Martina Wiemers

Wir sind das Volk

 

Leipzig Hauptbahnhof, bitte alle aussteigen, der Zug endet hier“ schallt es aus dem Lautsprecher. Schon beim Öffnen der Tür sehe ich Günter am Fahrplan stehen. Langsam gehe ich auf ihn zu. Nach all den Jahren weiß ich noch immer nicht wie ich mich verhalten soll. Zögernd hebt er die Hand und kommt mir entgegen. Wortlos stehen wir uns gegenüber. Kein Hallo, kein wie geht es. Er greift nach meiner Tasche, läuft 3 Schritte vor mir her und setzt sich dann auf die Bank neben dem überquellenden Papierkorb. Ich schaue ihm nach und denke:
„Rein optisch hat er sich seit 1989 wenig verändert. Immer noch 1,90 m groß und Muskeln so dick wie meine Oberschenkel.

Rückblick
Wir wohnten in der gleichen Straße in einem kleinen Kuhdorf 20 km von Leipzig entfernt. Unsere Väter gingen seit Jahren gemeinsam zum Fußball und unsere Mütter tauschten Kochrezepte und Strickmuster. Als damals die Montagsdemonstrationen begannen, saßen wir oft gemeinsam bei uns im Wohnzimmer vor dem Fernseher schimpften auf die da Oben und das sich endlich was ändern müsste. Im September 1989 hatte Günter, seit 6 Jahren Zeitsoldat bei der Nationalen Volksarmee, Sonderurlaub und guckte mit.
Der Ruf tausender Menschen „Wir sind das Volk“ beeindruckten mich stark.
Spontan entschloss ich mich am nächsten  Friedensgebet in der Nikolaikirche in Leipzig und hinterher an der friedlichen  Demonstration mit einer Kerze in der Hand teilzunehmen.
„Bist du verrückt, willst du dich und deine Eltern ins Gefängnis bringen“ schrie er ärgerlich. „Du weißt doch, dass ich so was melden muss. Die Armee ist in Alarmbereitschaft und die Krakeeler dort im Fernsehen sind längst registriert. Für die hat man schon den Abtransport vorbereitet. Jahrelang wird man die wegsperren. Ich selbst bin dafür in Dresden verantwortlich. Wenn Erich Mielke, der Minister für Staatssicherheit, auf den roten Knopf drückt, erfolgt sofort der Zugriff. Ist der Spuk vorbei, kann sich so mancher Meckerer auch hier aus dem Dorf das Jammern sparen. „Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns“. Schon Stalin hat vorgemacht, wie man mit Feinden umgeht“, sagte Günter sarkastisch.
„Gorbatschow ist aber nicht Stalin und du wirst doch wohl uns, deine Nachbarn, nicht bei der Stasi anscheißen“, fragte ich ärgerlich.
„Wenn es sein muss auch das, hab schließlich unterschrieben. Jeder von uns wird die Knarre und seinen Revolver benutzen. Wir lassen uns doch nicht von irgendwelchem hergelaufenem Gesindel in die Enge treiben. Wenn die glauben sie können den Sozialismus und seine Errungenschaften so einfach an den Klassenfeind verhökern, dann werden wir denen die Flügel stutzen und jede Feder einzeln ausreißen,“ sagte er wütend. Gruß –und Wortlos verlies er das Zimmer.

In den Tagen danach veränderte sich mein Leben dramatisch.
Ich machte Urlaub in der Tschechoslowakei und kletterte über den Zaun der Deutschen Botschaft in Prag. Alle Flüchtlingen jubelten beim ersehnte OK von Hans Dietrich Genscher. Endlich durften wir alle in die damalige Bundesrepublik Deutschland ausreisen. Der Zug am 4. Oktober 1989 war überfüllt. Günter und einige andere Offiziere hatten den Auftrag, den Bahnhof in Dresden vor Demonstranten und westlichen Pressefotografen abzusichern.
Wir, Nochbürger der DDR, durften beim Halt den Zug nicht verlassen. Trotzdem kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen. Ich stand am Fenster. Günter direkt davor. Wir sahen uns an, doch wir grüßten uns nicht. Als der Zug langsam losfuhr, hob er seine Kalaschnikow und zielte in meine Richtung.

Gleich nach der Wende kehrte ich zurück. Die Eltern von Günter waren gerade beim Packen. Der Möbelwagen stand vor der Tür. Niemand im Dorf sprach mehr mit ihnen. Günter war untergetaucht. Sie schämten sich für ihren Sohn, der als IM „Zeitgeist“ enttarnt wurde. Noch am 7.Oktober 1989 hat er unseren ehemaligen Mathelehrer, Herrn Kunze, angeschwärzt, weil er anlässlich der Jubelfeier zum 40. Jahrestag öffentlich in der Dorfkneipe seinen Unmut über die Mangelwirtschaft und das Bildungswesen in der DDR äußerte. 5 Tage wurde er im Stasigefängnis „Roter Ochse“ in Halle festgehalten und verhört. Ich erzählte ihnen von meiner Flucht, dem Aufenthalt in der Deutschen Botschaft und vom kurzem Zusammentreffen mit Günter auf dem Bahnhof in Dresden. Wortlos gingen sie an mir vorbei, stiegen in ihren Trabant und verließen das Dorf. Niemand wusste wohin sie fuhren. Allen im Dorf war es egal.

Vor vier Wochen, in einer Cafeteria in Leipzig, setzte ich mich zufällig an den Tisch eines älteren Ehepaares. „Hallo Martina“, sprachen mich die Frau und der Mann gleichzeitig an. Ich erkannte Günters Eltern nicht sofort. Nach peinlichen 5 Minuten, erzählten sie mir von sich und dann auch von Günter. Es geht ihm gut. Er arbeitet als Personenschützer für einen russischen Geschäftsmann und hat den Namen seiner Frau angenommen. Die stammt aus Bayern und heißt Edeltraud. Er wohnt mit ihr in einem Häuschen am Stadtrand von Leipzig, geht regelmäßig mit seinen Freunden auf die Jagd und hat sich sein Leben gut eingerichtet. Ich war froh als sie endlich aufstanden. Die Adresse von Günter schrieb sein Vater auf den Zettel der Rechnung und lies ihn beim Gehen auf dem Tisch liegen. Ich schrieb noch am selben Abend eine Mail:
Hallo Günter, habe am 9. Oktober 2 Stunden Aufenthalt in Leipzig. Wollen wir reden? Treffpunkt: 14:00 Uhr, am Fahrplan auf Bahnsteig 18. Martina

Schweigend sitzen Günter und ich nun schon seit 15 Minuten nebeneinander auf der Bank. Der Papierkorb stinkt. Wespen und Fliegen schwirren um den Inhalt.
„Günter, ich habe dich gesehen“, begann ich, „damals in der Nacht am 9. November 1989 an der Grenzstelle Bornholmer Straße in Berlin. Du warst Sicherheitsposten und bewaffnet. Tausende die rüber wollten umringten dich, waren aufgebracht, gestikulierten wild. Als die Pfosten und Barrieren fielen, die Lücke im Zaun sich auftat, waren sie nicht mehr aufzuhalten. Habe mir die Bilder aus dem Fernsehen später immer wieder angeguckt. Sah dich deine Kalaschnikow entsichern, sah wie du Sekunden später auf die Straße in den Dreck stürztest, wie man über dich drüberstieg und dann losrannte. War es aus Pflichtbewusstsein, aus Angst um dein Leben oder hat in letzter Sekunde bei dir die Vernunft gesiegt? Wolltest du wirklich in die Menge schießen? Tote, Verletzte ein Blutbad anrichten, statt friedlicher Revolution? Ist dir bewusst, dass, wenn die Situation damals wegen dir eskaliert wäre, Deutsche auf Deutsche und Soldaten aus den Staaten des Warschauer Paktes, auf Soldaten der Mitgliedsländer der NATO hätten schießen müssen?“

Vor Aufregung berührte ich mit meiner rechten Hand seine Schulter. Günter schüttelte sie ab, sprang auf und antwortete ärgerlich: „richtig oder falsch, für mich ist das Kapitel längst abgeschlossen. Hat nicht jeder von uns irgendeine Leiche im Keller. Die Welt hat sich gedreht und so Mancher tanzt heute auf den Gräbern von damals. Hör auf mit deiner Verbohrtheit, lass Gras über die Sache wachsen und nutze deine Chancen. Du weißt doch „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“.
Ach übrigens, einen netten Sohn hast du, pass gut auf ihn auf, damit ihm nichts passiert und denk immer daran, dass Leben ist zu kurz um sich mit sinnlosen Fragen zu beschäftigen.“ Er schaut auf seine Uhr, steht auf und geht grußlos zum Ausgang.
Regungslos bleibe ich sitzen. Erst als ein Mann mir im Vorrübergehen einen Zettel in die Hand drückt, nehme ich meine Brille aus der Tasche und beginne zu lesen:
Mittwoch, den 9. Oktober 2013, 16:00 Uhr, Nikolaikirche in Leipzig,
Einladung zum Friedensgebet,
Schirmherr: Bundespräsident Joachim Gauck
Rede zur Demokratie, ein Brückenschlag zur Völkerverständigung
Zeitzeugen berichten über die friedliche Revolution 1989
Ich verlasse den Bahnhof, gehe schnell zur Straßenbahnhaltestelle, löse einen Fahrschein, steige ein und an der Nikolaikirche erst wieder aus.
                               © Martina Wiemers

 

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