Sieglinde Jörg

Verkleidet

Verkleidet 

Das Internet eröffnet ja ungeahnte Möglichkeiten, einen Partner fürs Leben zu finden. Einsame Seelen geben mutig ihr Profil an, machen Beziehungstests und lesen sich gespannt das seltsame Ergebnis durch. Dann werden Fotos hochgeladen. Nur die besten, versteht sich. Man flirtet und chattet und trifft sich. Er trage heute eine rote Hose...Man sollte Warnfarben ernst nehmen...Ein wenig Aberglauben kann mitunter nicht schaden... Sie fährt einen weißen Wagen, unschuldig, naiv wie sie. Da steht sie am vereinbarten Punkt, einem Bahnhof. Es ist schon ein wenig dunkel, Laternenlicht beleuchtet die Straße. Sie sieht sich um, da stehen und sitzen Menschen, allen ist die deutsche Unhöflichkeit ins Gesicht geschrieben. Gut, das ist böse, wahrscheinlich sind sie nur müde nach der Arbeit, haben sich am Fließband oder in ungemütlichen Büros durch den Tag gequält. Die zerzauste Frau auf der Bank macht ein Gesicht, als hätte sie sich den Finger eingeklemmt. Der Mann, der unweit von ihr steht oder vielmehr auf seinen sehr breiten Latschen vor und zurück und zu den Seiten wippt - beim Pferd sagt man, es webt - trägt eine rote Hose. Er sieht sie an, sie sieht zurück. Er reagiert und reagiert doch nicht. Soll sie noch einmal hinsehen? Seine Statur stimmt nicht mit den Fotos überein. Dieser hier hat Haare wie ein Clown, auf den Fotos gab es kaum welche. Auch hat er ein – wie sagt man es, ohne irgendeine Gruppe zu diskriminieren? - ein wenig seltsame Züge. Er hat etwas Bedrohliches, man hält ihn automatisch für einen Spanner oder Mörder mit Bauch, nicht schnell, nicht geschickt, aber grausam genau. Ein Kannibale womöglich, ungeduldig und einsam. Sie hat eine blühende Phantasie. Bevor sie flüchten kann – sie sieht sich doch ein wenig in Gefahr - steigt er in ihren Wagen.

Es ist nicht der wippend Psychopath – ihr Herz wagt wieder zu klopfen. Ein Wesen von zarter Gestalt und heller weicher Stimme steigt ein und schmiegt sich in die Sitze. Normalerweise ist ihr Wagen zu klein für einen Mann. Sie ist erleichtert und hat ein wenig Sorge, dass der Gurt ihn zerdrückt. Man fährt zum nächstgelegenen Restaurant. Vom Parkplatz aus sind es ein paar Schritte, die sie auf regengetränktem Gehweg gehen. Sie unterhalten sich, sind sich vertraut, allein fremd fühlt sich diese zarte Zerbrechlichkeit neben ihr an. Mit Betreten des Lokals verschwindet der Geruch des nassen Asphalts. Bahnhofswartesaal-Atmosphäre. Wenig Gemütlichkeit. Doch es führen hölzerne Treppen nach oben in eine andere Welt. Helles Holz begrüßt sie und warmes Kerzenlicht. Urig wirkt das Ambiente. Zu kritisieren ist, dass man zu dicht, ungewollt familiär, die Tischnachbarn atmen spürt. Der Nebentisch scheint international, gesprochen wird bilingual.

In Licht getaucht beschaut man sich das Gegenüber, man studiert es. Er hätte die Jacke anbehalten sollen. Sie wählen den Wein. Die Brille ist mächtiger als sein Gesicht. Da ist die Dunkelheit draußen sehr schmeichelhaft gewesen. Ihr gegenüber sitzt ein flauschiges Wesen wie aus einem Märchenbuch - ein kaum zu beschreibendes Unikat. Eine durchaus peinliche Erscheinung, eine sehr eigenwillige Komposition. Jede Männlichkeit wird durch die Bekleidung negiert. Dennoch sieht sie gern in sein Gesicht - der Kellner bringt das Gericht - er hat sehr feine, lebendige Züge. Man unterhält sich auch gut. Die Nachspeise wirkt auf dem Teller so verloren wie er in den Kissen. Später gehen sie in eine Bar, um ungestörter zu kommunizieren. Junge schöne Menschen werfen ihrer Begleitung belustigt Blicke nach. Sie sehen nicht das liebe, liebliche Wesen, haben keine Nachsicht mit der ungünstigen Kleiderwahl, die den gesellschaftlichen Untergang manifestiert. Sie hat ihn in ihr Herz geschlossen – er hat ihr Innerstes gerührt - und wird ihn dennoch nie wiedersehen. Vielleicht hätte er doch die grüne Hose wählen sollen. Grün ist die Farbe der Hoffnung und die stirbt bekanntlich zuletzt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.10.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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