Sieglinde Jörg

Pechsträhne

Haben Sie auch schon bemerkt, dass der Mann, den Sie soeben als höchst interessant eingestuft haben – trotz seines Bäuchchens und trotz des Speckschwärtchens in der Nackengegend – seine stahlblauen Augen auf Annette allein richtet? Annette ist nicht besonders adrett, aber sie ist furchtbar nett. Da stehen Sie nun und ihr Hirn übernimmt die Macht. Ist es Ihre Brille? Es ist die Brille. Wer trägt auch Brille in Kombination mit kurzgeschnittenem Haar? Und das als weibliches Wesen! Wenn Sie doch wenigstens einen Anflug von androgyner Ausstrahlung hätten. Einen Anflug von geheimnisvoller Eleganz.

Sie wünschen Annettchen einen hartnäckigen Hustenanfall. Und er könnte für einige Sekunden in Atemnot geraten. Sein Teint sähe dann aus wie eine Spur zu rot geraten. Und – oh – vor ihnen keucht das Nettchen ganz plötzlich. Die Kaffeetasse schleudert sie dabei vom Servierbrettchen. Die Menschen um sie herum springen fächerförmig auseinander, um kurz darauf in Mitleid zu ergehen. Annettchen klammert sich an den Herrn, dessen stahlblaue Augen einen satte Farbe bekommen und wie bei einem Fisch hervortreten. Der Mund formt ähnliche Grimassen ohne auch nur ein Quäntchen Luft aufzuschnappen. Sie schnippen mit den Fingern – Sie wollen es schließlich nicht übertreiben. Ihr Lachen erstirbt wenige Sekunden nach seiner Geburt – Nettchen lehnt an der Brust des glubschäugigen Fisches. Beide atmen sie tief und umarmen sich innigst. Das war so nicht geplant, Himmelherrgott, so tu doch was! Der Herrgott erhört Ihr Flehen – was Sie aber nicht wissen: er hat nebenher ein Engelchen gekrault und aus Versehen Sie mit Handschellen betraut. In Goldfädchen gefesselt stellt er Sie der Cafégesellschaft zur Schau.

Es ist einer von diesen Tagen, an denen wir Sehnsucht nach ein wenig Liebe und ein wenig Nettigkeit haben. Aber Sie erfüllen leider die Mindestanforderungen nicht mit Ihrem nicht-androgynen Kurzhaarschnitt. Die Friseuse ist schuld – sie hat Ihnen ein Pechsträhnchen verpasst und schaut sich auf youtube das Band der Überwachungskamera an. „Give me five“, sagt sie zum Engelchen und spendiert ihm ein Champagnerchen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.10.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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