Christiane Rutishauser

Für Lukas


 
Eigentlich kannte ich Lukas kaum. Aber, seit das passiert ist, sehe ich ständig sein Lächeln vor meinem geistigen Auge. Es war so ein fröhliches, freches, liebenswertes Lächeln, mit einem kleinen Schalk in den Augenwinkeln. Er kam an Krücken in mein Büro gehumpelt und wollte seine Unterlagen zum Studium abgeben. Er würde bald Student sein und war trotz der Gehilfe und der Behinderung durch eine dieser modernen Konstruktionen an seinem rechten Fuß, die man heutzutage statt dem guten alten, mit Autogrammen verschmierten Gips, trägt, guter Dinge. Nur ein paar kleine bürokratische Unebenheiten trennten ihn noch von seinem Ziel, dem Studium.
Ich bin so ein neugieriger Mensch, deswegen fragte ich ihn, wie er denn zu dem Gipsfuß gekommen sei und er antwortete lächelnd, dass es beim Fußballspiel passiert sei. Ich wünschte ihm gute Besserung. Er gab mir ein paar Papiere, dann verließ er mein Büro. Das war alles. Die ganze Konversation. Ich schaute kurz aus dem Fenster, auf den Fluss, der in der Sonne glänzte, auf fröhliche Menschen und Badende und musste lächeln, so wie Lukas gelächelt hatte. Ja, es war ein schöner Tag.

Das Wochenende darauf war eines dieser heißen, schwülen Wochenenden. Man schwitzte aus jeder Pore. Die Schwimmbäder waren überfüllt. Aus den Wiesen dampfte die Hitze und der Asphalt schmolz, so heiß war es. Alle sehnten sich nach Abkühlung. Der Fluss wurde zur kühlen erfrischenden Lebensader und lockte die Badenden scharenweise an.
Ich weiß nicht mehr genau, was ich an diesem Nachmittag gemacht hatte, aber abends war ich zu Hause und mein Wohnzimmerfenster war weit geöffnet, um ein wenig Luft hereinzulassen. Deshalb hörte ich den Rettungshubschrauber. Er kreiste und kreiste über dem Fluss und ich sagte noch zu meinem Mann: „Hoffentlich ist nicht wieder jemand ertrunken.“ Es war nämlich noch keine Woche her, dass ein Teenager im Fluss ertrunken war. Der Fluss! Seine Strömung konnte zur gefährlichen Falle werden, wenn man kein geübter Schwimmer war. Wir hörten Polizei und den Krankenwagen und immer wieder den Hubschrauber, der lautstark am Himmel seine Kreise zog wie ein Unglücksvogel.

Leider war es so. Wieder war ein Mensch im Fluss ertrunken.  Ich war traurig darüber und fragte mich, warum keine Warnschilder aufgestellt wurden, oder wenigstens eine Badeaufsicht eingerichtet wurde. Dann hörte ich den Namen des Ertrunkenen und plötzlich hatte dieses Unglück ein Gesicht. Es war das Gesicht von Lukas, „meinem“ Lukas, der im Fluss ertrunken war. Ich sah sein fröhliches Lächeln, ich sah seinen hinderlichen Gipsfuss und ich hörte noch seine Stimme. Mein Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen und ich fühlte eine Art Schock. Warum war er ins Wasser gegangen? Warum hatte niemand bemerkt, dass er nicht schwimmen konnte? Warum, warum, warum?

Keine Antworten! Der Fluss glänzte am Montag in der Sonne, als wäre nichts geschehen. Er hatte Lukas verschluckt. Ich würde ihn nie wieder sehen. Er würde niemals sein Studium beenden. Der banale Alltag, der einfach weiter lief wie ein schlechter Film im Fernsehen, schien mir so absurd angesichts der Vergänglichkeit und ich dachte. Alles was wir haben, sind Gefühle und Erinnerungen: ein Lächeln, eine Liebe, die Hoffnung eines glücklichen Augenblicks. Wir wissen nichts. Nicht wie viel Zeit wir haben, wieviele Augenblicke wir miteinander und füreinander, haben. Das Leben ist das Kostbarste, was wir besitzen. Ein Mensch ist unersetzlich.
 
 
 
 
 

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