Iris Klinge

Ein Schicksalsschlag

„Wie sucht ihr mich heim, ihr Bilder, die längst ich vergessen geglaubt“  dichtete Adalbert von Chamisso 1827 in Erinnerung an den Ort seiner Geburt.
 
Genau so ergeht es mir, wenn nachts die Bilder auftauchen, die mir vokommen wie aus einem anderen Leben. Um sie los zu werden, muss ich die Geschichten aufschreiben, - erst dann gibt meine Seele wieder Ruhe.
 
Ein sehr trauriges Schicksal ereilte meine Freundin Mara. Ich fing an, in ohnmächtiger Wut an Gott und der Welt zu zweifeln. Warum passieren solche schrecklichen Dinge Menschen, die immer nur Gutes wollen, anderen helfen und nie an sich selbst denken. Da kommt mir als einzige Erklärung der Gedanke an „Karma“ in den Sinn. Welche Aufgabe haben wir in diesem Leben zu erfüllen und was sollen wir lernen?
 
Mara hat ihre Aufgabe gefunden. Durch unvorstellbares Leid ist sie zur Retterin anderer geworden, die ein ähnliches Schicksal erlitten haben wie sie.
 
Es war in Santa Fe, Neu Mexiko. Ich lernte Mara kennen, weil ich eine Unterkunft für zwei Monate suchte, nachdem mein Wohnungstauschprogramm zu Ende gegangen war. Sie lebte mit ihrem großen Hund in einem wunderschönen Adobe Haus -  ganz aus Lehm im mexikanischen Stil gebaut, im Sommer angenehm kühl und im Winter gemütlich warm.
 
Ich verliebte mich zuerst in dieses Haus und dann in den Hund, einen Golden Retriever, der mich oft auf meinen langen Spaziergängen begleitete. Mit Mara verstand ich mich auf Anhieb gut, und so wurden wir Hausgenossinnen.
 
Sie erzählte mir, dass sie sich vor einiger Zeit von ihrem Freund getrennt habe, einem Peruaner, weil er zunehmend aggressiver wurde und auch ein „Drogenproblem“ hatte, wie sie sagte.
 
Nach etwa einem Monat stellte sie voller Schrecken fest, dass sie schwanger war. Mit ihren 42 Jahren hatte sie noch nie ein Kind geboren, doch als gute Katholikin kam eine Abtreibung für sie nicht in Frage. Sie nahm wieder den Kontakt zu ihrem Verflossenen auf. Dieser weigerte sich jedoch, die Verantwortung für ihren „Unfall“ zu übernehmen.
 
Der Ex Freund wurde per Gerichtsbeschluss aufgefordert, seine Vaterschaft anzuerkennen. Wir trafen ihn im Gerichtssaal, wo ich als Zeugin mit eingeladen war. Er grinste den Richter frech an und sagte: „Morgen Nachmittag werde ich das Land verlassen und nach Peru zurück kehren.“
 
Das tat er auch. Er verschwand und tauchte nie mehr auf.
 
Mara besaß die Telefonnummer von Raffas Mutter in Lima und bat mich,  dort anzurufen, weil ich spanisch sprach. Ich sagte zu ihr „Wissen Sie, dass Sie demnächst Großmutter werden?“ Sie antwortete kalt: „Das interessiert mich nicht. Mein Sohn existiert schon lange nicht mehr für mich“ und hängte ein.
 
Damit war das Band zu der peruanischen Seite endgültig gerissen.
 
Mara hatte einen guten Beruf und keine finanziellen Sorgen. Sie bereitete sich auf den Gedanken vor, eine allein erziehende Mutter zu werden.
 
Nach Ablauf meines dreimonatigen Aufenthalts in Santa Fe flog ich zurück nach Europa, und die Freundschaft mit Mara blieb durch unseren regen e-mail Kontakt erhalten.
 
Eines Tages flatterte bei mir eine Geburtsanzeige ins Haus.  Jubel über ein kleines Mädchen, das die blauen Augen ihrer Mutter und die etwas braune Haut ihres Vaters geerbt hatte. Mara war die glücklichste Mutter der Welt.
 
Dass etwas mit dem Baby nicht in Ordnung war, stellten die Ärzte nach etwa 4 Monaten fest. Es nahm nicht an Gewicht zu. Eine umfangreiche Untersuchung brachte ein zu kleines Herz ans Licht. Das Kind musste wieder ins Krankenhaus, und Mara fing an, sich mit der Vorgeschichte ihres Exfreundes zu befassen.
 
Durch Gespräche mit einem von Raffas ehemaligen Bekannten entdeckte sie, dass seine ganze Clique regelmäßig Cocain konsumiert hatte und Raffa  der Beschaffer dieses Teufelszeugs gewesen war.
 
Jetzt konnte sie sich im Nachhinein viele Dinge erklären, die sie vorher nicht verstanden hatte. Das Herzproblem ihres Kindes war auf den Cocain Konsum des Vaters zurück zu führen.
 
Noch bestand Hoffnung auf ein Wunder und auf Rettung der kleinen wunderhübschen Kreatur. Sie wurde zur Beobachtung und Behandlung in die Intensivstation des Krankenhauses eingeliefert.
 
Fortan lebte Mara fast nur noch mit ihrem geliebten Mädchen auf der Intensivstation. Die Monate vergingen, doch das Kind wurde kaum größer. Nach einem Jahr fing das winzige Geschöpf bereits an zu sprechen  - die Beziehung zur Mutter wurde immer enger und intensiver. Die Fotos, die Mara mir von der Kleinen schickte, rührten mich zu Tränen.
 
Die Ärzte zogen eine Herztransplantation in Erwägung, aber es fand sich kein passendes Spenderorgan.
 
Das Drama dauerte insgesamt knapp drei Jahre. Dann bekam ich die Todesanzeige. Es war ein Schock.  Alles vergeblich. Alle Liebe und Hingabe von Seiten der Mutter und der Ärzte konnten das entzückende, hoch intelligente Wesen nicht retten.
 
Mara war am Boden zerstört. Ihre Karriere als Anlageberaterin hatte sie längst abgebrochen, alle Kontakte zu ihren Kunden verloren.  - Sie sollte nie mehr in ihr früheres Berufsleben zurück kehren.
 
Sie zog die Konsequenz. Sie verkaufte ihr Haus in Santa Fe und zog zurück nach Chicago zu ihrer Ursprungsfamilie, von der sie die ganze Zeit finanzielle und moralische Unterstützung erhalten hatte.
 
Um dieses grauenhafte Leid zu verarbeiten, gründete sie eine Organisation zur Hilfe für Eltern, die in ähnlicher Situation wie sie ein Kind pflegten oder verloren hatten. Mit dieser Aufgabe gelang ihr eine Rückkehr zum aktiven Leben. Sie hatte ihre Bestimmung gefunden, einen Weg, dieses Trauma zu überwinden und ihrer gepeinigten Seele Frieden zu geben.

 
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.10.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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