Sieglinde Jörg

Die Geburtstagsfeier

Selina stand schwitzend im Garten und empfing ihre Gäste. Die meisten hatten sich an den Dresscode gehalten – gehobenes Sommeroutfit. Sie trudelten allmählich ein. Es dauerte über eine Stunde, bis alle da waren. Miriam beobachtete die Leute, unterhielt sich hin und wieder mit Lena, die auf ihren hohen hellgrünen Pumps balancierte, aber sonst sehr nett war. Die Reiter erkannte man sofort. Sie hatten ein selbstbewusstes Auftreten – bis auf eine Ausnahme, aber diesen Herrn nahmen die anderen Reiter nicht ernst. Er war groß gewachsen, bewegte sich eine Spur zu grazil für einen Mann und trotzdem fehlte es ihm an Feinmotorik. Dann waren da die Damen, die sich für etwas Besseres hielten. Blond gefärbt und über 50. Teuer gekleidet, die Bewegungen einstudiert und künstlich. Sie blickten mit der allseits bekannten Arroganz auf den Altrocker, der soeben eintraf. Miriam, die in legerer Freizeitkleidung und bunten Sandalen erschienen war, erntete den ein oder anderen missbilligenden Seitenblick. Verwirrung stand in den Gesichtern der Herrschaften, als ihnen Miriam als exzellente Weinkennerin vorgestellt wurde. Das passte nicht ins Bild. Das machte sie unberechenbar. Miriam gönnte sich ein paar Lachs-Häppchen während sie ein Ehepaar studierte, das nach außen hin eine intakte Ehe präsentierte. Aber die kleinen Gesten und Blicke verrieten einen tiefen Abgrund. Miriam fiel der angespannte Gesichtsausdruck des Mannes beim gesäuselten „Möchtest du auch noch einen Schluck Sekt?“ auf. In Gedanken zerhackte er sie wahrscheinlich gerade mit einer Axt. Oder die gelangweilte Mimik der Frau, wenn er sie ansah. Er störte ihren Tagtraum: Sie mit einem knackigen Jüngling unter Palmen.

Selina bemerkte das alles nicht. Es war ihr 55. Geburtstag. Es waren ihre Freunde. Sie freute sich, an diesem sonnigen Tag diesen so besonderen Cocktail aus Menschen zu empfangen.

Miriam hatte unbemerkt Wahrheitspillen in den Schaumwein gemixt. Die Wirkung sollte bald eintreten.

Endlich saßen alle am festlich geschmückten Gartentisch. Selina hielt eine kurze Rede. Dann erhob sich Lena. Sie hatte Schwierigkeiten, sich gerade zu halten, denn der unebene Grasboden verschluckte ganz zart die Absätze ihrer Pumps. Sie hielt ebenfalls eine Rede. Eine Rede auf Selina und ihre 55 Jahre. Im letzten Teil der Rede erwähnte sie, dass Selina nun doch etwas dick geworden sei. Das bringe das Alter so mit sich. Lena hatte Glück, es wurde scherzhaft verstanden und alle prosteten sich freundlich lächelnd zu. Warme Speisen, liebevoll angerichtet, wurden serviert. Die Gesellschaft aß. Kleine Grüppchen sprachen miteinander. Das Ehepaar fauchte sich kaum hörbar an. Da platzte es aus dem großen Hendrick heraus. Er regte sich fürchterlich über die Blondinen auf. Er schimpfte über ihr arrogantes Gehabe. Er sagte, er könne das Geklimper ihrer Behänge – er meinte den Goldschmuck – nicht mehr ertragen. „Überhaupt, Selina, wie konntest du diese blondierten Wachsfiguren auf Stelzen nur einladen?“, entfuhr es ihm, bevor er schwieg. Erschrocken nahm er eine Hand vor den Mund und hypnotisierte die Tischdecke. Empörung auf Seiten der Damen. Doch dann dozierte der grazile Grobmotoriker über Ursache und Wirkung und kam zu dem Schluss, dass die Damen doch ihr Quäntchen zu dieser Entgleisung beigetragen haben mussten. Er erntete Beifall – sogar von den Reitern. Der Altrocker klatschte am lautesten – und am längsten. Seine Haarpracht wippte im Takt. Er sah sich plötzlich vielfach beäugt. Das ältere Ehepaar war sich mit Blick auf seine Erscheinung plötzlich einig unter der Sonne. Leichte Schweißperlen glitzerten auf der Stirn des Mannes, als er anhob und sprach: „Ihr filziges Langhaar erinnert mich an meinen Irischen Wolfshund. Nur dass dieser besser riecht!“ Seine Frau nickte zustimmend. „Unser Angus bewegt sich auch eleganter“, fügte sie hinzu. „Es ist mein Angus“, mischte sich ihr Gatte korrigierend ein. „Ich habe ihn bezahlt. Und überhaupt – alles bezahle ich! Allein von dem Geld für die Schuhe könnte ich mir eine Finca auf Mallorca erlauben!“ schrie er dann. Er hatte einen roten Kopf bekommen. Man sah ihn dem Herzinfarkt nahe. „Dafür ertrage ich dich seit Jahren“, entgegnete sie süffisant. „Ich muss jedoch zugeben, seit ich mir Antonio gönne, fällst du nicht mehr so sehr ins Gewicht“, ergänzte sie überlegen. Ein Kichern machte die Runde. Man stellte sich die ältliche Dame mit ihren fleischigen Armen mit einem knackigen Antonio vor. Der Gehörnte mit seinem beträchtlichen Leibesumfang stand, ganz plötzlich sprachlos, daneben. Doch eine der blonden Betuchten kannte – so klein ist die Welt – jenen Antonio. „Verehrter Herr“, setzte sie an, „Antonio ist Gärtner mit Rheuma und Bart. Sein Hüftschwung ist alles andere als zart.“

Beim Nachtisch dann hatte der Austausch von Boshaftigkeiten seinen Höhepunkt erreicht. Das mit ruhiger Hand und ästhetischem Geschick auf den Tellern drapierte Mousse au Chocolat wurde vielfach traktiert. Tränen wurden gelacht und Stühle zerfetzt. Es wurde geflucht, geschrien, geweint. Selina und Miriam saßen inmitten dieser entarteten Gesellschaft. „Verzeih mir“, sagte Miriam leise und nahm Selinas Hand. Selina sah sie lange an. „Im Wein liegt die Wahrheit. Man sollte ihr ins Gesicht sehen.“

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Sieglinde Jörg).
Der Beitrag wurde von Sieglinde Jörg auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.10.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  Sieglinde Jörg als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

SILLE: Ein Engel hat's nicht leicht von Sille Rumpf



Eine Auswahl heiterer, nachdenklicher, trinkfreudiger und verrückter Gedichte und Lieder mit und ohne Engel der liedermaching-sille in Bochum.
Hin und wieder natürlich Ruhrgebiets-Slang.
Aus Madonnas Hit Material Girl wird ein geldgeiles Weib, das in einer geldgeilen Welt lebt.
Der Goldne Mond wird etwas anders empfunden als bei Goethe.
Es geht auch um einen Alten Nieselprim, die Spaßbremse Frau Hartmann, die im Viervierteltakt Walzer-tanzende Mathilda und durchzechte Nächte. Für den Schauspieler Leonardi di Caprio ist ein Lied dabei, und auch eins über den Liedermacher Reinhard Mey.
Mit Illustrationen der Künstlerin Stachel.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (3)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Gesellschaftskritisches" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Sieglinde Jörg

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der höfliche Herbert von Sieglinde Jörg (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Ali von Claudia Lichtenwald (Gesellschaftskritisches)
Der (T)Raumbaum . von Silvana Hoffmann (Zauberhafte Geschichten)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen