Sieglinde Jörg

Schweigende Liebe

Sein Schweigen erfolgt per Email und per Sms. Nur beruflich kommuniziert er mit mir, wobei ich auf seine negative Einstellung und das Dauergejammer gut verzichten könnte. Seine Stimme höre ich trotzdem gerne. Sie bringt angenehme Saiten in meinem Herzen zum Schwingen. Am liebsten würde ich seine Sachen quer durch den Raum werfen. Manchmal würde ich ihn gern anschreien, tue es aber nicht. Ich muss auch oft schmunzeln und bin dann voller Liebe.

Wenn er dann doch einmal bei einem Glas Wein vor mir sitzt, möchte ich ihn umarmen. Manchmal tue ich das auch. Und dann spüre ich seine Liebe. Wie kann man an eine Liebe glauben, wenn der andere schweigt? Ich vermisse seine Briefe. Ich vermisse seine Sehnsucht nach mir. Warum macht das Alter Männer schwierig? Man kann sich doch nicht nur über seine Potenz definieren. Die Geliebte verliert immer, heißt es. Aber es gibt Gegenbeispiele. Ich möchte ein Gegenbeispiel sein, zusammen mit ihm. Er sagt Nein und möchte hören, dass ich Ja sage. Aber so ein Schweigen ist unglaublich grausam. Ich bringe sein Leben durcheinander, wenn ich zu oft in seinen Armen liege. Das ist meine Version. Ich kenne seine nicht. Die Männer, die sich für mich interessieren, sind mehr geworden – und jünger. Sie langweilen mich. Die Liebe ist ein Spinnennetz. Wenn man sich einmal darin verheddert hat, kommt man nicht mehr heraus. Und wenn man es schafft, ist man halbtot oder es fehlt ein Stück. Man möchte sterben in diesem Netz. Aber es konserviert einen. Man vegetiert dahin und bleibt dennoch am Leben.

Die Chance seines Lebens sei ich. Das hat er gesagt. Und dass er sie nicht mehr liebe. Trotzdem bleibt er bei ihr. Wie sie zusammen aussehen, weiß ich nicht. Ich fühle nur, dass beide nicht ehrlich zueinander sind. Jeder hat ein Motiv, beim anderen zu bleiben. Alles Berechnung. Und Angst. Ich verstehe so etwas nicht.

Wenn er mich nicht hat, wenn ich mich distanziere, verliert er seinen Glanz. Ich weiß nicht, ob der das merkt. Aber er sieht dann so alt aus. Als ich ihn kennen lernte, sah er sehr alt aus. Und er lachte fast nie – zumindest nicht von Herzen. Er hat sich neue Hosen gekauft. Und eine neue Brille. Er albert herum, er provoziert, und seine Augen sind voller Leben. Er hat es gern, geliebt zu werden. Aber er versteht es auch nicht. Er sei doch so alt. Wochen waren vergangen, seit ich ihn das letzte Mal in den Armen halten durfte. Er hatte geschwiegen und ich mich zerrieben. Dann saß er vor mir und ich war wieder ganz. Wenn er geht, flüchtet er. Ich sehe es an seinem Blick. Er hat Angst. Er wird immer Angst haben. Er wird immer flüchten. Wir werden nie leben, was wir fühlen. Wenn er jünger wäre, würde er sich trauen. Ich weiß, dass ich nicht zu ihm gepasst hätte, als ich jünger war. Wenn ihn nicht seine Potenz im Stich lassen würde, dann hätte er viele Frauen. Er findet das toll. Er bewundert Männer, die viele Frauen haben. Dabei ist das verachtenswert. Er verzichtet. Auf mich. Auf uns. Und doch spüre ich sein Verlangen. Ich mache die Türe zu und werde sie nicht mehr öffnen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.10.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Seit ihrer schlimmen Kindheit ist Kim davon überzeugt, dass es das Übersinnliches und Geister wirklich gibt. Als sie Pam kennenlernt, die kurz darauf in einem herunter gekommenen maroden Haus einzieht, nehmen die seltsamen Ereignisse ihren Lauf. Bei der ersten Besichtigung des alten Gemäuers überkommt Kim ein merkwürdiges Gefühl. Als sie dann noch eine scheinbar liegengelassene Fotografie in die Hand nimmt, durchzuckt sie eine Art Stromschlag, und augenblicklich erscheint eine unheildrohende Frau vor ihrem geistigen Auge. Sie will das Haus sofort verlassen und vorerst nicht wiederkommen. Doch noch kann Pam nicht nachempfinden, warum Kim diese ahnungsvollen Ängste in sich trägt, sie ist Heidin und besitzt keinen Glauben. Nachdem Kim das Tagebuch, der scheinbar verwirrten Hauseigentümerin findet und ließt, spürt sie tief in ihrem Inneren, dass etwas Schreckliches passieren wird. Selbst nach mehreren seltsamen Unfällen am Haus will Pam ihre Warnungen nicht ernst nehmen. Erst nachdem ihr, als sie sich nachts allein im Haus befindet, eine unbekannte mysteriöse Frau erscheint, bekommt sie Panik und bittet Kim um Hilfe. Aber da ist es bereits zu spät.

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