Nelly Braunstein

Mali 3

Dieser Nachmittag sollte aber für die nächste Zeit eine Ausnahme darstellen.

Leo kam nicht mehr zum Kurs und zeigte sich höchsten mal am Ende eines Tages und unterhielt sich kurz mit seinen Kollegen. Mali wunderte sich, dass man ihn niemals in der Klinik antraf. Das man ihm nicht, wie den anderen Assistenten, mal auf dem Weg zur Klinik über den Weg lief.

Ihre Freundinnen fragten sie, warum sie ihm so nachhing. „Ihr hattet doch nichts miteinander. Und selbst wenn, solltest du langsam darüber hinweg sein.“ Mali nickte nur und beschloss dem alleine auf den Grund zu gehen. Warum sie unbedingt wissen wollte was es mit ihm auf sich hatte, wusste sie nicht.

Eines Abend machte sie sich auf den Weg zum Einkaufen. Sie hatte es die ganze Woche noch nicht geschafft, und auch wenn es jetzt bereits schon dunkel und empfindlich kalt war, hatte sie sich nach draußen gewagt. Warm eingepackt in einen Mantel, Schal und Handschuhe und mit ihrer Tasche über der Schulter lief sie die Straße zum nahegelegenen Supermarkt entlang. Sie dachte über den Tag nach, was sie alles noch erledigen musste um den Kurs zu bestehen und wann sie mit Elli und Betty frühstücken gehen wollte. Über diesen Gedanken, entdeckte sie plötzlich vor sich eine ihr nur allzu bekannte Gestalt, die zügig die Straße entlangging

Sie verlangsamte ihren Schritt. Vielleicht war er es auch nicht. Vielleicht wollte sie nur, dass er es war. Sie hatte ihn nur das eine mal in der Kneipe draußen gesehen, aber was hieß das schon, sie hatte ihn davor auch noch nie bemerkt, es war sicher nur Zufall. Als hätte er sie in ihren Gedanken belau- scht oder ihren Blick auf sich gespürt, blieb er plötzlich stehen und drehte sich zu ihr um. Mali blieb ebenfalls stehen und schaffte es nicht ihren Blick von ihm zu lösen. Als er die Hand grüßend hob, begann ihr Körper wieder ihren Befehlen zu gehorchen. Er hatte sie erkannt, also konnte sie auch zu ihm gehen. Während sie auf ihn zuging, dachte sie angestrengt nach, was sie ihm sagen sollte. Hatten sie sich überhaupt etwas zu sagen?

Sie bemerkte, dass er den Kragen seines Mantels nach oben geklappt hatte um sich vor dem kalten Wind zu schützen, der in Böen immer wieder die Straße entlang fegte. Sein Gesicht wirkte noch blasser als sonst und seine Wangenknochen standen im Kontrast zu seinen weich geschwungenen Augenbrauen.

„Hallo!“ sagte sie, um überhaupt etwas zu sagen, denn als sie sich seine Nähe bewusst wurde, waren alle Worte aus ihrem Kopf gefegt. Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Schön dich zu sehen!“

Sie waren also doch noch per du, dachte sie.

Mali sah verlegen auf ihre Handschuhe bevor sie ihm wieder in die Augen sah. „Du tauchst ja kaum bei uns auf.“ Das Lächeln verstärkte sich und erweiterte sich bis zu seinen Augen. „Das liegt nicht an dir. Ich habe anderes zu tun.“

Wollte er sie ärgern? „Für so wichtig halte ich mich dann doch nicht. Aber du scheinst dir ja Gedanken darüber gemacht zu haben!“ Sie lächelte jetzt auch. Wenn er sie nicht ernst nahm, dann tat sie das auch nicht.

Seine Miene verdunkelte sich etwas: „Sag das nicht. Du weißt das ich dir widersprechen muss und das eigentlich nicht sollte.“ Verwirrt sah Mali ihn an, was wollte er ihr damit sagen? „Was meinst du damit?“ Sie strich sich ungeschickt eine Strähne aus dem Gesicht, die der Wind immer wieder nach vorne blies, doch mit ihren behandschuhten Händen wollte sie einfach nicht hinter ihrem Ohr verschwinden. Als er die Hand ausstreckte und ihre Wange mit seinen Fingern berührte, durchfuhr es ihren ganzen Körper mit einer wohlige Wärmewelle, auch wenn seine Hand kalt war, wie die Luft um sie herum. Sie sah ihn an und es erschien ihr wie eine Ewigkeit, bis er seine Hand wieder zurückzog.

Was taten sie hier? Was war das nur, dass sie sich dermaßen von diesem Mann angezogen fühlte. Ohne weiter darüber nachzudenken trat sie einen Schritt näher auf ihn zu, nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände und küsste ihn. Sie merkte wie überrascht er war, sie war es ja selbst, doch dann erwiderte er ihren Kuss und zog sie ein Stück näher an sich. Doch dieses kleine Glück währte nur kurz, denn ihm schien plötzlich bewusst zu werden, was er da gerade tat und schob sie sanft von sich.

„Wir sollte das nicht tun!“ Mali nickte, obwohl alles in ihr dagegen war. Natürlich hatte er recht. „Tut mir leid, ich...“ Sie brach ab. Was sollte sie auch sagen? Sie hatte den Kuss genossen. An nichts anderes hatte sie denken können seit sie ihn kannte, dass wurde ihr jetzt bewusst und alles was sie jetzt hätte sagen können, wäre ein Lüge gewesen!

Sie sah zu Boden und versuchte sich zu sammeln. Er schien ihre Gedanken zu erraten: „Glaub nicht, dass es mir leicht fällt. Aber es geht nicht! Komm lass uns ein Stück gehen.“ Er nahm sie bei der Hand und zog sie mit sich, als sie sich nicht rührte. Wenigstens diese Berührung blieb ihr. „Es ist verrückt, wir kennen uns doch kaum. Du weißt absolut nichts über mich.“, hob er wieder an zu sprechen. Mali hob den Kopf und sah ihn von der Seite an. „Du hast recht, ich kenne dich nicht, aber das könnte sich ändern. Du kennst mich doch auch nicht.“ Er schüttelte den Kopf und Mali zwang ihn stehen zu bleiben indem sie seine Hand fest in der ihren hielt. „Warum? Die Klinik ist nicht der Grund oder?“ Er sah sie fast erschrocken an. Hatte sie etwas falsches gesagt? Er entzog ihr seine Hand und vergrub sie in seiner Manteltasche, als würde er frieren. „Wie kommst du darauf? Es wird nicht gern gesehen wenn Assistenten und Studenten...“ er sprach nicht zu ende, als würde ihm jetzt erst klar, dass er sich selbst vormachte. „Du hast recht. An der Klinik liegt es nicht.“

Mali wusste nicht ob sie das freuen sollte oder ob es sie verletze. Der Kuss hatte sich nicht angefüllt als läge es an ihr. „Erkläre es mir!“ Sie suchte seinen Blick, doch er wich ihr aus. „Du würdest es nicht verstehen. Können wir nicht einfach das, was wir haben so belassen und in guter Erinnerung behalten? Bitte.“ Er hörte sich fast flehend an.

Es schien als ob sich alles um sie drehen würde. Mali verstand die Welt nicht mehr. Was war nur mit ihnen los? Er hatte recht, warum beließ sie es nicht dabei. Sie kannten sich kaum, das was zwischen ihnen geschehen war, konnte man nicht einmal eine Affäre nennen. Vielleicht einen Flirt, aber mehr wirklich nicht. Warum in alles in der Welt lag ihr so viel daran?

Sie sah Leo an und trat einen Schritt zurück. „Du hast recht. Es tut mir leid. Ich verstehe es nicht aber das muss ich vielleicht auch nicht. Nimm es mir nicht übel, aber ich gehe jetzt wohl besser.“ Sie spürte wie ein Klos in ihrem Hals aufstieg und sie wandte sich schnell ab und lief den Weg zurück den sie gekommen war. Sie schluckte um die Tränen zu unterdrücken die in ihr aufstiegen, doch sie ließen sich nicht zurück halten. Sie begann zu rennen. Warum nur ging ihr das so nahe? Hatte sie sich so dermaßen in ihn verliebt? Es fühlte sich verdammt danach an!

Zuhause schlug sie die Tür hinter sich zu und warf sich auf ihr Sofa. Er war ihr nicht einmal hinterher gelaufen. Hoffentlich hatte er wirklich einen guten Grund dafür.

In ihr stieg eine Wut empor die sie nicht von sich kannte. Sie wollte ihm wehtun, wie er es getan hatte als er sie von sich wies.

Sie vermied es nun Abends die Straßen alleine entlang zu gehen und auch in der Klinik sah sie zu, dass sie ihm nicht über den weg lief, und wenn sie ihn doch einmal traf, versuchte sie glücklich auszusehen.

Doch all das ließ ihre keine ruhe. Sie wollte wissen, warum er sich so von ihr zurück gezogen hatte. Warum hatte er sie so gequält angesehen bei ihrem letzten Treffen, als er sie fortschickte. Es musste etwas geben dass er ihr nicht erzählen konnte oder nicht wollte.

Vielleicht war er ja unglücklich verheiratet und wusste nicht wie er sich von seiner Frau trennen sollte, weil er ein zu guter Mensch war. Oder er war in kriminelle Machenschaften verstrickt, in der er sie nicht hinein ziehen wollte.

Mali spielte in Gedanken mehrere Szenarien durch und fand keines von ihnen schlüssig.

Ihre große Wut die sie empfunden hatte war schnell verflogen und einer großen Neugier gewichen, die ihr keine Ruhe mehr ließ. Auch wenn sie seine direkte Nähe mied und ihm das Gefühl zu vermitteln suchte, dass sie nicht mehr an ihm interessiert war.

Sie begann damit herauszufinden wo er wohnte.

Auch wenn sie sich dabei wie ein Stalker vorkam, wartete sie abends in sicherer Entfernung vor seinem Haus um zu sehen wann er es verließ. Sie schlich ihm nach und hatte große mühe ihm zu folgen, denn er lief schnell. Zu ihrer Enttäuschung musste sie feststellen, das er nur auf dem Weg zur Klinik war. Sie wandte sich bereits zum gehen, da sah sie wie Leo stehen blieb und sich umsah, gerade so als hätte er sie bemerkt., doch er sah nicht in ihre Richtung. Als er sich nicht weiter bewegte und noch immer in diese Richtung starrte, folgte sie seinem Blick und sah einen Mann der auf Leo zukam. Er war breitschultrig und etwa einen Kopf kleiner als er. Es machte den Anschein als hätte Leo auf ihn gewartet, denn sie begrüßten sich. Ihre Mienen waren ernst und sie sprachen leise und schnell miteinander. Mali konnte kein Wort verstehen, doch an Leos Gesicht konnte sie erkennen das es um etwas wichtiges gehen musste. Neugierig versuchte sie sich ein Stück näher an die beiden Männer heran zu schleichen. Als sie fast in einem neuen Versteck angelangt war und sich vollständig hinter einen Container hocken wollte, trat sie gegen eine Blechdose, die einen ungeheuren Lärm verursachte. Sie fluchte leise und duckte sich. Die beiden Männer waren verstummt und sich leise Schritte in ihre Richtung zu bewegen schienen, doch bevor sie bei ihr waren hörte sie Leo laut sagen: „Das war sicher nur eine Katze! Hier streunen immer wieder welche umher.“

Sie hatten also nichts bemerkt, atmete Mali erleichtert auf.

Die Schritte entfernten sich wieder. „Wir sollten uns das nächste mal woanders treffen. Wer weiß ob es immer eine Katze ist, die sich hier herumtreibt!“, sagte der andere Mann, mit einer ungewöhnlich hohen näselnden Stimme. Leo schien ihm zuzustimmen, denn der Mann sagte: „Ich gebe dir den nächsten Treffpunkt schriftlich weiter, du weißt ja wie. Und denk dran, es ist wichtig. Noch eine Verspätung wäre nicht gut.“ Sie verstand nicht was Leo antwortet, er sprach zu leise, doch es musste dem anderen nicht gefallen, denn er zischte ärgerlich: „Ich meine es wirklich gut mit dir Leo, aber treib es nicht auf die Spitze. Sei einfach pünktlich okay!“ und damit verschwand der Mann.

Mali rührte sich nicht, bis sie ihn in einem Auto wegfahren sah. Als sie sich aufrichtete und sich wieder in Leos Richtung wenden wollte, erstarrte sie. Sie hatte gedacht, das Leo bereits weiter gegangen war, doch er stand direkt vor ihr und sah sie ärgerlich an. „Was machst du hier?“ Mali sah ihn verlegen an und suchte nach einer Antwort : „Ich war zufällig hier und hab euch gesehen, ich wollte euch nicht stören, tut mir leid. Ich bin schon so gut wie weg.“ Sie wunderte sich das ihr das so leicht über die Lippen kam, auch wenn sie es sich selbst nicht geglaubt hätte. Sie wollte an Leo vorbei gehen, doch er hielt sie am Arm zurück. „Tu das nicht! Versprich es mir!“, sie sah ihn an und stellte fest, dass er sie müde und sehr ernst ansah. „Was soll ich nicht tun? Willst du das ich hier bleibe?“ versuchte sie sich dumm zu stellen, doch irgendetwas in seiner Miene machte ihr sofort ein schlechtes Gewissen. „Du weißt was ich meine. Hör auf mir nachzulaufen.“ Irgendwie kränkte es Mali, das er sie so schnell durchschaut hatte: „Ich laufe dir nicht nach, auch wenn du das vielleicht gerne hättest. Ich habe doch schon gesagt, das ich zufällig hier war!“ Sie entzog ihm ihren Arm, den er immer noch festgehalten hatte und funkelte ihn böse an.“Und warum versteckst du dich dann hinter einem Müllcontainer? Zufällig?“, er sprach ruhig und geduldig wie mit einem Kind, doch in seinen Augen sah sie, dass er wütend war. „Ich wollte dir nicht über den Weg laufen. Und ich muss nun mal in diese Richtung!“ fauchte sie. Es sah aus als wollte er ihr ebenso ärgerlich antworten, doch er schluckte es hinunter und sagte: „Versprich mir, dass du das nächste mal einfach weiter gehst! Bitte!“

Mali wollte eigentlich einen gekonnten Abgang hinlegen indem sie ihm etwas dramatisches an den Kopf warf und einfach ging, doch seine leise Stimme und dieses nachgeschobene Bitte, ließen sie zögern. Es war ihm mehr als ernst und es schien ihm um sie zu gehen. „Okay! Ich werde es versuchen. Ist ja sowieso selten genug, dass wir uns zufällig begegnen!“ Er sah sie dankbar an: „Gute Nacht!“ Er nickte ihr zu und wandte sich von ihr ab und ging. Mali sah ihm verblüfft nach. Er ließ sie wirklich einfach so stehen! Angestrengt suchte sie nach etwas was sie ihm hätte hinterher rufen konnte, doch es schien ihr alles falsch, also schloss sie ihren Mund wieder .

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.09.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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