Karin Brose

Kanutour


Es ist ein Geburtstagsgeschenk. Man kauft nicht Dinge, man schenkt Events. Sie wollen eine Kanutour machen. Das Wetter ist herbstlich, aber nicht allzu kalt. Das kleine Flüsschen schlängelt sich durch die Landschaft. Mal fließt es träge, so dass die Blätterschiffchen kaum voran kommen, mal hastet es brodelnd unter tiefhängenden Weidenästen hindurch. Hier und da springt eine Forelle. Die Ufer sind steil, meist dicht bewachsen. Sie paddeln zu zweit in jedem Boot. Die beiden hinten sind sich nicht einig. Die Frau gibt Kommandos. Er reagiert nicht. Sie drehen sich um sich selbst und fahren bald rückwärts. Im vorderen Boot stechen sie die Paddel gleichzeitig ins Wasser. Er sitzt hinten. Sie kündigt Hindernisse an, er bestimmt die Taktik. „Jetzt du!“, ruft er, dann „stopp, du nicht!“ Alle genießen die wunderbare Landschaft. Verwunschene Büsche, stille Biegungen, wohnen hier Wasserelfen?  Nur das Platschen der Paddel unterbricht die Stille. „Da vorn! Ein Wehr!“ ruft sie plötzlich. Das Wasser stürzt hier nur einen Meter tiefer, aber es brodelt und kocht um die Felsen, die mitten im Fluss liegen. „Nimm das Paddel hoch und bleib ganz ruhig!“ hört sie ihn noch sagen. Und dann sind sie auch schon mitten drin im Getöse. Das Boot schaukelt. Sie versucht krampfhaft, ihr Gewicht in der Mitte zu halten. Sie hat Angst. Ein langgezogenes Schaben. Das Boot rutscht an einem Felsen entlang. Plötzlich bekommt es einen Drall von rechts und schlägt nach links um. Beide fallen heraus. Er steht gleich wieder und lacht. „So war das nicht geplant!“ Da merkt er, dass sie nicht da ist. Panik ergreift ihn. Wo ist sie? Er taucht. Er sieht sie nicht. Es ist stockfinster da unten. Immer wieder geht er runter. Wo ist sie? – Sie ist unter das schwere Holzboot geraten. Sie schwimmt und schwimmt, aber sie kommt nicht nach oben. In ihrem Kopf braust es. Kalt und dunkel umgibt sie das sandgeschwängerte Wasser. Sie weiß, dass ihre Luft nicht mehr lange reicht. Plötzlich denkt sie „Hier sterbe ich also“ und wehrt sich nicht. Da spürt sie, wie er sie unter dem Kahn hervorreißt. Er ruft ihr zu „Stell dich hin! Hier ist es nicht mehr tief! – Gott sei Dank!“ Sie funktioniert. Wie betäubt steht sie da. Das Flüsschen kümmert sich nicht um sie. Es fließt um sie herum und verschweigt, dass an dieser Stelle schon fünfe vor ihr den Tod fanden. Sie ziehen die Boote das steile Ufer hinauf, um das nächste Wehr zu umgehen. Da hinter lassen sie sie wieder ins Wasser. Die restlichen Kilometer paddeln sie schweigend. Nur ihr Zähneklappern ist zu hören. Die trockenen Kleider sind im Auto. Es hat nicht mehr als 13°. Gedanken jagen durch ihren Kopf. Unter Wasser zu geraten, ihr schlimmster Albtraum war eingetreten. Er hat ihr das Leben gerettet. Sie ist innerlich noch immer erstarrt. Erst im Auto hört sie auf zu zittern. Sie schaut ihn aus ihren von Wimperntusche verschmierten Augen an und heiße Tränen laufen ihr durchs Gesicht.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.10.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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