Christiane Mielck-Retzdorff

Sie nannte ihn Schnucki


 
 
Meistens nannte sie ihn Schnucki, obwohl er den Namen Anton trug. Doch das störte ihn wenig, wenngleich dieses Kosewort seine mittelgroße, sportliche Figur und seine männliche Erscheinung herabwürdigte. Schließlich hatte er großes Glück gehabt, dass diese freundliche, wohlhabende Frau ausgerechnet ihn zum Partner erwählte. Nun wohnten sie zusammen in einem Haus mit Garten, und der einst heimatlose Tunichtgut wurde umsorgt. Vorbei waren die Zeiten, in denen eine Mahlzeit keine Selbstverständlichkeit war und er selten wusste, wo er seinen Kopf zum Schlafe betten sollte.
 
Die Frau an seiner Seite liebte ihn und versuchte ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Doch auch das Paradies hatte seine Tücken. Ständig kontrollierte sie ihn, natürlich nur zu seinem eigenen Wohl. Kaum einen Schritt durfte er alleine gehen, und trafen sie andere Menschen, achtete sie stets darauf, dass er diesen nicht zu viel Aufmerksamkeit schenkte. Ihr eifersüchtiges Wesen duldete keine fremden Götter neben sich. Selbst mit welchen Kumpanen er sich treffen durfte, bestimmte sie. Missfiel ihr eine Bekanntschaft, verhinderte sie jede weitere Zusammenkunft.
 
Oft musste er sie zu ausgedehnten Einkaufsbummeln oder Spaziergängen in der Natur begleiten. Dabei nötigte sie ihn, ein gemächliches Tempo einzuhalten oder sogar unbewegt zu verharren,  während sie etwas betrachtete oder mit jemandem sprach. Diese Geduldsübung war ihm anfangs nicht leicht gefallen, doch ihre offensichtliche Wut über sein uneinsichtiges Verhalten belehrte ihn schnell eines Besseren. Diese Frau konnte richtig böse werden, um anschließend Tränen der Enttäuschung zu vergießen.
 
Der Garten des Hauses war rund um von einer Mauer und hohen Bäumen umgeben. Nur durch die Gitter des Tores konnte er einen Blick auf die Außenwelt ergattern. Dort lockten eine wohlbekannte Freiheit und ihre Gefahren. Als er kurz nach seinem Einzug ohne Vorankündigung durch das Tor entwich, um allein die Gegend zu erkunden, hatte er noch nicht mit einer so heftigen Gefühlsaufwallung gerechnet. Die grellen, verzweifelten Rufe seines Namens, die in den Straßen hallten, die überschwängliche Freude beim Wiedersehen und die tagelang folgenden, vorwurfsvollen Worte und Blicke würde er nie vergessen. Kurzzeitig befürchtete er sogar, seine Partnerin würde sich von ihm trennen.
 
Ansonsten konnte er sich über einen Mangel an Zuwendung wahrlich nicht beklagen. Sie tätschelt und liebkoste ihn andauernd. Doch gerade diese körperliche Nähe wurde ihm manchmal zu viel. Allerdings durfte er dieses nicht deutlich zeigen, denn ihr Unverständnis war ihm gewiss, so wie sie sich in vieler Hinsicht fremd blieben. Solange er sich ihren Wünschen unterordnete, konnte er sich auf ihre Liebe verlassen. Doch entwickelte er eigene Vorstellungen, stieß er nicht nur auf Erstaunen sondern Abwehr. Es war ein hoher Preis, den er für sein wohl geordnetes Leben im Wohlstand zahlen musste. Er fristete ein Dasein als Gefangener, stets an der Leine, in stumpfsinniger Langeweile, behütet und entrechtet. Aber er war ja auch nur ein Hund.
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.10.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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