Sieglinde Jörg

Ein Stück Grausamkeit

 „Sein Tod zauberte ein Lächeln in ihr Gesicht wie es nur einer grausam geschundenen Seele entspringt.“

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Der Holzrahmen war lasiert. Fühlte sich sehr glatt an. Und weich. Ihre Finger spreizten sich darüber. Im Catsuit, schwarz, ihre feinen Linien formend, stand sie da. Sie brauchte davor einen starken Kaffee. Pechschwarz. Roter Lippenstiftrand auf unschuldigem Porzellan. Die schwarzen Stöckelschuhe erotisierten ihre Bewegungen. Andere bekamen Geld dafür. Sie bekam drei Wochen Ruhe. Drei Stunden Körperlust. Gerne hätte sie ein Handtuch über sein Gesicht gelegt. Als er schnarchte, duschte sie. Spülte ihren Mund. Der Geruch blieb. Der Schmutz bleib.

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Sie stiegen aus der dunkelblauen Limousine. Sie sahen adrett aus. Er in seinem dunkelgrauen Anzug über dunkelrosa farbigem Hemd, sie in einem kurzen Schwarzen. Sie legte ihre zarte Hand in seinen zu starken Arm. Seine polierten Stiefeletten und ihre schwarz-glänzenden Stöckelschuhe trugen sie zu pompöser Haustür mit Goldgriffen. Mit dem üblichen Begrüßungsgequietsche und bewundernden Komplimenten wurden sie ins Haus der Griesers gelassen. Eine verpfuschte Möchtegern-Villa. Schimmel an der Schlafzimmerdecke, Wasser im Keller, jede Menge Arbeit für die Rechtsanwälte des älteren Paares. Seit drei Jahren verheiratet. Späte Liebe. Pechsträhne trotz Jaguar vor dem Haus. Das Silberbesteck wurde bemüht, um die Kartoffeln zu entblättern. Das Fleisch war zart. Es schmeckte. Sie wäre am liebsten wortlos gegangen. Er machte Konversation. Wie stolz er auf seine schöne Frau sei. Sie sei so klug. Ihre langen schwarzen Haare glänzten im Kronleuchterlicht. In seiner Stimme schwang Liebevolles vor dem Abgrund, den keiner sah. Beim Schnäpschen wurde gelacht. Seine Hand streifte ihre Hüfte. Er strahlte sie an. Ein Monster in sauberem Anzug. Sie seien ein Traumpaar, hörte sie die dicke Frau bewundernd sagen. So etwas sei heutzutage selten.

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Vier Tage später. Er zerrte sie durch die Wohnung. Er brüllte sie an. Sein Blick war schizophren. Ihr Rücken knallte gegen das Sideboard. Sie hatte auf den Lichtschaltern nicht Staub gewischt. Sie wäre auch niemals auf diese Idee gekommen. Dreckige Pranken zogen sie an den schwarzen Haaren ins Bad. Die Wandfliesen im Bad hätten Schlieren. Dieses Bad. Weiß. Glasregale. Eine Putzoase. Ein Tritt beförderte sie auf die unschuldigen Fliesen. Ihr Kopf dröhnte. Im Schwindelzustand fand sie sich in der Küche wieder. Die inquisitorische Inspektion dauerte an. Irgendwann verlor sie das Bewusstsein.

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Augenringe lassen sich schlecht wegschminken. Ihr tat der Rücken weh. Sie hatte das geschlossene Samtkleid gewählt. Bordeauxrot. Die Stöckelschuhe blieben im Schrank. Sie würde zusammenbrechen. Bequeme Ballerina schmückten ihre müden Füße. Er strahlte. Sie hasste seine pathetische Art. Weihnachten. Ein Hohn. Sie fuhren zu einer kleinen Feier bei Freunden. Musik und fröhliche Stimmen strömten ihnen am Eingang entgegen. Weihnachtsmusik spielte unbefleckt. Beim Sekt ein Kuss auf die Wange. „Meine Kleine“ kam es stolz aus seinem Mund. Fotos wurden gemacht. Ungefragt. Er lächelte der brünetten Fee zu. Dass er sie betrog, setzte dem Martyrium die Krone auf. Fröhliches Gläserklirren. Ausgelassenes Tanzen. Nebenbei seine Hand auf Fees Rundungen. Für die Kamera einen Kuss auf die Wange der Schönen in bordeauxrot. Geschenke um acht. Alle waren lieb zueinander. „Ihr seid so ein schönes Paar“ hörte sie naive Stimmen sagen. Menschen so blind. Immer wieder umfasste er sie. Scheinbar zart, doch seine Finger erstachen sie. Er behandelte sie wie eine Königin. Die Königin der Schmerzen.

„Wir werden heiraten“ hörte sie ihn verkünden. Sie lächelte. Sie wusste, dass sie ihre Rolle perfekt spielen musste, wollte sie morgen noch atmen können. Keiner bemerkte ihr Entsetzen. Blinde Begeisterung umflutete sie.

Zuhause dann Sex in rot. Ihr Körper brauchte dringend Ruhe.

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Seit zwei Stunden war sie unruhig. Ein Pochen in der Brust. Sie hörte seine schweren Schritte. Sie kämpften sich im Rotweintaumel die Treppen hinauf. Die Tür öffnete sich. Ihr Herz wurde hektisch. Sie sah das Böse hereintreten. Schuhe, mit getrocknetem Dreck bedeckt, stampften bei jedem Schritt stumpf auf. Schweiß, Alkohol und kalter Zigarettenrauch füllten schnell den Raum. Die Augen starrten versteinert, stierten kalt. Seine Pranken widerten sie an. Sie waren stärker als sie. Alkohol macht impotent schreiben die Broschüren. Im Bad vergewaltigte er sie. Von Impotenz keine Spur. Über eine Stunde kalte Qual. Die Fliesen weiß wie Schnee. Sie sah den Siphon während er sie erstach. Seine stinkende Pranke auf ihren Mund gequetscht. Der Kopf auf hartem Grund gescheuert. Wortlos taumelte er davon. Herausgerissene Haare und die feinen Staubkörnchen, die sein dreckiges Hemd hinterlassen hatte, zeugten vom Grauen. Sie lag da, unfähig, sich zu rühren. Ein Brennen. Ein Schmerzen, als sie die Beine zusammennahm. Sie stützte sich auf das Waschbecken. Steif trat sie zur Dusche hin. Der Geruch - er verfolgte sie wochenlang - war stärker als der Kokosduft ihres Parfums. Mit Salben pflegte sie die wunde Haut. Sie setzte sich, steif wie eine alte Frau, und stand nur langsam wieder auf.

Da lag er - auf ihrer Couch, die im Laufe der Jahre seinen Gestank aufgesaugt hatte. Selbstgefällig. Widerliche Züge formte der Mund. Westernfilmgeräusche und sein leises Lachen.

Der Holzrahmen war lasiert. Ihre Hand lag hart gegen die glatte Oberfläche gepresst. Das Kind schlief. In die Küche gehen. Eines der langen Küchenmesser nehmen. Ihn in seinem Blut baden. Sie hätte kein schlechtes Gewissen. Kein Gefühl der Reue. Das Kind würden das klebrige Blut anfassen. Es wäre für immer traumatisiert. Sie würde ihn nicht wegschaffen können. Der Gedanke ans Gefängnis schreckte sie ab.

Sie legte sich schlafen. Pistolenschüsse drangsalierten ihre Ohren. Sie weinte ohne Tränen und schrie stumm vor Wut.

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Auf dem Weg in die Waschküche sah sie rot. Sie rannte. Setzte sich ins Auto und fuhr davon. Von der Brücke springen und frei sein. Die Fahrt dauerte etwas mehr als eine Stunde. Feierabendverkehr. Sie wollte den Moment genießen können, oben auf der Brücke. Den Wind zum Abschied im Gesicht und in den Haaren spüren. Das Leben atmen. Dann die Arme ausbreiten... in kühle blaue Wellen tauchen – so das Bild in ihrem Kopf. Sie würde den Aufprall auf dem harten Grund nicht spüren, ihren zerschmetterten Körper nicht sehen. Eine Nachricht auf dem Autositz, mit Ausweis und Schlüssel. Aber bei dem Verkehr würde irgendein Samariter sie retten, sie von der Brüstung holen, ihre ausgebreiteten Armen zusammenfalten und sie einfangen wie einen Schmetterling. Sie fuhr auf einen Feldweg. Sie wollte die Stille abwarten, schlief ein. Später dann Spaziergänger mit Hund in der Abendsonne. Vogelgezwitscher. Das Leben kam ohne sie aus. Sie sah ihren Körper da sitzen. Sie fühlte sich frei. Dann schrie das Kind nach der Mama. Ihre Seele tauchte wieder ein in das Gefängnis ihres Körpers. Zitternd drehten die Finger den Zündschlüssel. Sie schoss rückwärts aus dem Feldweg. Der Kleinwagen wurde getreten. Als sie die Hauptstraße zur Wohnung erreichte, kam er ihr auch schon entgegen. Voll bepackt. Das Kind zu warm angezogen – mehrere Schichten Kleidung übereinander. Aus der Tasche schaute eine Milchtüte. Sie ließ das Auto mitten auf der Straße stehen. Hupen. Das Kind rannte in ihre Arme. In

der Seitenstraße stand Fees weißer Wagen. „Du hättest sie nie wieder gesehen“, sagte er langsam. Das Böse schwang mit. Zusammen mit seiner schwarzen Seele stieg er in den weißen Wagen. Ein unsichtbares Mahnmal blieb zurück.

Mit dem schwitzenden Kind auf dem Arm betrat sie die Wohnung. Die Wand in Rot getränkt. Wo war der Hund? Auf dem Balkon ein Winseln. Er lebte. Er freute sich. Erleichterung und kalte Angst. Das Kind hatte nur mit Handmalfarben gespielt und auch die Erdbeeren aus dem Kühlschrank verwendet. Es war kreativ. Er hatte zugesehen oder weggesehen oder beides. Sein Hirn in irre Fantasien verwoben.

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Sie hörte sein Schwanken, bevor es die Türe erreichte. Er schrie. Er tobte. Die Nachbarin hatte Angst. Er trommelte gegen die Tür. Sie öffnete – wegen der Leute im Haus. Er setzte dem Hund das Küchenmesser an die Kehle, drohte. Er sperrte das Kind ins Kinderzimmer – ließ sie nicht zu ihm. Er hängte ein Seil an den unbenutzten Blumenhaken in der Küche. Er drohte, sich aufzuhängen. Der Haken würde nicht halten. Was soll das? Er schloss sich im Bad ein. „Ich erhänge mich jetzt.“ Sie wusste, dass das unmöglich war. Er hatte den Schlüssel zum Kinderzimmer. Sie saß bei Laura-Marie an der Tür und erzählte ihr tapfer Geschichten. Keine Tür konnte trennen, was die beiden verband. Stunden später wankte er benommen aus dem Bad. Er gab ihr den Schlüssel und schlief auf dem Sofa ein. Er tränkte die Luft mit Bierdunst. Sie wollte nicht mehr atmen müssen. Sie spielte mit Laura-Marie und sang sie in den Schlaf.

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Entfernt spürte sie, dass ihrem Körper etwas geschah. Sie war entspannt im Schlaf. Sie lag auf dem Bauch. Er hatte sie ausgezogen. Eine kurze Erinnerung an Lust, bevor das Bewusstsein sie weckte und verengte. Entsetzen wollte sich breit machen. Sie hatte die Wahl. Eine Flucht versuchen, die zum Scheitern verurteilt war. Oder den Schmerz minimieren. Sie schloss die Augen, roch den Rotwein. Sie ließ ihren Körper allein.

Später lag sie verlassen auf dem Bett mit Blick ins Grüne. Sie fühlte sich seelenlos wie von Matisse gemalt. Reglos blieb sie liegen. Ihr Gehirn zeichnete erbarmungslos die Spuren jener frühen Morgenstunden nach.

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Die Nacht darauf kniete er neben ihr am Bettrand. Sie stellte sich schlafend. Er streichelte ihr Haar. Er weinte. Er sagte, er liebe sie. Er wusste, was er ihr antat. Es war sein böses Ich, das immer unkontrollierbarer wurde. Und trotzdem liebe ich dich, hörte sie ihn sagen. Ihr Hirn zeigte ihr das hässliche Bild seiner Hand. Am nächsten Morgen Frühstück ans Bett. Mittags französisch Essen. Er redete viel. Sah gut aus. Laura-Marie spiegelte den friedlichen Tag.

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Die Hochzeit war in Sonnenlicht getaucht. Er hatte sie in Ruhe gelassen. Die Augenringe waren verschwunden. Aber sie war sehr blass und sehr dünn. Die Wärme berührte sie sanft. Viele Menschen standen über den Rasen verteilt in Grüppchen beieinander. Auf runden, weiß umhüllten Tischen exotische Häppchen und Champagner. Kinder spielten Fangen. Laura-Marie lachte ausgelassen und fröhlich. Ihre braunen Locken glänzten im Sonnenschein. Die geschundene Braut inmitten der scheinbaren Idylle. Das weiße Kleid bedeckte ihre Narben. Die entzückende Braut, nein wie schön sie doch sei in ihrer blassen Anmut. Alle waren sie blind. Am Abend dann Tanz und Gelächter. Später Rotweinblick und ein lustloses Sich-Fügen.

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Flitterwochen am Meer. Laura-Marie machte Urlaub auf dem Bauernhof bei den Pferden. Er schlief noch. Sie lag am Strand. Fühlte den eigenwilligen Sand. Atmete die salzige Luft. Ihr Blick blieb in dem ihres Nachbarn hängen. Die Welt so klein. Peter aus Stuttgart. Lange nicht gesehen. In stummem Einverständnis gingen sie zum Strand-Café. Sie fühlte den kühlen Orangensaft im Trinkhalm empor gleiten. Peter war größer als sie. Braun gebrannt mit Bauch. Man tauschte sich aus. Man lachte. Später lag sie in seinen Armen. Die Laken nicht mehr ganz so kühl. Sie erklärte ihre Narben. Er streichelte ihr über den Kopf. Peter hatte eine Ferienwohnung in der Altstadt ihres Wohnortes, eines kleinen, beschaulichen Städtchens, etwa zwei Stunden Autofahrt von Stuttgart entfernt. Man tauschte die Telefonnummern aus und trennte sich.

Sie fühlte den Sand unter ihren Füßen, lief dem Wasser entgegen und schwamm. Sie schmeckte das Salz auf den Lippen, wurde von der launigen See umarmt, drehte sich auf den Rücken, spürte, wie das Wasser nach ihren Haaren griff und ließ sich treiben. Die Sonne wärmte ihre Haut. Sie breitete die Arme aus und ein Lächeln zierte das gezeichnete Gesicht.

Sie sei zu lange weg gewesen schmetterte er ihr entgegen. Sie umfasste sein Gesicht mit beiden Händen und schaute ihm direkt in die Augen. Frech und spielerisch war ihr Blick. Sie ließ die Hände aus seinem Gesicht gleiten, schlenderte zur hellbraunen Ledercouch. Er sah dem flatternden Strandkleid nach. Er war sprachlos. Sie streckte ihre Hand nach ihm aus. Drei Wochen Ruhe. Die würde sie brauchen - für ihren Plan. Der Ventilator beschaute sich die scheinbare Idylle zweier in einander verhakter Körper. Sie wusste nicht, dass es diesmal nur drei Tage sein würden.

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Laura-Marie durfte eine Woche länger bleiben. Er war auf Geschäftsreise. Vorher hatte er einen Anfall gehabt. Er hinterließ eine verwüstete Wohnung und eine verwüstete Frau. Sie packte. Auch Peter war geschäftlich eingespannt. Sie schleppte Kisten und Koffer. Am Ende der Woche holte sie Laura-Marie. Wir sind umgezogen. Ohne Papa, sagte sie. Laura-Marie sagte nichts. Sie sah streng aus mit den zurück gebundenen Locken. Sie konnte sich auf ihre Mama verlassen – das war das einzige, was das Kind wusste. Peter kam am Abend.

Er wollte sich vergewissern, dass alles in Ordnung sei. Dann fuhr er weiter nach Stuttgart. Zwei Wochen durfte sie ein neues Leben leben. Eines ohne Leiden. Die Adresse würde geheim bleiben. Das hatte sie so beantragt. Sie besprach mit

Laura-Marie Regeln. Du steigst in keinen Bus und zu niemandem in den Wagen. Er würde versuchen, sie zu benutzen.

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Der Terror begann in der dritten Woche. Er hatte herausgefunden, wo sie wohnte. Er drohte damit, sie zu verstümmeln und alle, die ihr lieb und teuer sind vor ihren Augen zu töten. Demonstrativ legte er eine Waffe auf den Tisch. Sie schaute ihm direkt in die Augen. Ich bin nicht für das verantwortlich, was du tust. Er entführte Laura-Marie. Es gab nächtliche Anrufe aus Kneipen, Laura-Marie an seiner Seite. Sie trafen sich sogar, aber er nahm sie wieder mit. Das Kind hatte seinen verwegenen Blick angenommen, imitierte seine Aggressivität. Eine Woche verging, dann saß sie bei der Polizei, am Sonntag früh morgens. Der Beamte schaute der abgemagerten Gestalt in die Augen. Ach wissen Sie, was mir die Leute so erzählen. Das ist sicher nur eine Schreckschusspistole, die er da hat. Das schaffen sie. Wir müssen da nicht reagieren. Das Kind ist beim Vater, was soll da passieren. Sie ging. Die Nerven lagen blank. Sie versprach ihm alles. Sie weiß nicht, wie es ihr gelang, das Kind zurückzuholen. Es bekam Wutausbrüche, weinte oft. Sie ging zum Psychologen. Der sagte ihr nach drei Tagen Arbeit mit dem Kind, das kriege sie schon hin. Das Kind verlasse sich auf seine Mama, fühle sich dort sicher. Das Wutkissen half. Und Peter auch. Das Kind durfte den Vater sehen. Nervenkrieg im Zwei-Wochen-Takt. Inzwischen wohnte sie bei Peter. Er wollte sie beschützen. Sie war ein Wrack. Unruheanfälle mitten am

Tag, Alpträume in der Nacht. Ihre natürliche Anmut hatte sie verlassen. Sie zitterte oft. Sie weinte. Sie konnte bestimmte Gerüche nicht ertragen und in der Gegend wohnte ein Mann, der sich bewegte wie er. Sie erschrak jedes Mal, wenn sie ihn die Straße entlang laufen sah.

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Laura-Marie wollte den Vater nicht mehr sehen. Er war zu oft zu spät gekommen, hatte sie vergessen und dann Geschenke gemacht, die schnell kaputt gingen. Sie mochte die Kneipen nicht, die stinkenden Menschen und ihr grausames Lachen. Sie fühlte sich nicht sicher. Es wurde oft spät. Niemand wunderte sich, nein man freute sich über das Kind in der Kneipe. Nachts verfolgte sie der Gestank in ihrem Haar.

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Peters Auto wurde manipuliert, Benzin abgesaugt, die Reifen erstochen, die Bremsen versagten. Peter trug eine große Last. Es kamen Drohanrufe. Ein Anwalt war die Lösung. Er verfasste eine Verfügung. Die Angst lebte mit, aber es kehrte Ruhe ein. Sie zitterte noch immer und wandelte in der Wohnung umher. Peter konnte schließlich nicht mehr. Da stand sie mit dem Kind an der Hand. Sie zog aus. Sie weinte viel. Laura-Marie spielte allein. Nach Monaten tauchte Peter wieder auf. Er kümmerte sich um die beiden. Sie fuhren in den Urlaub, erfuhren ein Stück Geborgenheit, aber wohnten allein.

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Entstellt stand er vor ihr in der Einfahrt. Die Sonne schien. Ihr Herz setzte aus. Einen schweren Unfall habe er gehabt. Reanimation und Titanplatten ermöglichten ihm die Fortsetzung seines Lebens. Es gibt einen Gott, dachte sie. Nur auf ein Eis in ein Lokal, war sein Wunsch. Stocksteif folgte sie mit Laura-Marie an der Hand. Laura-Marie stocherte im Eis herum. Seine Augen waren noch immer kalt. Sie verspürte Angst. Man verabschiedete sich. Sie spürte die Kraft seiner grausigen Hand und beschloss, erneut umzuziehen. Sie floh vor ihm, beschützte ihr Kind und blieb dennoch in derselben Stadt, behielt ihre Identität. Der Umzug raubte ihr fast den Verstand. Niemand half. Peter hatte einen lädierten Rücken seit damals, als die Bremsen versagten.

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Die neue Wohnung hatte einen sonnigen Balkon. Dort saß sie lange bis in die Nacht hinein. Sie ging nie aus, ging nur ihrer Arbeit nach. Auch Laura-Marie war selten fort. Sie wussten beide, dass sie nur so ihren Frieden finden konnten. Die Jahre vergingen in Angst und dem Versuch, normal zu leben, da starb ihr Ehemann. Anne konnte es nicht glauben, als sie den Anruf bekam. Jemand hatte ihre Nummer verraten. Er habe in heruntergekommenen Verhältnissen gehaust. Ein Streit in betrunkener Nacht sei es gewesen. Niemand untersuchte den möglichen Mord. Laura-Marie wollte nicht auf die Beerdigung. Er war für sie schon früher gestorben. Sein Tod zauberte ein Lächeln in Annes Gesicht wie es nur einer grausam geschundenen Seele entspringt. Anmutig warf Anne eine schwarze Rose auf den Sarg, bevor die dunkle Erde ihn für immer verschlang.

 

(Ende)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 „Sein Tod zauberte ein Lächeln in ihr Gesicht wie es nur einer grausam geschundenen Seele entspringt.“

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Der Holzrahmen war lasiert. Fühlte sich sehr glatt an. Und weich. Ihre Finger spreizten sich darüber. Im Catsuit, schwarz, ihre feinen Linien formend, stand sie da. Sie brauchte davor einen starken Kaffee. Pechschwarz. Roter Lippenstiftrand auf unschuldigem Porzellan. Die schwarzen Stöckelschuhe erotisierten ihre Bewegungen. Andere bekamen Geld dafür. Sie bekam drei Wochen Ruhe. Drei Stunden Körperlust. Gerne hätte sie ein Handtuch über sein Gesicht gelegt. Als er schnarchte, duschte sie. Spülte ihren Mund. Der Geruch blieb. Der Schmutz bleib.

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Sie stiegen aus der dunkelblauen Limousine. Sie sahen adrett aus. Er in seinem dunkelgrauen Anzug über dunkelrosa farbigem Hemd, sie in einem kurzen Schwarzen. Sie legte ihre zarte Hand in seinen zu starken Arm. Seine polierten Stiefeletten und ihre schwarz-glänzenden Stöckelschuhe trugen sie zu pompöser Haustür mit Goldgriffen. Mit dem üblichen Begrüßungsgequietsche und bewundernden Komplimenten wurden sie ins Haus der Griesers gelassen. Eine verpfuschte Möchtegern-Villa. Schimmel an der Schlafzimmerdecke, Wasser im Keller, jede Menge Arbeit für die Rechtsanwälte des älteren Paares. Seit drei Jahren verheiratet. Späte Liebe. Pechsträhne trotz Jaguar vor dem Haus. Das Silberbesteck wurde bemüht, um die Kartoffeln zu entblättern. Das Fleisch war zart. Es schmeckte. Sie wäre am liebsten wortlos gegangen. Er machte Konversation. Wie stolz

 

 

 

 

 

 

er auf seine schöne Frau sei. Sie sei so klug. Ihre langen schwarzen Haare glänzten im Kronleuchterlicht. In seiner Stimme schwang Liebevolles vor dem Abgrund, den keiner sah. Beim Schnäpschen wurde gelacht. Seine Hand streifte ihre Hüfte. Er strahlte sie an. Ein Monster in sauberem Anzug. Sie seien ein Traumpaar, hörte sie die dicke Frau bewundernd sagen. So etwas sei heutzutage selten.

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Vier Tage später. Er zerrte sie durch die Wohnung. Er brüllte sie an. Sein Blick war schizophren. Ihr Rücken knallte gegen das Sideboard. Sie hatte auf den Lichtschaltern nicht Staub gewischt. Sie wäre auch niemals auf diese Idee gekommen. Dreckige Pranken zogen sie an den schwarzen Haaren ins Bad. Die Wandfliesen im Bad hätten Schlieren. Dieses Bad. Weiß. Glasregale. Eine Putzoase. Ein Tritt beförderte sie auf die unschuldigen Fliesen. Ihr Kopf dröhnte. Im Schwindelzustand fand sie sich in der Küche wieder. Die inquisitorische Inspektion dauerte an. Irgendwann verlor sie das Bewusstsein.

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Augenringe lassen sich schlecht wegschminken. Ihr tat der Rücken weh. Sie hatte das geschlossene Samtkleid gewählt. Bordeauxrot. Die Stöckelschuhe blieben im Schrank. Sie würde zusammenbrechen. Bequeme Ballerina schmückten ihre müden Füße. Er strahlte. Sie hasste seine pathetische Art. Weihnachten. Ein Hohn. Sie fuhren zu einer kleinen Feier bei Freunden. Musik und fröhliche Stimmen strömten ihnen am Eingang entgegen. Weihnachtsmusik spielte unbefleckt. Beim Sekt ein Kuss auf die Wange. „Meine Kleine“ kam es stolz aus seinem Mund. Fotos wurden gemacht. Ungefragt. Er lächelte der brünetten Fee zu. Dass er sie betrog, setzte dem Martyrium

 

 

 

 

 

 

 

die Krone auf. Fröhliches Gläserklirren. Ausgelassenes Tanzen. Nebenbei seine Hand auf Fees Rundungen. Für die Kamera einen Kuss auf die Wange der Schönen in bordeauxrot. Geschenke um acht. Alle waren lieb zueinander. „Ihr seid so ein schönes Paar“ hörte sie naive Stimmen sagen. Menschen so blind. Immer wieder umfasste er sie. Scheinbar zart, doch seine Finger erstachen sie. Er behandelte sie wie eine Königin. Die Königin der Schmerzen.

„Wir werden heiraten“ hörte sie ihn verkünden. Sie lächelte. Sie wusste, dass sie ihre Rolle perfekt spielen musste, wollte sie morgen noch atmen können. Keiner bemerkte ihr Entsetzen. Blinde Begeisterung umflutete sie.

Zuhause dann Sex in rot. Ihr Körper brauchte dringend Ruhe.

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Seit zwei Stunden war sie unruhig. Ein Pochen in der Brust. Sie hörte seine schweren Schritte. Sie kämpften sich im Rotweintaumel die Treppen hinauf. Die Tür öffnete sich. Ihr Herz wurde hektisch. Sie sah das Böse hereintreten. Schuhe, mit getrocknetem Dreck bedeckt, stampften bei jedem Schritt stumpf auf. Schweiß, Alkohol und kalter Zigarettenrauch füllten schnell den Raum. Die Augen starrten versteinert, stierten kalt. Seine Pranken widerten sie an. Sie waren stärker als sie. Alkohol macht impotent schreiben die Broschüren. Im Bad vergewaltigte er sie. Von Impotenz keine Spur. Über eine Stunde kalte Qual. Die Fliesen weiß wie Schnee. Sie sah den Siphon während er sie erstach. Seine stinkende Pranke auf ihren Mund gequetscht. Der Kopf auf hartem Grund gescheuert. Wortlos taumelte er davon. Herausgerissene Haare und die feinen Staubkörnchen, die sein dreckiges Hemd hinterlassen hatte, zeugten vom Grauen. Sie

 

 

 

 

 

 

 

 

lag da, unfähig, sich zu rühren. Ein Brennen. Ein Schmerzen, als sie die Beine zusammennahm. Sie stützte sich auf das Waschbecken. Steif trat sie zur Dusche hin. Der Geruch - er verfolgte sie wochenlang - war stärker als der Kokosduft ihres Parfums. Mit Salben pflegte sie die wunde Haut. Sie setzte sich, steif wie eine alte Frau, und stand nur langsam wieder auf.

Da lag er - auf ihrer Couch, die im Laufe der Jahre seinen Gestank aufgesaugt hatte. Selbstgefällig. Widerliche Züge formte der Mund. Westernfilmgeräusche und sein leises Lachen.

Der Holzrahmen war lasiert. Ihre Hand lag hart gegen die glatte Oberfläche gepresst. Das Kind schlief. In die Küche gehen. Eines der langen Küchenmesser nehmen. Ihn in seinem Blut baden. Sie hätte kein schlechtes Gewissen. Kein Gefühl der Reue. Das Kind würden das klebrige Blut anfassen. Es wäre für immer traumatisiert. Sie würde ihn nicht wegschaffen können. Der Gedanke ans Gefängnis schreckte sie ab.

Sie legte sich schlafen. Pistolenschüsse drangsalierten ihre Ohren. Sie weinte ohne Tränen und schrie stumm vor Wut.

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Auf dem Weg in die Waschküche sah sie rot. Sie rannte. Setzte sich ins Auto und fuhr davon. Von der Brücke springen und frei sein. Die Fahrt dauerte etwas mehr als eine Stunde. Feierabendverkehr. Sie wollte den Moment genießen können, oben auf der Brücke. Den Wind zum Abschied im Gesicht und in den Haaren spüren. Das Leben atmen. Dann die Arme ausbreiten... in kühle blaue Wellen tauchen – so das Bild in ihrem Kopf. Sie würde den Aufprall auf dem harten Grund nicht spüren, ihren zerschmetterten Körper nicht sehen. Eine Nachricht auf dem Autositz, mit Ausweis und Schlüssel. Aber

 

 

 

 

 

 

 

 

bei dem Verkehr würde irgendein Samariter sie retten, sie von der Brüstung holen, ihre ausgebreiteten Armen zusammenfalten und sie einfangen wie einen Schmetterling. Sie fuhr auf einen Feldweg. Sie wollte die Stille abwarten, schlief ein. Später dann Spaziergänger mit Hund in der Abendsonne. Vogelgezwitscher. Das Leben kam ohne sie aus. Sie sah ihren Körper da sitzen. Sie fühlte sich frei. Dann schrie das Kind nach der Mama. Ihre Seele tauchte wieder ein in das Gefängnis ihres Körpers. Zitternd drehten die Finger den Zündschlüssel. Sie schoss rückwärts aus dem Feldweg. Der Kleinwagen wurde getreten. Als sie die Hauptstraße zur Wohnung erreichte, kam er ihr auch schon entgegen. Voll bepackt. Das Kind zu warm angezogen – mehrere Schichten Kleidung übereinander. Aus der Tasche schaute eine Milchtüte. Sie ließ das Auto mitten auf der Straße stehen. Hupen. Das Kind rannte in ihre Arme. In

der Seitenstraße stand Fees weißer Wagen. „Du hättest sie nie wieder gesehen“, sagte er langsam. Das Böse schwang mit. Zusammen mit seiner schwarzen Seele stieg er in den weißen Wagen. Ein unsichtbares Mahnmal blieb zurück.

Mit dem schwitzenden Kind auf dem Arm betrat sie die Wohnung. Die Wand in Rot getränkt. Wo war der Hund? Auf dem Balkon ein Winseln. Er lebte. Er freute sich. Erleichterung und kalte Angst. Das Kind hatte nur mit Handmalfarben gespielt und auch die Erdbeeren aus dem Kühlschrank verwendet. Es war kreativ. Er hatte zugesehen oder weggesehen oder beides. Sein Hirn in irre Fantasien verwoben.

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Sie hörte sein Schwanken, bevor es die Türe erreichte. Er schrie. Er tobte. Die Nachbarin hatte Angst. Er trommelte gegen die Tür. Sie öffnete – wegen der Leute im Haus. Er

 

 

 

 

 

 

 

 

setzte dem Hund das Küchenmesser an die Kehle, drohte. Er sperrte das Kind ins Kinderzimmer – ließ sie nicht zu ihm. Er hängte ein Seil an den unbenutzten Blumenhaken in der Küche. Er drohte, sich aufzuhängen. Der Haken würde nicht halten. Was soll das? Er schloss sich im Bad ein. „Ich erhänge mich jetzt.“ Sie wusste, dass das unmöglich war. Er hatte den Schlüssel zum Kinderzimmer. Sie saß bei Laura-Marie an der Tür und erzählte ihr tapfer Geschichten. Keine Tür konnte trennen, was die beiden verband. Stunden später wankte er benommen aus dem Bad. Er gab ihr den Schlüssel und schlief auf dem Sofa ein. Er tränkte die Luft mit Bierdunst. Sie wollte nicht mehr atmen müssen. Sie spielte mit Laura-Marie und sang sie in den Schlaf.

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Entfernt spürte sie, dass ihrem Körper etwas geschah. Sie war entspannt im Schlaf. Sie lag auf dem Bauch. Er hatte sie ausgezogen. Eine kurze Erinnerung an Lust, bevor das Bewusstsein sie weckte und verengte. Entsetzen wollte sich breit machen. Sie hatte die Wahl. Eine Flucht versuchen, die zum Scheitern verurteilt war. Oder den Schmerz minimieren. Sie schloss die Augen, roch den Rotwein. Sie ließ ihren Körper allein.

Später lag sie verlassen auf dem Bett mit Blick ins Grüne. Sie fühlte sich seelenlos wie von Matisse gemalt. Reglos blieb sie liegen. Ihr Gehirn zeichnete erbarmungslos die Spuren jener frühen Morgenstunden nach.

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Die Nacht darauf kniete er neben ihr am Bettrand. Sie stellte sich schlafend. Er streichelte ihr Haar. Er weinte. Er sagte, er liebe sie. Er wusste, was er ihr antat. Es war sein böses

 

 

 

 

 

 

 

Ich, das immer unkontrollierbarer wurde. Und trotzdem liebe ich dich, hörte sie ihn sagen. Ihr Hirn zeigte ihr das hässliche Bild seiner Hand. Am nächsten Morgen Frühstück ans Bett. Mittags französisch Essen. Er redete viel. Sah gut aus. Laura-Marie spiegelte den friedlichen Tag.

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Die Hochzeit war in Sonnenlicht getaucht. Er hatte sie in Ruhe gelassen. Die Augenringe waren verschwunden. Aber sie war sehr blass und sehr dünn. Die Wärme berührte sie sanft. Viele Menschen standen über den Rasen verteilt in Grüppchen beieinander. Auf runden, weiß umhüllten Tischen exotische Häppchen und Champagner. Kinder spielten Fangen. Laura-Marie lachte ausgelassen und fröhlich. Ihre braunen Locken glänzten im Sonnenschein. Die geschundene Braut inmitten der scheinbaren Idylle. Das weiße Kleid bedeckte ihre Narben. Die entzückende Braut, nein wie schön sie doch sei in ihrer blassen Anmut. Alle waren sie blind. Am Abend dann Tanz und Gelächter. Später Rotweinblick und ein lustloses Sich-Fügen.

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Flitterwochen am Meer. Laura-Marie machte Urlaub auf dem Bauernhof bei den Pferden. Er schlief noch. Sie lag am Strand. Fühlte den eigenwilligen Sand. Atmete die salzige Luft. Ihr Blick blieb in dem ihres Nachbarn hängen. Die Welt so klein. Peter aus Stuttgart. Lange nicht gesehen. In stummem Einverständnis gingen sie zum Strand-Café. Sie fühlte den kühlen Orangensaft im Trinkhalm empor gleiten. Peter war größer als sie. Braun gebrannt mit Bauch. Man tauschte sich aus. Man lachte. Später lag sie in seinen Armen. Die Laken nicht mehr ganz so kühl. Sie erklärte ihre Narben. Er streichelte ihr über den Kopf. Peter hatte eine Ferienwohnung

 

 

 

 

 

 

 

in der Altstadt ihres Wohnortes, eines kleinen, beschaulichen Städtchens, etwa zwei Stunden Autofahrt von Stuttgart entfernt. Man tauschte die Telefonnummern aus und trennte sich.

Sie fühlte den Sand unter ihren Füßen, lief dem Wasser entgegen und schwamm. Sie schmeckte das Salz auf den Lippen, wurde von der launigen See umarmt, drehte sich auf den Rücken, spürte, wie das Wasser nach ihren Haaren griff und ließ sich treiben. Die Sonne wärmte ihre Haut. Sie breitete die Arme aus und ein Lächeln zierte das gezeichnete Gesicht.

Sie sei zu lange weg gewesen schmetterte er ihr entgegen. Sie umfasste sein Gesicht mit beiden Händen und schaute ihm direkt in die Augen. Frech und spielerisch war ihr Blick. Sie ließ die Hände aus seinem Gesicht gleiten, schlenderte zur hellbraunen Ledercouch. Er sah dem flatternden Strandkleid nach. Er war sprachlos. Sie streckte ihre Hand nach ihm aus. Drei Wochen Ruhe. Die würde sie brauchen - für ihren Plan. Der Ventilator beschaute sich die scheinbare Idylle zweier in einander verhakter Körper. Sie wusste nicht, dass es diesmal nur drei Tage sein würden.

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Laura-Marie durfte eine Woche länger bleiben. Er war auf Geschäftsreise. Vorher hatte er einen Anfall gehabt. Er hinterließ eine verwüstete Wohnung und eine verwüstete Frau. Sie packte. Auch Peter war geschäftlich eingespannt. Sie schleppte Kisten und Koffer. Am Ende der Woche holte sie Laura-Marie. Wir sind umgezogen. Ohne Papa, sagte sie. Laura-Marie sagte nichts. Sie sah streng aus mit den zurück gebundenen Locken. Sie konnte sich auf ihre Mama verlassen – das war das einzige, was das Kind wusste. Peter kam am Abend.

 

 

 

 

 

 

 

 

Er wollte sich vergewissern, dass alles in Ordnung sei. Dann fuhr er weiter nach Stuttgart. Zwei Wochen durfte sie ein neues Leben leben. Eines ohne Leiden. Die Adresse würde geheim bleiben. Das hatte sie so beantragt. Sie besprach mit

Laura-Marie Regeln. Du steigst in keinen Bus und zu niemandem in den Wagen. Er würde versuchen, sie zu benutzen.

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Der Terror begann in der dritten Woche. Er hatte herausgefunden, wo sie wohnte. Er drohte damit, sie zu verstümmeln und alle, die ihr lieb und teuer sind vor ihren Augen zu töten. Demonstrativ legte er eine Waffe auf den Tisch. Sie schaute ihm direkt in die Augen. Ich bin nicht für das verantwortlich, was du tust. Er entführte Laura-Marie. Es gab nächtliche Anrufe aus Kneipen, Laura-Marie an seiner Seite. Sie trafen sich sogar, aber er nahm sie wieder mit. Das Kind hatte seinen verwegenen Blick angenommen, imitierte seine Aggressivität. Eine Woche verging, dann saß sie bei der Polizei, am Sonntag früh morgens. Der Beamte schaute der abgemagerten Gestalt in die Augen. Ach wissen Sie, was mir die Leute so erzählen. Das ist sicher nur eine Schreckschusspistole, die er da hat. Das schaffen sie. Wir müssen da nicht reagieren. Das Kind ist beim Vater, was soll da passieren. Sie ging. Die Nerven lagen blank. Sie versprach ihm alles. Sie weiß nicht, wie es ihr gelang, das Kind zurückzuholen. Es bekam Wutausbrüche, weinte oft. Sie ging zum Psychologen. Der sagte ihr nach drei Tagen Arbeit mit dem Kind, das kriege sie schon hin. Das Kind verlasse sich auf seine Mama, fühle sich dort sicher. Das Wutkissen half. Und Peter auch. Das Kind durfte den Vater sehen. Nervenkrieg im Zwei-Wochen-Takt. Inzwischen wohnte sie bei Peter. Er wollte

 

 

 

 

 

 

 

 

sie beschützen. Sie war ein Wrack. Unruheanfälle mitten am

Tag, Alpträume in der Nacht. Ihre natürliche Anmut hatte sie verlassen. Sie zitterte oft. Sie weinte. Sie konnte bestimmte Gerüche nicht ertragen und in der Gegend wohnte ein Mann, der sich bewegte wie er. Sie erschrak jedes Mal, wenn sie ihn die Straße entlang laufen sah.

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Laura-Marie wollte den Vater nicht mehr sehen. Er war zu oft zu spät gekommen, hatte sie vergessen und dann Geschenke gemacht, die schnell kaputt gingen. Sie mochte die Kneipen nicht, die stinkenden Menschen und ihr grausames Lachen. Sie fühlte sich nicht sicher. Es wurde oft spät. Niemand wunderte sich, nein man freute sich über das Kind in der Kneipe. Nachts verfolgte sie der Gestank in ihrem Haar.

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Peters Auto wurde manipuliert, Benzin abgesaugt, die Reifen erstochen, die Bremsen versagten. Peter trug eine große Last. Es kamen Drohanrufe. Ein Anwalt war die Lösung. Er verfasste eine Verfügung. Die Angst lebte mit, aber es kehrte Ruhe ein. Sie zitterte noch immer und wandelte in der Wohnung umher. Peter konnte schließlich nicht mehr. Da stand sie mit dem Kind an der Hand. Sie zog aus. Sie weinte viel. Laura-Marie spielte allein. Nach Monaten tauchte Peter wieder auf. Er kümmerte sich um die beiden. Sie fuhren in den Urlaub, erfuhren ein Stück Geborgenheit, aber wohnten allein.

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Entstellt stand er vor ihr in der Einfahrt. Die Sonne schien. Ihr Herz setzte aus. Einen schweren Unfall habe er gehabt. Reanimation und Titanplatten ermöglichten ihm die Fortsetzung seines Lebens. Es gibt einen Gott, dachte sie. Nur auf ein

 

 

 

 

 

 

Eis in ein Lokal, war sein Wunsch. Stocksteif folgte sie mit Laura-Marie an der Hand. Laura-Marie stocherte im Eis herum. Seine Augen waren noch immer kalt. Sie verspürte Angst. Man verabschiedete sich. Sie spürte die Kraft seiner grausigen Hand und beschloss erneut umzuziehen. Sie floh vor ihm, beschützte ihr Kind und blieb dennoch in derselben Stadt, behielt ihre Identität. Der Umzug raubte ihr fast den Verstand. Niemand half. Peter hatte einen lädierten Rücken seit damals, als die Bremsen nicht funktionierten.

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Die neue Wohnung hatte einen sonnigen Balkon. Dort saß sie lange bis in die Nacht hinein. Sie ging nie aus, ging nur ihrer Arbeit nach. Auch Laura-Marie war selten fort. Sie wussten beide, dass sie nur so ihren Frieden finden konnten. Die Jahre vergingen in Angst und dem Versuch, normal zu leben, da starb ihr Ehemann. Anne konnte es nicht glauben, als sie den Anruf bekam. Jemand hatte ihre Nummer verraten. Er habe in heruntergekommenen Verhältnissen gehaust. Ein Streit in betrunkener Nacht sei es gewesen. Niemand untersuchte den möglichen Mord. Laura-Marie wollte nicht auf die Beerdigung. Er war für sie schon früher gestorben. Sein Tod zauberte ein Lächeln in Annes Gesicht wie es nur einer grausam geschundenen Seele entspringt. Anmutig warf Anne eine schwarze Rose auf den Sarg, bevor die dunkle Erde ihn für immer verschlang.

 

 

(Ende)

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.10.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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