Peter Biastoch

In Memoriam Kira



Jetzt möchte ich zu einem Thema kommen, das mich in den vergangenen Tagen gedanklich sehr beschäftigt hat. Wie fange ich aber jetzt an? Es war der 23.08.2007 und ich stand im Behandlungsraum der Tierärztin. Im Vorfeld hatte unsere Tochter schon einen Termin dort, um bei unserer Katze die Schutzimpfungen machen zu lassen. Das war am 08. August. Anschließend merkten wir, dass sich unsere Kira nicht so recht erholte, sondern eher immer mehr herumhing. So fuhr ich also eine Woche später, am 16. August, noch einmal da hin um Hilfe für sie zu bekommen. Bei der Untersuchung stellte die Ärztin dann die Diagnose, dass es sich möglicherweise um FIP, eine Virusinfektion, handeln könnte. Die angestellte Blutuntersuchung brachte zwar kein diesbezügliches Ergebnis, doch ich sollte nach einer weiteren Woche noch einmal mit Kira wiederkommen. Sie bekam noch eine Spritze mit Antibiotika und einem Stärkungsmittel und ich fuhr wieder mit ihr nach Hause.
In dieser Woche verschlechterte sich dann aber der Zustand der Katze immer mehr und so kam es, dass ich, wie Anfangs geschrieben, wieder in diesem Behandlungsraum stand. Doch diesmal war die Diagnose leider eindeutig. Ja, sie hat FIP und das ist nicht heilbar. Was dann kam war die Frage: „Wollen wir sie nun erlösen?“ Ich hörte, wie durch Watte, die Alternativen dazu und entschied, dass Kira dies nicht durchmachen sollte. Inzwischen hatte ich bereits bemerkt, wie sich mein Blick verschleierte und die ersten Tränen aus den Augenwinkeln schossen. Als die Betäubungsspritze zu wirken begann, machte die Ärztin mir den Vorschlag, dass ich die Katze doch noch einmal auf den Arm nehmen könne… NEIN! Ich hatte doch gerade ihren Tod veranlasst. Das erschien mir so heuchlerisch. Dann wurde ich gefragt, ob ich bei dabei sein wolle, wenn die Überdosis Betäubungsmittel verabreicht wird? Ich schüttelte nur mit dem Kopf, denn mir versagte die Stimme, und ging fluchtartig nach draußen. Dort brach dann der letzte Rest meiner mühsam aufrecht erhaltenen Selbstbeherrschung weg und ich heulte wie ein Kind…
Irgendwie war ich dann noch einmal im Behandlungszimmer, um zu bezahlen. Schließlich konnte ich da raus. Hätte man mich nicht noch einmal darauf angesprochen, wäre ich ohne den Transportkorb gegangen. So setzte ich mich in mein Auto, schaltete die Zündung ein und hörte, wie in den Nachrichten, im Autoradio, von einem weiteren Selbstmordanschlag mit mehreren Todesopfern berichtet wurde. Da fragte ich mich, was das Ganze soll? Da sterben Menschen und ich heule wie ein Schulkind, wegen einer Katze???
Diese Frag ging mir dann noch nach, als ich mich bereits wieder beruhigt hatte. Und so habe ich mich also die vergangenen Tage damit beschäftigt, während ich dabei war, die Tageszeitung auszutragen. Schließlich kam mir der Gedanke, dass es doch eigentlich nicht ausschließlich um dieses Tier gegangen ist, als ich diesen Zusammenbruch erlebte. Denn ein so enges Verhältnis war das ja überhaupt nicht! So kam ich schließlich darauf, dass es sich um die Umstände gehandelt haben muss, die ich nicht verkraftet habe.
Lass mich das einmal etwas näher erläutern. Als Vorschulkind verbrachte ich die Arbeitszeit meiner Eltern bei meinen Großeltern, die im gleichen Haus wohnten. Dort gab es auch noch den Bruder meiner Mutter. Der war aufgrund seiner Krankheit immer anwesend. Es war Anfangs absolut normal für mich und wir hatte ein schönes persönliches Verhältnis zueinander. Als ich langsam begriff, dass es nicht normal war, dass mein Onkel immer in seinem Sessel sitzt und ansonsten nur mit großer Mühe stehen konnte, begann anscheinend mein Problem. In dieser Situation spürte ich, dass ich nicht das Geringste für ihn tun konnte. Was kann schließlich ein kleiner Junge gegen eine chronische Lähmung ausrichten, an der sich sogar die Mediziner die Zähne ausbissen?
Diese Situation war nun aber nicht kurzzeitig, sondern dauerte über Jahre an. Anfangs verbrachte ich ja Tag für Tag mit Werner. Er sprach sehr oft mit mir über die Bibel, Christus, Jehova Gott und das Königreich Gottes. Ich betete folglich auch für ihn. Doch nichts geschah, nicht der leiseste Hauch einer Besserung. So kam es auch dazu, dass ich an der Existenz Gottes zu zweifeln begann. Ich verstand damals einfach noch nicht, warum es ein liebevoller Gott zuließ, dass gute Menschen, die an ihn glaubten, leiden müssen.
Später, als ich zur Schule ging, waren es immer noch Stunden, die wir gemeinsam verbrachten. Doch diese gemeinsamen Zeiten verringerten sich immer mehr, bis ich so sehr mein eigenes Leben hatte, dass ich mich extra dazu entscheiden musste, zu ihm zu gehen. Doch, um ehrlich zu sein, diese Entscheidung, Werner zu besuchen, fiel mir immer schwerer, auch je weiter seine Krankheit voranschritt. Ich bin mir inzwischen auch im Klaren, dass mir von diesem Verhalten größere Schuldgefühle zurück geblieben sind.
Das Ganze kam nun anscheinend zum Tragen, als ich mit unserer Katze dort stand und diese Entscheidung zu treffen hatte. Es war das gleiche Gefühl der Unfähigkeit, etwas an der Situation zu ändern. Es war das gleiche Verhalten, indem ich den direkten Kontakt vermied. Nur dass ich jetzt, aufgrund der abrupten Situation, nicht in der Lage war, meine Gefühle zu verdrängen…
Ich habe mich in den vergangenen Tagen auch gefragt, ob es angebracht ist, zu weinen. Mir klingen da noch die Ermahnungen vieler Erwachsener und auch Gleichaltriger in den Ohren: „Ein Jung weint doch nicht! Du bist doch keine Memme!“ Von solchen Sätzen wird man als Kind beeinflusst. Doch ist es denn gut, seine Gefühle zu verstecken? Ich glaube nicht. Gerade diese Gefühle der Trauer müssen durchlebt, ausgelebt und damit verarbeitet werden. Nicht umsonst werden die Gefühle, im Sprachgebrauch, mit dem Herzen in Verbindung gebracht. Wenn man diese Schmerzen also im Herzen begräbt, so hat das eine Wirkung. An dieser Stelle gibt es dann eine Narbe. Diese Stelle wird hart, empfindungslos.
So gesehen frage ich mich schon ernsthaft, ob diese Erziehung der männlichen Kinder zu „Männern“ nicht letztendlich, neben anderem, dazu geführt hat, dass unsere Welt ist, wie sie ist. Ich meine das so, dass jemand, der dazu erzogen wurde, seine Gefühle zu verstecken und zu unterdrücken, auch nicht mehr in der Lage ist, echtes Mitgefühl zu zeigen. Damit hat man dann einen Menschen, der gefühlsmäßigen Stress damit begegnet, dass er sich eine Waffe nimmt und seine Mitschüler niedermetzelt, bzw. sich einen Sprengstoffgürtel umschnallt, eine Menschenmenge sucht, laut „Für Allah!“ schreit und dann dieses Ding zündet. Oder liege ich da, mit meinen Gedanken so weit daneben? Nein, da heule ich doch schon lieber wie ein Schlosshund und bleibe fähig, mit dem Leid und Unglück anderer, mitzufühlen!
Wie ich Dir ja vielleicht schon einmal geschrieben habe, ist für mich das Briefe schreiben eine Form der Therapie. Darum möchte ich jetzt noch die „Gegenprobe“ machen. Die Probe, ob ich meine Gefühle, bezüglich unserer Katze, wieder im Lot habe. Ich werde mich dazu in die Lage unserer Kira versetzen und einmal sehen, ob mich meine Gefühle wieder übermannen, oder ob meine Selbstdiagnose erfolgreich war. Ich schreibe also nun „in Memoriam“ aus ihrer Sicht.
 
Das Leben einer Katze ist gefährlich, von Anfang an. Bei der Geburt waren wir sechs. Doch nur wenige Tage später gab es nur noch zwei von uns. Wir hatten einfach nur das Glück, dass wir von unseren künftigen Besitzern ausgewählt wurden. Dabei ging es nur nach rein äußerlichen Merkmalen und dem absoluten Zufall. Als ich dann zu meiner Familie kam, standen bereits weitere Gefahren bereit.
Ich war noch nicht lange dort, als ich vom Zimmer der Tochter aus einen Vogel entdeckte, der mir einen sehr unvorsichtigen Eindruck machte. Ich pirschte mich an, sprang und verfehlte ihn nur knapp. Doch selbst wenn ich ihn erwischt hätte, so wäre er mir sehr schnell wieder entwischt. Denn wie ich gleich merkte, war der Untergrund, auf dem ich gelandet war, äußerst glatt. Es waren Dachziegel, denn ich war aus dem obersten Fenster gesprungen. Und so rutschte ich ab und fiel etwa zehn Meter in die Tiefe.
Nur gut, dass wir Katzen instinkt- und reflexgesteuerte Tiere sind. So drehte sich mein Körper ganz automatisch und mein Rücken krümmte sich nach oben. Damit konnte ich den, dennoch schmerzhaften, Aufprall auf dem Boden soweit abfedern, dass mir kein bleibender Schaden entstand. Ihr gedankengesteuerten Wesen hättet das nie geschafft, denn noch während eurer Schrecksekunde wärt ihr unten aufgeschlagen. Kein Wunder, dass ihr so erschrocken und besorgt wart! Die Tochter meiner Familie hat mich damals gleich in diese Transportbox gesteckt und ist mit mir zu dieser Tierärztin gefahren. Wie ich diese Kiste hasse!
Es gab natürlich auch noch viele andere Gefahren für mich. Da war zum Beispiel die Straße. Ihr hattet immer Angst, wenn ihr gesehen habt, dass ich sie überquerte, oder einfach nur darauf herumlief. Doch ihr wusstet auch dass ich diese Gefahr nicht sah. Für mich gehörte sie einfach zu meinem Revier. Und wenn ich auf die Nachbarwiese ging um zu jagen, dann musste ich eben über diese Straße. Ihr hattet aber auch eine sehr schöne Idee, um mich von dort fern zu halten. Ihr habt ein Brett über den Bach gelegt, damit ich meine Reviergrenze in die entgegengesetzte Richtung ausweiten konnte. Ach ja, der Bach. Wie oft habt ihr wohl euren Kopf geschüttelt und mich „dummes Tier“ genannt, wenn ich wieder einmal nach einem Insekt gejagt habe und beim danach springen erst dann sah, wohin mein Sprung mich führen würde, wenn ich seine Richtung nicht mehr beeinflussen konnte. Tja, so ist das, wenn man nicht vorausplanen kann, sondern seinen Gefühlen und Instinkten folgt. Da macht es dann „platsch“ und man ist nass! Doch, wenn ich wieder einmal mit triefendem Fell in die Küche gelaufen kam, habt ihr mich mit einem Handtuch, oder was gerade greifbar war, getrocknet. Obwohl ich dieses Trockenrubbeln nicht so richtig gemocht habe, spürte ich euer Interesse an mir!
Ja, die Jagd – ich habe sie geliebt! Wie habt ihr euch immer „gefreut“, wenn ich meine noch lebende Beute mit ins Haus gebracht habe, um sie euch zu zeigen! Dabei war es mir egal, ob Maus, Maulwurf, Schmetterling, Vogel, oder Ratte. Ja, ich habe auch Ratten erbeutet! Nein, Angst kannte ich nicht, schon gar nicht vor Hunden. Es hat mir sogar besondere Freude bereitet, diesen altersschwachen Hund aus dem benachbarten Sägewerk zu vertreiben. Das mit der Angst ist so eine Sache, die ihr Zweibeiner wohl deshalb habt, weil ihr euch Gedanken über das machen könnt, was kommen kann. Ich konnte das nie. Ich lebte ganz im Hier und Jetzt! Ich spürte, wenn mir unmittelbar Gefahr drohte, oder wenn ich geliebt wurde – mehr nicht. Was hätte es für mich auch für einen Sinn gehabt, mir Gedanken über etwas zu machen, von dem ich nicht wissen konnte, wie es wird.
Ich wurde eines Tages sterilisiert und es machte mir nichts aus. Diese Operation habe ich in der Narkose verschlafen und anschließend machten mir erst diese Müdigkeit und dann eine Endzündung, die sich unter der Operationsnarbe gebildet hatte, zu schaffen. Doch mit viel Schlaf und liebevoller Pflege, kam ich wieder auf die Pfoten. Auch da half es mir sicherlich, dass ich mir keine Gedanken machen konnte.
Letztendlich konnte ja keiner ahnen, dass mich ein ganz anderer Feind bezwingen würde, von dessen Existenz mir nichts bekannt war. Ich trug ihn anscheinend schon längere Zeit in mir, ohne dass es jemand gemerkt hätte. Dann wolltet ihr mich vor solchen ähnlichen Feinden schützen. Ihr brachtet mich wieder in die Praxis, wo ich eine Spritze erhielt. Es heißt, dass diese Schutzimpfungen die natürliche Körperabwehr schwächen, und ich fühlte mich danach auch sehr schwach. Ihr habt das bemerkt und seid wieder mit mir zur Ärztin. Doch da hatte dieser hinterhältige Feind schon zugeschlagen. Ihr hattet allerdings noch Hoffnung und habt euch alle Mühe gegeben, dass ich meine Medizin nehme. Das habe ich euch nicht leicht gemacht, nicht wahr? Es ist mir aber auch schon immer zuwider gewesen, wenn man mir etwas in mein Maul spritzt, das ich schlucken soll.
Ich spürte eure Besorgnis, aber auch eure Liebe, mit der ihr mich gehalten habt. Mit der ihr mir dieses Mittel verabreicht habt und mit der ihr mich gestreichelt habt. Trotz all eurer Liebe wütete der Virus in mir und ich hatte ihm nichts entgegen zu setzen. Ich fühlte mich von Tag zu Tag schwächer… In meinem Dämmerzustand merkte ich dann, dass ich wieder einmal in diese Transportkiste gelegt wurde. Es fehlte mir sogar die Kraft, mich richtig gegen dieses verhasste Ding zur Wehr zu setzen.
Dann diese Untersuchung, ein Stich, wie bei meiner OP und ich spürte wieder diese bleierne Schwere. Die Hand der Ärztin streichelte mein Fell und ich döste ein. Alles war weit, weit weg…
Ps.: Wenn es mich auch jetzt nicht mehr gibt und auch nie wieder geben wir, so bereue ich doch keinen Augenblick, den wir zusammen waren. Kira
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.10.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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