Hans-Jürgen Graf

Eine andere, fränkische Weihnacht!




Das Zimmer ist voller singender, tanzender und lärmender Kinder. Kuschelig warm kommt es vom offenen Kamin her zu den kleinen Rabauken, während draußen vor den Fenstern dicke Schneeflocken zu Boden fallen. „...dreimal werden wir noch wach, heissa, dann ist Weihnachtstag“ dringt es laut, multisono und nicht grade notengerecht aber kindgerecht, aus den Kehlen der Jungs und Mädels dort. Sie freuen sich so auf den Weihnachtstag, den heiligen Abend, die Christmette und natürlich auf die Geschenke. Weihnachten, das Fest der Liebe, der Familie. Ja, die Kinder können es kaum noch erwarten und toben sich die Vorfreude mal so richtig herunter.

„Über-über-morgen wird’s was geben.....“ fängt die Schar junger Superstars von vorne an. Wer da geduldige Eltern hat, der kann sich freuen. Um den Tisch sausen sie, die vier Kinder, Jacqueline, Sven, Anna und Hans. Ja, und Jacqueline’s Gesicht strahlt, wie ein Kindergesicht nur strahlen kann. Sie denkt so bei sich: „Endlich, endlich keine Not mehr, niemals mehr zu wenig zum Essen, kein Streit mehr um neue Kleider oder Spielsachen,....endlich!“ Ihr Lächeln wird immer breiter und immer zufriedener. „Musst Du Dich unbedingt vor den Hauseingang setzen, Du dummes Gör?“ reißt Jacqueline die wütende und schon fast vor Zorn bebende Stimme einer Frau aus ihrem Traum. Sie sitzt auf den Stufen eines der Häuser in ihrem Stadtviertel und scheint wohl kurz eingenickt zu sein. Sofort fordert die bittere Kälte und Nässe ihren Tribut. Ihre alten Kleider sind schwer geworden von der Feuchtigkeit. Es schneit schon den ganzen Tag. „Wie spät ist es eigentlich?“ fragt Jacqueline sich selbst. Da hört sie den einsetzenden Glockenschlag der Turmuhr der katholischen Kirche in ihrem Viertel. Während ihre kleinen Hände zittern von der Kälte und Feuchtigkeit, ihre kleinen Beinchen schwer den Weg einschlagen wollen den sie ihnen vorgibt, schlägt die Uhr zum 5ten Mal. 

„Was, schon fünf Uhr? Das kann doch nicht sein, ich muss doch noch mindestens zwei Straßen Prospekte austragen!“ ringt sie verzweifelt mit ihrem müden und schwachen Körper. Zwei Straßenzüge müssen noch ausgetragen werden, sonst hagelt es wieder Beschwerden der Kunden bei dem Geschäft, weil sie angeblich ihre Prospekte nicht bekommen haben. Genauso wie damals, als sie einfach nicht mehr konnte, zu müde, zu schwach war und nach Hause ging. Das war den Kunden aber egal, sie hatten kein Prospekt bekommen und das „durfte nicht sein“! Jacqueline trägt nun schon längere Zeit Prospekte in ihrem Viertel aus, dafür bekommt sie ein paar Euro. Ein paar Euro für vier Stunden Laufen in dieser Kälte, dem Schnee und Eis. Doch sie macht es freiwillig, sie möchte ihren Eltern helfen damit sie wenigstens dieses Jahr mal ein Weihnachtsfest haben können. In Gedanken versunken, ziehen an ihr die Geschehnisse der letzten Monate vorbei.

Letztes Jahr, wie auch das Jahr davor, gab es eigentlich kein Weihnachten für die Kinder. Mama kann zur Zeit nicht weiter arbeiten, sie bekommt noch ein kleines Geschwisterchen. Papa ist seit einigen Jahren schon arbeitslos. Er bewirbt sich jeden Monat bei vielen Stellen, aber bis jetzt hat er sich nicht einmal vorstellen können. Beide haben keine Stelle gefunden.Von dem Geld, das sie von dieser „Arge“, ja der Papa sagt immer „Arge“, bekommen, das reicht nie. Das ist meistens schon am 20. oder 21. spätestens weg. Neue Kleidung wäre doch mal schön, wenn dieses Weihnachten vielleicht doch mal neue Kleider möglich wären? Ach es wäre schön. Aber es wär’ schon gut, wenn wir nur genug zu essen hätten. Es ist wieder schlimmer geworden dieses Jahr, weil die Eltern etwas was ihnen die Arge vorgelegt hat, nicht unterschreiben wollten. Da haben die einfach die Leistungen gekürzt. Dann hat ein Richter vom Gericht entschieden, dass das rechtswidrig oder so ist, und das ganze Geld nachgezahlt werden muss. Aber bis jetzt ist nichts nachgezahlt worden. Wissen die von der Arge eigentlich nicht, dass wir ein kleine Geschwisterchen bekommen, dass wir Hunger haben und gerne auch mal wieder bessere Kleider haben möchten? Wissen die das nicht? Wahrscheinlich nicht, denn sonst hätten die uns das Geld doch schon gegeben, oder? In der Schule wird uns von den Lehrern und Lehrerinnen immer wieder gesagt, wir sollen aufeinander Rücksicht nehmen. Wir sollen alle mögen, und nicht gleich von Anfang an nicht mögen weil sie vielleicht etwas anders sind als wir; dann würde die Welt erst so richtig funktionieren. 

Na ja, vielleicht waren ja diese Leute von der Arge nicht lange genug in der Schule? Vielleicht wissen die das ja gar nicht? Ein markerschütterndes Hupen reißt sie aus ihren Gedanken. Sie steht mitten auf der Straße und beinahe hätte sie ein dicker Mercedes überfahren. Mit zitternden Beinen und Händchen schleppt sie sich wieder auf den Bürgersteig. Die Menschen dort gehen einfach weiter, in ihrer Geschäftigkeit. Sie müssen noch zu einem Termin, nachhause oder auf die große Reise. „Jetzt erst mal durchatmen!“ denkt sie laut vor sich hin. Der Fahrer des dicken Mercedes hat sich nicht die Mühe gemacht nach ihr zu sehen. Als sie die Straße wieder frei gemacht hat, drückte er auf’s Gas und war weg. Als sie sich dort am Bürgersteig auf einen Steinpfosten gesetzt hat um sich ein wenig vom Schreck zu erholen, sieht sie die ganze Lichterpracht an den Fenstern der Wohnungen und Häuser. Da zieht der Weihnachtsmann mit seinem Schlitten durch das eine Fenster, die heilige Familie winkt von einem anderen. „Wie war das eigentlich damals am ersten Weihnachten?“ denkt sie so bei sich. Ein wenig kann sie sich erinnern vom Unterricht her und den Tagen vor den Weihnachtsferien in der Schule. „Damals waren doch Maria und Josef unterwegs und suchten eine Wohnung. Hatten die eigentlich auch mit so einer Arge und Hartz IV zu tun? Mama und Papa suchen jetzt auch schon so lange nach einer größeren Wohnung und finden nix. Wenn die Maria und der Josef jetzt auch mit denen zu tun hatten, dann finden die wahrscheinlich auch nix.“ spinnt sie ihre kindlichen Gedankengänge fort. „Ach ja richtig, die haben auch nix gefunden, .... also haben die doch was mit so einer Arge zu tun gehabt! Die haben doch dann in einem Stall übernachtet, zwischen den Tieren auf Heu und Stroh. Und dann hat die Maria auch noch in der Nacht ihr Kind geboren. 

Mann, was hat die Frau aushalten müssen. Mama hat mir mal erzählt, wie lange sie gebraucht hat bis ich auf die Welt gekommen bin. Und...., das ist ja schon über 2000 Jahre her. Nein, -sie lacht leise vor sich hin-  nicht meine Geburt!! Das mit Maria und Josef. Da hatten die doch bestimmt noch keine Klinik, oder? Und wenn schon, Geld hätten die beiden bestimmt nicht gehabt um dort hinzugehen.“ Die Kleider werden immer schwerer, irgendwie scheinen sie mit jeder Schneeflocken an Gewicht zuzunehmen. Nein, sie wird nicht aufgeben und nachhause gehen, nein. Das hat sie sich vorgenommen. Nicht wieder Beschwerden von unzufriedenen Kunden, die scheinbar nichts anderes zu tun haben als auf den Prospekt zu warten. „Außerdem brauchen wir auch die paar Euro, damit wir ein wenig Weihnachten haben“ 
führt sie ihre Gedanken zu Ende. Ihr kleiner Bruder, Sven, freut sich schon so auf das Fest. „Ja, ich auch“ beantwortet sie sich ihre eigene Frage. „Vielleicht schaffen wir es ja, und wir können uns sogar was schenken? Das wäre toll“. Sie blickt noch einmal fragend auf die beiden Fenster, die sie da gesehen hat, den Weihnachtsmann und die heilige Familie. Eine Frage bleibt: „Wer von den beiden ist jetzt eigentlich wirklich die Bedeutung von Weihnachten?“ Sie zieht weiter um ihre Pflicht zu erfüllen, die Prospekte auch in jeden Hausbriefkasten zu werfen, der nicht die Aufschrift trägt „Werbung verboten“ oder so was. Na, die Beine werden einfach immer schwerer, die Kleidung auch. Manchmal hat sie das Gefühl einen schweren Sack hinter sich herzuziehen. 

„Ja, Herrschaftszeiten nochamol, was willst denn Du da? Musst Du die Leit umer halba sechse rausklingeln, wenn gegessen wird? Du unverschämter Bankert, Du?“ fährt sie ein wohlbeleibter älterer Mann an, bei dem sie geklingelt hatte um noch ins Haus zu kommen. Sie stört ihn bei seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Essen, wie man an den Resten auf seinem Hemd sehen kann und am Fett das ihm noch von den Lippen runter läuft. „Bitte nicht böse sein, ich muss nur ein paar Prospekte einwerfen und bin doch bald fertig. Nur noch ein paar Häuser“ entgegnet sie verängstigt. „Abber deswegn brauchst net bei mir klingeln. Du Rotzgöre, Du verheulte. Wenn Deine Eltern ka Ärbert ham und Du Werbung austrogn musst damit ihr an Weihnachten was zu fressen habt, is des schließlich net mei Problem. Stör’ gfälligst keine Leit die a Leben lang gearbeitet ham und jetzt ihren verdienten Ruhestand genießen. Sowas Asoziales!“ schreit er noch durch den Hausgang und schlägt lautstark seine wohlverdiente Ruhestandstüre zu. Tränen kullern über ihr hübsches Gesicht. Was hat sie denn falsch gemacht? Warum ist er so böse zu ihr? Sie möchte doch nur ein wenig Weihnachten? Mit schweren Schritten verlässt sie das Haus, nachdem sie die Prospekte eingeworfen hat. Sie hat Angst, am nächsten Haus zu klingeln. Sie hat Angst. Aber sie muss doch, es sind doch nur noch ein paar Häuser die Straße runter. Nur noch ein paar Häuser. Ihre zitternden Finger erklimmen das Klingelbord an der Haustüre. Sie zögert noch etwas, zieht sie wieder zurück. Aber nein, ich kann doch jetzt nicht aufhören. Wir brauchen doch auch die paar Euro. Nein, Sven freut sich so, auch ich, Anna und Hans. Sie meint, sie würde alle diese enttäuschen wenn sie jetzt aufhören würde und sie bekämen das Geld nicht fürs Austragen. 

„Der Mann, der mir die Aufgabe übertragen hat, hat doch ganz deutlich gesagt, nur wenn wirklich alle Prospekte ausgetragen wurden, dann bekomme ich auch das Geld“ erinnert sie sich an seine Worte. „Und er sagte, er hätte in allen Häusern Kunden und die fragt er auch ob sie die Prospekte bekommen haben.“ Wieder zittern sich ihre Finger auf das Klingelbord. Sie drückt auf die Klingel. Fast will sie schon weiter gehen, da niemand öffnet, da rasselt der Türöffner. Sie drückt die Türe ganz vorsichtig und zaghaft auf und geht langsam hinein. Schon gefasst auf eine Reaktion wie bei dem Mann im vorherigen Haus. Es ist aber niemand zu sehen und sie ruft nur ganz kurz und eigentlich etwas leise „Werbung“ und beginnt schnell die Briefkästen dort zu bestücken, als eine sanfte und wohltuende Stimme an ihr Ohr dringt: „Ja schau mal her, Du bist doch des Madla von der Familie ganz vorne am Anfang der Straß’? Ihr wohnt doch in dem großen Haus mit der Nummer 85, oder?“ fragt sie eine ältere Frau, die einen leicht rundlichen und doch sehr angenehmen Eindruck macht. „Ja, wir wohnen in der Nummer 85“ antwortet sie. „Dann musst mich doch kennen, ich unterhalt mich doch immer mit Deiner Mama beim Einkaufen in der Bäckerei vorne!“ fragt die ältere Dame weiter. „Ach ja!“ ruft Jacqueline „jetzt erinnere ich mich. Sie haben mir doch auch schon ein paar Mal ein Stück Kuchen geschenkt!“ „Stimmt, ich bin die Frau Dirnberger. Jetzt hast ja auch mal gsehen, wo ich wohne! Sach amal Madla, Dir muss doch saukalt sein, oder?“ fragt sie Jacqueline, nachdem sie die nasse Kleidung und die nassen Haare gesehen hat, die unter der Kapuze ihres Parkas heraus gucken. 

„Ja, etwas kalt ist mir schon.“ entgegnet Jacqueline. „Wieviel Häuser musst Du denn noch machen, bis Du fertig bist?“ fragt sie die Frau. „Jetzt nur noch 1 größeres Haus, das um die Ecke, dann bin ich fertig!“ antwortet das Mädchen. „Dann komm doch kurz rein zu mir, ich mach’ Dir a heisse Schokolade, die ist schnell gmacht bei mir und dann kannst ja noch das letzte Haus in Angriff nehmen. Vielleicht wärmt die Schokolade Dich a bisserl auf?“ lädt sie das Mädchen zu sich ein. Sonst würde Jacqueline eigentlich nicht hineingehen, aber heute wo es so kalt ist und die Kleider so nass und schwer, da wäre doch so eine heiße Schokolade gerade richtig. Denkt sie kurz und stapft die Treppen hinauf zur Frau Dirnberger. Sie kennt sie ja schon ein wenig und hat eigentlich keine Bedenken. Die Frau bietet ihr einen Stuhl in ihrer etwas antik wirkenden, aber sehr sauberen Küche an. So schnell schaut das Mädchen gar nicht, hat sie schon einen Topf aufgesetzt, Milch hinein gegeben, ein paar Dinge aus dem kleinen Schränkchen neben dem Fenster geholt und macht sich daran die versprochene heiße Schokolade zu kochen. „Sach amol, Madla, warum gehst Du eigentlich so kurz vor Weihnachten noch durch die Straß’ und verteilst Prospekte? Du solltest doch eigentlich daham sei und mit Deinen Gschwistern spielen? Ich glaub’ drei Gschwisterle hast noch, gell?“  fragt sie die alte Dame nach dem Grund ihres Tuns. 

„Ja, bald sind es vier Geschwister.“ antwortet Jacqueline mit einem Lächeln auf ihrem Gesicht. Ja sie freut sich auf das nächste Schwesterchen oder Brüderchen. Und sie beginnt zu erzählen, warum sie unterwegs ist, wie wichtig es für sie ist. Währenddessen ist auch die heiße Schokolade schon fertig und natürlich gibt es auch ein paar Plätzchen dazu. Während Jacqueline so erzählt, fällt ihr Blick aus dem Fenster und sie sieht draußen wieder die Fenster des gegenüberliegenden Hauses mit ihrem Lichterglanz. Wieder erscheint das Bild der heiligen Familie vor ihren Augen. Spontan fragt sie die alte Dame, die ihr bis dorthin sehr aufmerksam zugehört hat: „Was ist denn jetzt eigentlich der Grund von Weihnachten? Ist es, weil der Weihnachtsmann Geschenke bringt, oder hat das nur was mit Maria, Josef und dem Jesus zu tun?“ 
Für eine kurze Zeit schlagen sich nachdenkliche Falten auf der Stirn der alten Dame breit. „Ja weißt Madla, wenn man so den Trubel anschaut, der in der Advents- und Weihnachtszeit gemacht wird wegen den Gschenken und dem Essen und, und, und, dann könnt’ mer eigentlich meinen, dass der Weihnachtsmann der Grund ist, warum wir Weihnachten feiern. Aber der ist vielleicht bestenfalls ein Helfer, der halt beim Verteilen von Gschenken hilft. Der wirkliche Grund, warum wir Weihnachten feiern ist die Geburt von Jesus in Bethlehem. Vor über 2000 Jahren is der Jesus in dem klana Ort in Israel geboren worden. Des is ja eigentlich nix weltbewegendes, Kinder werden jeden Tag geboren und net wenige. Aber des Kind is was besonderes. Jedenfalls für uns, die wir uns die Christen nennen. Des klane Kind ist derjenige, aus dem der christliche Glaube entstandn is.  Er is als unser Erlöser geboren wordn. Weißt Du was Erlöser bedeutet?“ fragt sie das Mädchen. „Nein, nicht so genau.“ antwortet Jacqueline. „Ein Erlöser...“ erklärt die alte Dame „ist jemand der an oder mehrere Menschen von etwas frei machen soll. Du kannst der des vielleicht a weng vurstellen wie wenn Deine Händ’ mit einem Strick zusammen gebunden sind. Du kannst die nicht mehr richtig bewegn, die wollen nicht das machen was Du willst. Und selber kannst Du den Strick net wegmachen. Etzertla kummt einer und der löst den Knoten vom Strick auf und Du kannst Dich wieder frei bewegen. Des is eine Art von Erlösung. Und der Jesus kam damals um uns Menschen von unsre Sünden, unsrer Schuld, zu erlösen. Diese Schuld, die wir uns immer wieder auflodn, die bindet uns a wie so a Strick, der uns nimmer frei bewegen lässt. Er ist gekommen um den Strick aufzulösen, damit wir uns wieder frei bewegn könner. Hast des vielleicht a bisserl verstanden, was ich da jetzt erzählt hab’?“

 „Ja, ich glaube schon, er ist derjenige der mir das komische Gefühl wegnimmt das ich habe, wenn ich zum Beispiel meiner Schwester ihre Puppe kaputt gemacht hab’, weil ich sie ärgern wollte. Und dann, wenn ich mich mit meiner Schwester wieder vertrage und wir uns umarmen, dann ist das Gefühl wieder weg.“  meint das Mädchen strahlend. „Ja, so ungefähr kannst Du Dir des vurstelln!“ entgegnet die alte Dame. „Jetzt muss ich aber weiter, um noch das letzte Haus zu machen! Vielen, vielen Dank für die heiße Schokolade und die Plätzchen!“ bedankt sie sich freundlich bei der Frau. „Wart’ bitte noch an Moment, ich hab’ noch was für Dich.“ sagt die Frau zu ihr und verschwindet kurz in einem anderen Zimmer. Ein paar Momente später erscheint sie wieder, mit einem kleinen goldschimmernden Engel wieder. Er besteht aus mit Goldfarbe bemalten Strohhalmen und gehörte wohl bis vor kurzem noch zum Baumschmuck der alten Dame. Er trägt ein weißes Kleid und seine langen Haare sind aus ganz feinen Goldfädchen gemacht. Er ist sehr schön. „Den möchte’ ich Dir schenken, Du hast mir a bisserl von Deiner Zeit geopfert und des war einfach schön. Ich hab’ sunst niemanden mehr. Der klane Engl soll Dich begleiten, mein Kind.“ sagt sie zu Jacqueline, während sich dabei ihre Stirn in Sorgenfalten legen und ihre Augen zu glänzen beginnen. „Der ist aber schön, vielen Dank.“ ruft Jacqueline noch, während sie bereits die Türe geöffnet hat und schon auf den wenigen Stufen nach unten ist. „Nochmal vielen Dank für alles, Frau Dirnberger.“ hallt ihre klare Kinderstimme durch den Hausgang und die Tür schlägt ins Schloß. Ein bisschen geht es ihr schon besser. Ein wenig wärmer ist ihr auch. Nun noch das letzte Haus und dann kann ich heim gehen, denkt sich die Kleine und läuft mit großen Schritten vor das nächste und letzte Haus. Ihre Hände zittern nicht mehr, als sie wieder klingelt. Auch die Tür öffnet sich nicht mehr so zaghaft wie vorher. Lauter, als im vorigen Haus, ruft sie mit ihrer Stimme „Werbung“. Und will beginnen die Briefkästen zu bestücken, als es von oberhalb der ersten Treppe wie ein Donnerschlag auf sie einprasselt: 

„Du vermaledeiter Bankert, Du, wos klingelst Du die Leit fast umer halba siebene obend aus ihrer wohlverdienten Ruhe? Wer glabst denn Du, wer Du bist? Schau bloß dass Du des Weite suchst. Da hot mer net amol am Obend sei Ruh’. So ein asoziales Pack! Do schicken se ihre Kinder zum Prospekt austragn, damit sich die Eltern dann widder vom Prospektgeld den Kanal vull laafen lassen könner!“ schreit eine Verteidigerin der Ruhe der „gutsituierten“ Gesellschaft ihre Meinung die Treppe hinunter. Wie vom Donner gerührt steht Jacqueline, noch mit dem ersten Prospekt in der Hand, vor den Briefkästen. Sie fühlt sich wie bei dem Fast-Autounfall vorhin. Mittlerweile hat die „Gutsituierte“ ihren Körper, der schon etliche weihnachtliche Festessen hinter sich zu haben scheint, an die Kante der oberen Stufe geschoben von wo aus sie genauer zu den Briefkästen schauen kann. „Ja, bist denn Du Mistgöre immer nu do?“ verleiht sie ihrer Abneigung gegenüber der Prospektverteilerin, nachhaltig Ausdruck. 
„Ich hab gsacht, Du sollst verschwinden aus dem Haus! Schau dass’d naus kummst! Sunst helf’ ich Dir naus. Mir brauchen do ka Werbung. NAUS, aber schnell!“.  Von einer dermaßen großen Angst gepackt flüchtet das Mädchen regelrecht aus diesem Haus und verliert dabei vor den Briefkästen den Prospekt. Unter dem Laufen hört sie die böse Frau noch nachschreien: „Aha von dem Gschäft kummst Du also, na den wer ich orufen, damit der uns net nochamol solche ins Haus schickt!“ Etliche Meter um die Ecke kommt sie wieder zum Stehen und weint, sie weint bittere Tränen. Es wäre doch das letzte Haus gewesen, jetzt hat sie nicht alle geschafft. Bestimmt bekommt sie jetzt auch kein Geld von dem Händler. Nein, dann kann sie doch nicht nachhause. Es fehlt dann doch wieder Geld und wieder wird nichts aus Weihnachten. Die Tränen rinnen wie Sturzbäche über ihre kalten Wangen. Sie hat noch nicht einmal gemerkt, dass es noch kälter geworden ist. Ihre Fingerchen sind schon etwas bläulich und die Kleidung ist wieder so schwer geworden. Langsam stapft sie weiter durch den Schnee, der in der letzten Stunde viel mehr geworden ist. Die Beine werden immer schwerer und sie kommt einfach nicht so voran. Aber sie kann doch auch nicht nachhause gehen, wenn sie jetzt doch kein Geld bekommt, denkt sie so für sich und wieder fängt sie an zu weinen. Sie wollte doch etwas dazu helfen, dass dieses Jahr wieder Weihnachten in ihrer Familie werden kann. Nein, alles kaputt. Sie ist so enttäuscht und traurig. So traurig, dass sie sich in einer dunklen Ecke der Straße auf den Begrenzungspfosten setzt, ihr Gesicht in ihren Händen verschränkt und weiter weint. Sie merkt nicht, dass mittlerweile ihr ganzer Körper von der Kälte in Besitz genommen wurde. 

Die Kleidung schützt sie nur noch minimal vor Auskühlung, da ja bereits vieles davon nass geworden ist. Sie nimmt in ihrer Verzweiflung nicht wahr, dass ihr kleiner Körper bereits vor Kälte zittert. Durch den Tränenschleier zwischen ihren kleinen Fingern leuchtet plötzlich ein Licht herein. Sie hebt langsam ihre verweinten Augen und nimmt noch recht verschwommen wahr, dass am Haus gegenüber wieder das Bild der heiligen Familie leuchtet. Aber es ist nicht so wie vorhin? Es leuchtet irgendwie anders und die Figuren darin sind keine Lichtfiguren, sondern erscheinen wie Menschen. Nur um das Geschehen herum ist ein freundliches und wärmendes Licht. Eine Hand streicht ihr sanft über ihren Kopf. Sie hebt denselben weiter an und sieht plötzlich neben sich den Engel stehen, den ihr die Frau geschenkt hat. Aber der hat keine Strohhalme mehr, aus denen er gemacht ist, der ist plötzlich wie ein wirklicher Mensch. Das Mädchen nimmt seine ausgestreckte Hand und folgt ihm. Sie hat keine Angst. Er führt sie zu dem Bild von der heiligen Familie. Als Sie dort angekommen sind, werden die Figuren darin lebendig. Sie lächeln dem Mädchen zu. Es ist ein freundliches und friedvolles Lächeln, keinerlei Ablehnung, keinerlei Hass spricht aus ihren Gesichtern. Maria streckt ihr die Hand entgegen und als Jacqueline ihr Händchen in deren legt, wird ihr unglaublich warm. Sie spürt keinerlei Kälte mehr, keine Schwere mehr in den Beinen, keine Tränen fließen mehr. Maria holt das Mädchen zu sich in den Stall von Bethlehem, in die Wärme und Geborgenheit, an die Wiege des Erlösers. Die Wände der umliegenden Häuser sind getaucht in das blinkende Blau von Polizei- und Sanitätsauto. Eine Menge neugieriger Menschen hat sich an der mittlerweile nicht mehr dunklen Ecke der Straße eingefunden. Es ist schon einige Zeit vergangen, dass die Eltern des Mädchens sich auf die Suche machten nach ihr. Als sie sie gefunden haben, lag ihr kleiner Körper in einem Schneehaufen neben einem der Begrenzungspfosten der Seitenstraße. Nicht sofort zu entdecken, da der vor kurzem wieder eingesetzte Schneefall schon das seinige dazu getan hatte. Der Notarzt konnte ihr nicht mehr helfen. Ihre kleinen Hände waren bereits blau gefroren, wie auch das Gesicht. Es sah aus, als lächelte sie. 

Datum: 24. Dezember 2007

Wer sich die Geschichte lieber als Video bzw. Diashow
anhören und ansehen möchte findet sie unter folgendem
Link auf meiner Homepage:

http://www.glauben.alle-sind-gleich.de/?p=158
Hans-Jürgen Graf, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.10.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Ein mittelalterlicher, verheirateter Single, der nicht gerade mit reichlich weltlichen Gütern ausgestattet ist, geht auf Reisen durch die Zeit und Dimensionen. Die Pforte ist für ihn ein alter, nicht besonders ansehnlicher Schrank, der ihn als neuen Besitzer erwählt hat. Begleitet von Wesen aus anderen Seinsebenen findet er letztlich den Ort und die Möglichkeiten seine Träume und Vorstellungen unendlich lange aus zu leben.

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