wer was tat. Ein Typ mit Poloshirt Jeans und Segelschuhen ordnete sie den Zahnmediziner zu, sein Freund, der neben ihm lief und das Hemd lässig aus der Jeans hängen hatte war sicher ein BWL-Student. Sie ließ ihren Blick weiter schweifen, als sich plötzlich jemand in ihr Gesichtsfeld schob.

Der Mann der vor ihr stand, war einen halben Kopf größer als sie, schlank aber muskulös. Er trug ein dunkles Sweatshirt und ebenso dunkle Jeans und seine Füße steckten und dunklen Sneakers. Als sie ihm ins Gesicht sah, fiel ihr zuerst sein blasser Teint auf, der im Kontrast zu seinen dunklen Haaren und seinen noch dunkleren Augen stand, eben die Augen, die sie an der Eingangstür angestarrt hatten und es jetzt wieder taten, auch wenn nicht mehr so durchdringend wie zuvor.

„Darf ich dich einladen?“ fragte er freundlich und Mali lief ein schaudern über den Rücken, als sie seine weiche tiefe Stimme hörte, die alle anderen auszublenden schien. Um sich ihre Überraschung nicht anmerken zu lassen nickte sie schnell. „Ein Green Garden!“ brachte sie gerade so heraus. Innerlich schüttelte sie den Kopf über sich selbst. Was war nur mit ihr los? Natürlich sah er gut aus, mit seinen dunklen Locken die ihm in die Stirn fielen und den markanten Wangenknochen, die sein Gesicht wie gemalt wirken ließen, aber es gab keinen ersichtlichen Grund, warum er sie so aus der Fassung brachte, ohne auch nur ein Wort zu sagen.

Als ihre Getränke vor ihnen Standen sagte er, das Gespräch wieder aufgreifend: „Ich heiße Leo!“ Mali drückte die dargebotene Hand und spürte wie angenehm kühl und trocken sie war, im Gegensatz zu ihrer die sich verschwitzt anfühlte. „Mali!“

Sie starrte in ihr Getränk und überlegte fieberhaft was sie sagen sollte, als er wieder zu sprechen begann: „Kommst du von hier?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, nicht ursprünglich. Aber man findet sich hier schnell zurecht, ist ja mehr als überschaubar!“ Erleichtert einen vernünftigen Satz von sich gegeben zu haben nahm sie ein Schluck von ihrem Cocktail. „Es kommt darauf an wie du deinen Maßstab ansetzt.“ Mali blickte wieder zu ihm und sah das ein Lächeln seine Lippen umspielte. „Das klingt sehr Philosophisch. Ich denke, ich gehe da sehr oberflächlich vor, das genügt mir fürs erste. Ich möchte hier nicht heimisch werden.“ Ihr Blick fiel auf das Glas in seinen Händen. Seine schlanken, feingliedrigen Finger umfassten es fast liebevoll. „Aber ist das nicht sehr wenig, wenn man so eine lange Zeit seines Lebens an einem Ort verbringt?“ , fragte er ohne ihren Blick zu beachten. „Natürlich!“, nickte Mali : „Aber warum sollte ich mehr verlangen, ich verbinde mich nicht dem Ort sondern mit den Menschen die sich dort befinden. Wie schrecklich ist es, wenn man einem Ort Gefühle zugesteht, die immer wieder in einem auftauchen, wenn man sich dorthin begibt. Dann gäbe es ja bald keinen Platz mehr an dem ich mich ganz unbefangen bewegen könnte.“

Sie sah ihn direkt an, während sie das sagte und versuchte in seinem Blick zu erkennen, was er davon hielt und ob er wirklich darüber reden wollte. Vielleicht war das nur seine Masche um Mädels klar zu machen. Sie waren immerhin in einer Universitätsstadt, da konnte man mit so etwas Erfolg haben. Ihr gefiel es ja auch, dachte sie und musste unwillkürlich lächeln. Er sah sie fragen an: „Aber ist es nicht genau das, was uns ausmacht. Wir haben diesen tierischen Instinkt in uns, der uns dazu anhält uns die Dinge in Verbindung mit Orten einzuprägen. Sei es zum Schutz oder zum Überleben. Wir müssen doch wissen wo es uns gut geht und wo uns immer wieder etwas zustoßen kann.“

Er wollte sich tatsächlich darüber unterhalten! Mali sah sich nach ihren Freundinnen um. „Ich glaube ich habe mir bisher einfach nie solche Fragen gestellt. Es gab keinen Grund. Es gab keinen Unterschied von Ort zu Ort, oder ich war zu unaufmerksam, keine Ahnung.“ Er war ihrem Blick gefolgt, ohne auch nur ein Wort zu verpassen von dem was sie sagte. „Dann sollte sich das ändern, es hat ungemein viele Vorteile, man lernt die Menschen besser einzuschätzen, denn im Grunde richten sich alle danach, ob sie es wissen oder nicht.“ Er schwieg kurz bevor er hinzufügte: „Du bist dir nicht sicher, ob du nicht doch zu deinen Freundinnen zurückgehen solltest. Du kennst mich ja nicht.“ Mali sah ihn fast erstaunt an. War es so offensichtlich gewesen was sie dachte. „Stimmt, aber ich dachte eher daran was sie denken könnten. Ich lass sie nicht gerne warten.“ Er schien zu merken das sie nur die halbe Wahrheit sagte, ging jedoch nicht darauf ein. „Natürlich, aber sie sehen dich ja, du würdest sicher auch auf sie warten.“

Er musste sie für ein totales Mauerblümchen halten. Dabei sah sie heute ganz und gar nicht so aus. Sie hatte ihr Lieblingskleid angezogen, dass mit seiner smaragdgrünen Farbe ihre Augen noch mehr strahlen ließ. Das dunkle Augen Make-Up ließ sie etwas verrucht aussehen und ihre Haare schmiegten sich seidig um ihr Gesicht.

Demonstrativ setze sie sich wieder in Richtung des Tresens und kehrte ihren Freundinnen den Rücken zu. „Kommst du denn von hier?“ Leo hatte sich ebenfalls wieder dem Tresen zugewandt. „Ich wohne lange genug hier, um ja sagen zu können.“

Nachdem sie sich von ihren Freundinnen abgewannt hatte, wurde das Gespräch interessanter, es war als hätte sich in ihr ein Schalter umgelegt und sie flirtete mit Leo, so gut sie es konnte. Sie bemerkte es kaum, dass ihre Freundinnen sich von ihr verabschiedeten und ihr dabei zweideutig zulächelten. Sie wechselte mit Leo den Platz an einen freien Tisch, so das sie jetzt dicht beieinander saßen.

Obwohl Mali kein Alkohol trank, fühlte sie, wie die stickige Luft der Kneipe, Leos Nähe und seine samtige Stimme ihr immer mehr zu Kopf stiegen.

Damit sie sich verstanden mussten sie sich nah zueinander setzen und immer wieder berührte er wie zufällig ihren Arm oder ihr Bein mit seiner Hand, oder seine Lippen berührten ihr Ohr. Mali kam sich vor wie ein siebzehnjähriges Mädchen, das ihr erstes Date hatte und wurde immer wieder rot, wenn er sie berührte oder ihr näher kam, als es eigentlich erforderlich gewesen wäre.

Als sie kurz auf Toilette ging und wieder kam, sah sie, wie Leo sich mit einem anderen Mann unterhielt, der ihm überraschend ähnlich sah. Als die beiden sie bemerkten, nickten sie sich zu und Leo zog sie zu sich auf die Bank. „Wer war das?“ fragte sie, als würde sie das etwas angehen.

„Oh, dass war nur ein Bekannter, nicht wichtig. Hat mir nur Hallo gesagt.“ Mali wollte etwas erwidern, ließ es aber dann doch bleiben. Was ging es sie an, es hatte nicht nach einem einfachen Hallo ausgesehen.

Erst jetzt bemerkte sie, das er immer noch seine Hand auf der ihren hatte und sah ihn an. Er lächelte. Vorsichtig strich er ihr mit den Fingern über die Wange und sie schmiegte unwillkürlich ihr Gesicht daran. Als sie ihn wieder ansah, war er ihr sehr nah gekommen und lächelte nicht mehr. Sie schloss die Augen als seine Lippen die Ihren berührten und genoss dieses Gefühl, als würde alles um sie herum bedeutungslos werden. Dieses Gefühl das man so intensiv nur beim ersten Kuss hatte. Irgendetwas in ihr warnte sie davor weiter zu machen, doch sie kämpfte die Stimme nieder und vergrub ihre Finger in seinen Locken.

Als sie sich wieder ansahen, meinte sie in seinen Augen eine Veränderung zu erkennen, sie sahen nicht mehr so dunkel aus wie noch zuvor. „Ich sollte jetzt gehen!“ sagte sie, immer noch nah an seinem Mund und mit ihren Händen an seinem Nacken. Anstatt einer Antwort, küsste er sie noch einmal. Erstaunt über sich selbst sagte sie „Willst du mit zu mir kommen?“ Ein blitzen war kurz in seinen Augen zu sehen, jedoch so kurz, dass Mali glaubte es sich eingebildet zu haben. „Bist du dir sicher?“ fragte er. Mali nickte, löste sich aus seiner Umarmung und griff nach ihrer Jacke.

Gemeinsam verließen sie die Kneipe und Mali sog die kalte Nachtluft tief ein. Leo sah sie amüsiert an, so das sie rot wurde. „Du machst dich lustig über mich?“ Schnell schüttelte er den Kopf und zog sie zu sich um sie zu küssen. „Auf die Idee käme ich nicht einmal im Traum. Ich freue mich dich ansehen zu dürfen.“ Er konnte einfach nichts falsches sagen, dachte sie und ließ sich von ihm küssen.

Als sie ihre Wohnungstür aufstieß kam ihr eine behaglich Wärme entgegen. Sie legte ihre Jacke und ihre Schuhe ab und deutete auf das Wohnzimmer. „Ich bin gleich bei dir, mach es dir bequem.“

Sie verschwand im Badezimmer um noch einmal einen kritischen Blick in den Spiegel zu werfen und um ihre Unterwäsche zu wechseln. Er sollte sie ja nicht auslachen.

Als sie so präpariert in ihr Wohnzimmer kam, musste sie schmunzeln. Leo lag auf dem Sofa ausgestreckt und schlief. Jetzt wollte sie sich mal auf etwas verrücktes einlassen und dann schlief ihr der Kerl auf dem Sofa ein. Und ausgerechnet mit ihm hätte sie es gern getan.

Seufzend holte sie eine Decke aus dem Schlafzimmer und legte sie über ihn.

 

Mali erwachte und sah sich erstaunt um. Es war noch dunkel und sie fragte sich, was sie geweckt hatte. Sie stand auf und ging in ihr Wohnzimmer. Das Sofa war leer und die Decke lag ordentlich gefaltet am einen Ende. Schnell lief sie zum Fenster und sah noch eine dunkle Gestalt die Straßen entlang gehen und um die nächste Ecke biegen.

Das hatte sie also geweckt. Unwillkürlich lief sie zu ihrer Wohnungstür und schloss sie ab. Sie war sich sicher, dass er ihr nichts gestohlen hatte, deshalb legte sie sich wieder in ihr Bett und versuchte zu schlafen. Noch hielt das Hochgefühl vom Abend an, so dass sie sich keine Gedanken darüber machte, was er hätte alles tun können, während sie schlief und sie schlummerte wieder in ihre süßen Träume.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.09.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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