Tilly Boesche-Zacharow

TORONTO Bathurst - Reise durch eine Straße

Der Besuch einer neuen, ihm bis dahin noch fremden Stadt macht jeden Reisenden zu einer Art von Forscher. Er befindet sich auf einer Expedition; das vor ihm liegende Neuland will erobert werden. Zu Fuß wird er am ehesten fündig.
    Mein kluger Sohn hat das häufig ausprobiert,  doch weil er die diesbezüglichen Schwächen seiner Mutter kennt, machte er mir nach der Eröffnung, auf den Spuren der alten Lady Mazo de la Roche in Toronto, Kanada wandeln zu wollen, einen Vorschlag. „Setz dich  einfach in ein öffentliches Verkehrsmittel,  fahr die Straße hin und wieder zurück, steig unterwegs mal aus, lauf eine Station, - das wirst du wohl noch schaffen - kehre in einem Café ein, unterhalte dich mit der Bedienung,  - sie könnte dir gute Tipps geben. Geh durch einen Park, den du siehst, und erwandere dir so deine Kenntnisse, deine kleinen Abenteuer“.
  
   Hat man einmal die Straßenkonstruktion von Toronto, der riesigen Hauptstadt von Ontario in Kanada begriffen, ist sie wirklich „ganz einfach“. Die Routenkarte vor sich, beschleicht einen das Gefühl, als sei das gesamte Straßennetz  theoretisch schon bei der ersten Planung für alle Zeiten  festgelegt  und späteren Konstrukteur- und Erbauergenerationen vorgegeben worden. Die graphische Struktur zeigt selbst nach langen Entwicklungsphasen schnurgerade verlaufende Trassen, die in kleinere und größere Vierecke, geradezu kastenähnlich eingeteilt zu sein scheinen. Das müsste eigentlich langweilig wirken, wenn nicht wiederum gerade diese Monotonie des Reißbrettplanes eine gewisse Faszination ausübte. Das alles wirkt so schrecklich präzise, pedantisch korrekt, und man wird neugierig, inwieweit  diese papierenen Eigenschaften  von lebendigen Menschen realistisch  wahrgenommen werden können..
   Von der Strandregion des südlich gelegenen Ontario-Sees bis in die nördlichen Vorortzipfel, nicht einmal immer schon eingemeindet, sowie von Osten nach Westen verlaufende kleine und dann wieder auffällige Boulevards zeigen ein Bild dieser durch und durch mathematisierten Stadt, die ab und an von so genannten Creszents (abgekürzt  Chrest genannt), aufgelockert werden. Das sind im Halbbogen verlaufende kleine  Gässchen, die mal hinterhofähnlich wirken, aber ebenso gut  Herrenhausvorhöfen gleichen können.. Sie werden zum großen Teil als Autoparkplätze der Anwohner genutzt, ohne dass sich in dieser Beschaulichkeit jedoch wirklicher Fahrverkehr entwickelt.
   Kann man eigentlich am bloßen Straßenbild, durch das man – selber ein Anonym darstellend – hindurch gleitet, etwas über die jeweilige Stadtgegend und ihre Bewohner erfahren, wenn man völlig fremd ist und die Sprache kaum versteht?
   Ich will es selbst herausfinden, ausloten.
 
   Es ist für eine Mutter nicht immer falsch, manchmal die Ratschläge  ihrer Kinder zu befolgen.
   Ich besteige den von meinem Quartier aus erstbest erreichbaren Autobus, den 7 C und lasse mich einfach von ihm ins Abenteuer entführen, die Straße von Süd nach Nord entlangfahren, ohne auch nur im geringsten zu ahnen, was man auf einer solchen Fahrt erleben kann. Ich durchreise auf einer einzigen Straße – der Bathurst – beinahe die ganze Welt.
 
   Kanada gehört zu den Immigrantenländern. Es bietet vielen Menschen Zuflucht und neue Heimat. Mitunter leben sie hier Tür an Tür, sind Nachbarn, diese Leute, die sich in ihren eigenen Herkunftsländern  aufgrund verschiedener Religionen und Nationalitäten gegenseitig bekriegten, ja, auszurotten bemüht waren: Verfolgte und ihre Verfolger. Ich habe einiges erfahren über sie,   die inzwischen zum größten Teil – wenn schon nicht sie selbst, so doch ihre Vätergenerationen –  als Einwanderer aus allen Himmelsrichtungen kamen.
   Ich fahre mit dem Autobus 7 C die Bathurst Street hinauf und hinunter, ganz wie mich mein  Sohn geheißen hatte. Nicht nur einmal, sondern mehrmals, einfach, weil mich das  Gebilde dieses Straßenzuges, wechselvoll und farbig, ungemein fasziniert.
 
   Einmal stieg ich im Zentrum aus, das nächstemal spazierte ich an der Ontariobeach, durchstreifte die verschiedenen Viertel, Chinatown, Downtown, den District der aus England gekommenen Bürger, das jüdische Viertel, wo ich mein Quartier bei „Millie“ aufgeschlagen hatte. Oder ich  unterbrach die Fahrt, um ein bis zwei Etappen zwischen den Busstationen  zu laufen, dadurch meine Eindrücke vertiefend. Die Bathurst ist eine der größten und längsten Straßen Torontos. Sie vermittelte mir den Eindruck,  das Ursprungssiegel der Stadt zu besitzen, als sei sie der unwiderrufliche Lauf eines breiten verlandeten Flusses,  an dessen Ufern sich links und rechts die ganze Welt niedergelassen zu haben scheint..
 
   Da säumen, mit nur geringen Zwischenräumen  nebeneinander gebaut, zum Beispiel neben israelischen Bankhäusern und chinesischen Restaurants, sich in verschiedenen Stilen darbietend große und kleine Häuser  über eine Straßenlänge von rund 40 Kilometern hinweg.
    Die Straße zieht sich  von unten nach oben,  entspringt sozusagen dem südlich gelegenen Ontariosee. Sie schiebt ihr Gebrause durch die ganze Stadt, bis weit  in die noch  nicht einmal eingemeindeten Vororte rein ländlichen Charakters, um – zumindest auf dem Ortsplan so wirkend – plötzlich, endlich in der freien Natur, von ihr wie durch eine Wand begrenzt, abgeschnitten, versandet  zu sein. Eines Tages wird ihr bis hierher die Bevölkerung folgen.
 
     Haben Sie schon einmal in einer Straße die Hausnummer 6500 gesehen? Ehe es mich nach Toronto verschlug, hätte ich diese  Frage - an mich gerichtet - mit einem glatten „Nein!“ beantwortet..
   Von ungefähr der Hausnummer 1300 bis 3000 bieten sich dem überraschten Blick des Touristen neun Gotteshäuser der verschiedenen Konfessionen. Die teils in Seitenstraßen oder im Kleinbau der Gründerzeit errichtet,  hinter alten, mächtigen Bäumen versteckt, also die kaum in Erscheinung tretenden Kirchen sind dabei nicht mitgezählt.
   Bei einem Hausnummern-Maximum von rund 6500 sind nun 1700 lediglich  25 % des gesamten Straßenzuges. Ich glaube aber, mich erinnern zu können, dass mir weder tiefer noch höher als im ersten Drittel des Straßenzuges, bis zum gerade fertiggestellten, hypermodernen North-York-Center so viele Kirchen in unmittelbarer Reihenfolge auffielen. Das blieb gerade dem am dichtest besiedelten Mittelteil der Bathurst vorbehalten. und lässt darauf schließen, dass sich jede  Gruppe von Neusiedlern in Kanada zuerst um die jeweilige Kirche oder das Gebetshaus scharte, dass die Einzelgemeinden später wuchsen, sich ausbreiteten, an die Grenzen benachbarter Gemeinden stießen und endlich zusammenwuchsen zu einem unionierten Stadtteilgebilde, dem heutigen Toronto.
   Bis etwa zur Mitte des vorvorigen Jahrhunderts, also  um 1870, existierte vorerst eine Stadtschaft mit dem Namen North-York, bis man  als Zeichen des Wohlwollens gegen die indianische Urbevölkerung die jetzt in ihren Grenzen sich erheblich erweiternde Stadt in TORONTO umbenannte. Das bedeutet in der hier üblich gewesenen Indianersprache so viel wie „Treffpunkt“.
   Presbyterian Church, United Forest Hill-Church, Hillchrest, Christian Church, Baptistenkirche, Kirche der Lady Assumption, Gebetspalast, die katholische St Eugene-Kirche und die drei Synagogen auf einer ziemlich kurzen Strecke beweisen, dass verschieden praktizierte religiöse Geistesrichtungen absolut kein Hinderungsgrund sein müssen, um relativ gute Nachbarschaft zu halten.
      Von den zur Zeit 3 Millionen Einwohnern der ganzen Stadt sind rund 100.000 jüdischen Glaubens. Sie können ihrem religiösen Leben ungehindert nachgehen. Ich war gerade zur Zeit des jüdischen Rosh-ha-schanah-Festes (Neujahr) in Toronto und sah mich oft genug im Autobus umringt von ganzen Scharen winziger Talmudschüler mit sorgsam gedrehten Schläfenlocken, blond oder dunkel und der obligaten Kipa sowie zahlreich vertretener Familien, die den jeweiligen Feierlichkeiten zustrebten.
   Kleinliche Diskriminierungen gibt es jedoch auch hier. An einer Bushaltestelle hörte ich einen kleinen alten Mann aufbegehren, weil ihm jemand auf die Füße getreten war. Aber die Antwort bestand aus keiner Entschuldigung sondern dem unwirschen Ausspruch: „ Walk on, fucking old Jew!“  Streng koschere Geschäfte prägen ebenso wie die Hebräische Schule von Toronto das jüdische Viertel. Jüdische Altersheime sind abendliche Treffpunkte zum Bingospiel am Schabbat. Man nimmt es nicht immer so besonders  streng mit der traditionellen Feiertagsruhe, die jegliche, auch spielerische Tätigkeit ausschließt.
   Toronto ist eine eigentümliche Stadt, deren Gebietsfläche rund 630 km hoch 2 aufweist und deren Ausmaße Nord-Süd  21 km so wie Ost-West  43 km betragen. Das Hafengebiet am Ufer des Ontariosees bildet eine  beachtliche Küstenlinie von  46 Kilometern Länge.
   Was eigentlich festigt den einheitlichen Corpus der Stadt? Es ist nicht einmal dieselbe Sprache, die seine Menschen zusammenschweißt. Natürlich ist Englisch die offizielle Verständigung, aber immer wieder habe ich es erlebt, dass – so wie zwei Menschen oder kleine Gruppen unter sich waren, sofort in die   Sprache ihrer Herkunft zurück verfallen wird, ins: Russische, Ungarische, Chinesische, Japanische und - und - und. Eigentümlicherweise erinnere ich mich dagegen kaum, über mein unmittelbar-persönliches Umfeld hinaus, der deutschen Sprache öffentlich begegnet zu sein. Hier scheint jeder Mensch in gewisser Weise seine eigene Einheit darzustellen, zusammen mit  anderen ebenso eigenen  Einheiten den neuen kanadischen Großkörper bildend, welcher mit diesen Myriaden von „Klein- und Kleinststaaten“ recht gut zu existieren und vor allen Dingen zu funktionieren versteht. Hier hat  sozusagen jedes noch so kleine Rädchen den ihm gemäßen Platz, um in der Gesamtheit zu rotieren und dadurch die Existenz  des großen Ganzen am Leben zu halten.
   Symbolisch dafür stehen vielleicht die vielen, kleinen Häuser englischen Stils, die eine längere Strecke der Bathurst  säumen. Sie wurden Anfang des 20. Jahrhunderts von englischen Immigranten erbaut. Da gibt es keinerlei zusammenhängende Fassade. Jedes einzelne der Minihäuser besteht auf seiner seriösen Abgeschlossenheit, auf seiner absoluten, schon rein augenfälligen Distanz zum anderen. Man sieht sich zwar in die Fenster und bildet doch für sich die völlig abgezirkelte Eremitage. Alles zusammen entwickelte sich zur Village.
   Während der Fahrt mit dem 7C verrät die   wechselnde Klientel der Passagiere, vom Autobus als Inhalt  aufgenommen und wieder ausgespieen,  in welcher Gegend man sich gerade befindet. Die Fahrgäste zeigen als Spiegelbild den  Status des gerade „durchreisten“ Stadtviertels.
   Ich sehe alte Frauen mit schwarzen Kopftüchern, unter dem Kinn zusammengebunden, so wie meine Großmutter sie vor fünfzig Jahren in Ostpreußen zur Arbeit trug. Kleine Mädchen lernen, vor sich hinmurmelnd, katholische Gebete in spanischer Sprache, daneben stehen  die winzigen Boys mit den Kipot auf den Locken.
   Chinesische Restaurants.
   Karibische Fischgeschäfte.
   Die sich öffnende Tür  des koscheren Lokals  entlässt Düfte  gebratener Wiener Schnitzel aus Hähnchenbrust.
   Pizzerias.
   Sasaya, Japanese food.
   Grelle, aber auch schon leicht verwittert wirkende Aufschriften an den Häuserfronten  zeigen, von wo aus aller Welt die Menschen hier zusammenströmten, um ein neues Leben auf einem – in ihren Augen – jungfräulichen Boden zu beginnen. Wo mögen sie als Emigranten vertrieben worden sein? Welche abenteuerliche Lust führte sie hierher? Jedenfalls fanden sie als Einwanderer eine neue Heimat, nachdem allerdings erst einmal die hier ansässig gewesene Urbevölkerung mehr oder weniger zu Flüchtlingen oder Vertriebenen gemacht worden war…
  
  
  Als ich jemand von meiner Absicht erzählte, meine Reise durch die Bathurst-Street aufzuschreiben, gab es eine erstaunliche Reaktion: „Was denn - , diese kleine Straße von 40 Kilometer Länge reicht Ihnen, um sich einen Eindruck zu verschaffen?“
   Ich starrte Leon an. „Vierzig Kilometer nennen Sie klein oder sogar kurz?“
   Der Mann aus Russland, jetzt kanadischer Bürger, Einwohner Torontos zeigte nickend leicht abwärts gebogene Mundwinkel. „Sie hätten sich besser die Yonge aussuchen sollen, Madame Zacharowa, diese Straße, welche die Stadt von rechts nach links durchquert.“
   „Und wie lang ist die Yonge?“
   Er überlegte und kniff die ein bisschen kalmückenhaften Augen zusammen. Dann sagte er: „Ich denke, sie muss sich so über ihre 220 Meilen hinziehen. Das könnten Sie ja mal in Kilometer umrechnen.“
   Ich folgte seiner Anweisung nicht. Mir reichte die Angabe auch so. Immerhin bedeutet eine Meile etwa 1,5 Kilometer. Ich musste mir eingestehen,  für meine Zwecke eine dagegen wirklich sehr kurze Straße ausgewählt zu  haben. Leon hatte recht, es hätte  die Yonge sein müssen. Aber - bei näherer Betrachtung  frage ich mich heute, ob ich außer der Länge sehr viel andere Dinge  zu sehen bekommen hätte, als dieses  Völkergemisch, das in der Bathurst in so vielfarbiger Zusammensetzung an meinen Augen vorbeigeglitten war.
 
 
Die Yonge (spr.“Jung“), in Toronto wurde inzwischen als „längste Straße der Welt“ ermittelt und vertritt diesen Anspruch lt Wikipedia im Buch der Rekorde.
                                                                                       <><>>
Mehrfach in Zeitschriften , Zeitungen und literarischen Blättern veröffentlicht.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.10.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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