Birgit Bychowski

Gedanken

Ich bin weggelaufen.
Wie es dazu kam, weiß ich nicht.
Vermutlich habe ich es einfach nicht mehr ausgehalten.
Doch dann haben sie mich wieder eingefangen und zurückgebracht.
Jetzt haben sie mich hier unten im Keller eingesperrt....
Drei Tage halten sie mich schon hier fest.
Zwischendurch war ein paar Mal ein Erzieher unten.
Wer es war, weiß ich nicht. Letztendlich ist es aber ja auch egal.
Hier unten ist fast alles egal.
Du sitzt hier im Kellerloch und wartest auf irgendetwas.
Auf was, weißt du selbst ebenso wenig wie die Erzieher.
Dann verlierst du irgendwann jedes Gefühl für die Zeit, fängst fast an durchzudrehen.
Aber dann drehst du am Ende doch nicht durch.
Schließlich weißt du ja, dass sie nur das wollen.
Deshalb drehst du nicht durch.
Weil du nichts tun willst, was sie wollen. Weil du das noch nie getan hast. Weil es feige ist.
So zeigst du ihnen nur, dass sie die Macht über dich haben!
Außerdem weißt du, dass es irgendwann vorbei sein wird.
Sie können dich nicht ewig wegsperren!
Wenn du lange genug hier unten gesessen hast, holen sie dich raus.

„Jennifer – der Direktor will dich sehen!“
Mit diesen Worten kommt Herr Dolden in die Zelle.
Schon merkwürdig wie sehr das normale Tageslicht einen so heftig blenden kann!
Ach, auch egal...
Jedenfalls stehe ich auf, recke mich einmal kurz und folge der Aufforderung gähnend.
Herr Dolden schließt die Zelle ab.
Fast wehmütig blicke ich in die Zelle hinein.
Einen Moment lang wünsche ich mir sogar, noch länger hier unten zu bleiben.
Denn das Eingesperrtsein hat auch eine positive Seite: Du hast deine Ruhe!
Mit kleinen, langsamen Schritten latsche ich Herrn Dolden hinterher.
Mit einem merkwürdigen Grinsen sieht er mich an.
„Jetzt hör schön hin, was der Direktor dir zu sagen hat!“, zischt er mir ins Ohr.
Dann öffnet er die Tür und schiebt mich in das Büro hinein.

Hinter dem Schreibtisch sitzt Herr Glas auch schon.
Als er mich erblickt, schlägt er seine Aktenordner zu.
Aber er sagt nichts. Schweigend sieht er mich an.
Provozierend glotze ich zurück.
„Wer zuletzt lacht, lacht am besten...“, rutscht es mir beim Anblick des Direktors heraus.
Sofort merke ich, dass ich einen furchtbaren Fehler gemacht habe.
„Du hast eine große Klappe, Jennifer!“, entgegnet Herr Glas. „Das ist nicht fördernd für die Gesellschaft hier. Verstehst du das?“
Ich nicke zur Antwort.
Am liebsten hätte ich jetzt noch einen Spruch gebracht, doch ich lasse es lieber.
Zu heftige Provokation könnte jetzt wirklich schädlich sein!
„Nun, Jennifer – du bist abgehauen. Ehrlich gesagt, das hat mich enttäuscht. Aber ich denke, das wirst du nicht wieder machen. Habe ich recht?“, sagt er mit einem freundlichen Lächeln.
Doch ich höre die unterschwellige Drohung genau.
Trotzdem kann ich jetzt nicht lügen.
Wieso, weiß ich selbst auch nicht.
Aber irgendwie bringe ich es nicht über die Lippen, „JA“ zu sagen.
Also schüttele ich stattdessen den Kopf.
Währenddessen grinse ich selbstbewusst und herausfordernd, frei nach dem Motto „FLUCHT NACH VORNE“!

Gebannt sieht Herr Glas mir in die Augen.
Trotzig, wie ein kleines Kind halte ich seinem Blick stand.
„Gut!“, brummt Herr Glas „Das können wir hier leider nicht akzeptieren. Aber damit hast du sicher auch nicht gerechnet. Also müssen wir uns etwas einfallen lassen. TORGAU wäre zum Beispiel eine Option!“
Prüfend mustert er mich.
Dieses Wort hat eine unglaubliche Wirkung auf mich.
Schweiß bildet sich auf meiner Stirn.
Sofort setzte ich meine „Maske“ auf.
Mein Blick ist starr nach vorne gerichtet.
Ein inneres Zittern übernimmt die Macht über meinen Körper.
Doch das darf der Direktor nicht merken.
Jetzt muss ich standfest bleiben.
Ich muss zu dem stehen, was ich grade gesagt habe.
Notfalls muss ich auch die Konsequenzen tragen.

„Jennifer – Willst du wirklich abhauen? Nicht wirklich, ODER?“, höre ich Herrn Glas sagen.
Hypnotisiert stehe ich im Büro.
Stocksteif ist mein Körper geformt.
Ich spüre nichts, bin ganz die brave Genossin – ein grausames Gefühl.
Nur eines kann mich aus dieser Situation retten: FLUCHT NACH VORNE!
„Doch, ich will abhauen und ich werde abhauen! Nach Torgau schickt ihr mich so oder so nicht. Dafür seid ihr zu feige!“
So, das hat jetzt aber gesessen.
Das war gleich doppelt unverschämt – erst die Duzerei, dann das „FEIGE“!
Sicherlich wird das Folgen haben.
Im Moment ist mir aber alles egal.
Hauptsache ICH bleibe ICH, lasse mich nicht unterkriegen und zeige ihnen, dass ich gewonnen habe!
Auf keinen Fall widerrufe ich meine Worte.
Nicht mal Herr Glas´ böser Blick kann da etwas dran ändern...

“Jennifer, du scheinst zu vergessen, welche Möglichkeiten wir dir hier bieten. Du kannst eine Ausbildung machen. Ein wenig Wertschätzung diesem Heim gegenüber wäre schon angebracht. Außerdem hilft Flauch auch nicht weiter. Nach Torgau können wir dich allerdings schicken....
Aber das wollen wir nicht, wir wollen dir schließlich helfen. Doch deine Worte grade, die waren leider so staatsfeindlich, dass wir dich eigentlich nach Torgau schicken müssten. Ich will dir aber helfen. Deshalb schlage ich vor: Wir lassen das ganze fallen und du überdenkst deine Worte noch mal im Arrest. Bestimmt kommst du dann zur Vernunft und siehst ein, dass du das gar nicht so gemeinst hast!”
Der Redeschwall fließt an mir vorbei.
Solche Lügen brauch ich mir nicht anzuhören.
Aber jetzt noch etwas sagen?
Gefährlich könnte das schon sein.
Alternative wäre Maske aufsetzen, Arrest und “brave Genossin” spielen.

„Nun, hast du eine Entscheidung getroffen, Jennifer?“, reißt mich Herr Glas aus den Gedanken.
„Ja, Herr Glas. Ich werde meine Entscheidung überdenken“, erkläre ich steif.
Scheiße, das war ein Fehler.
Hochverrat an mir selbst habe ich begangen.
Scham und Pein ergreifen meinen Körper.
Herr Glas hat gesiegt.
Wie konnte das nur passieren...
Nachgeben, dem Arschloch – wie konnte ich nur...

„Sehr schön, Jennifer. Ich wusste doch, dass du ein vernünftiges Mädchen bist. Mit Glück wirst du einmal eine gute Genossin werden, wie? Ich habe schon gleich gemerkt, dass du das mit dem FEIGE micht ernst gemeint haben kannst. Vermutlich hast du nur eine schwierige Phase, wie? Nun, ich bin glücklich, dass du deine Worte widerrufen hast!“, meint Herr Glas mit seinem gekünsteltem Lächeln.
Hass lodert in mir.
Schließlich bringt mich genau dieser Hass zum schreien:
„Ich widerrrufe meine Worte nicht. Sie sind wahr. Eurem System beuge ich mich auch nicht. Ich werde nicht so feige werden wie ihr! Das ist auch keine ´schwierige Phase´, sondern Widerstand gegen Unrecht und Verbrechertum. Alle hier denken doch so. Nur keiner wagt es, euch das zu sagen. Steckt mich doch nach Torgau! Mir ist es egal, wo ich eingesperrt bin!“
Als ich fertig bin, spüre ich, wie meine Kehle ausgetrocknet ist.
Mein Stimme ist kratzig geworden.
Schweiß bildet sich auf meiner Stirn.
Was ich da gesagt habe, war gefährlich, mehr als das.
Es war lebensgefährlich.
Für so etwas kommt man hier in den Knast, vielleicht auch auf den Scheiterhaufen...
Plötzlich vernehme ich einen Knall.
Schmerz überfällt meine Wange.
Vor mir wird alles dunkel.

Wieder sitze ich in der Einzelzelle.
Ob es dieselbe ist wie vorhin?
Vielleicht.
Auf jeden Fall ist das Gefühl dasselbe.
Um mich herum ist Leere.
Nichts. Dunkelheit. Hoffnungslosigkeit.
An der Wand stehen Kritzeleien.
Schon viele Jugendliche waren hier eingesperrt.
Einer hat ein altes Volkslied in die Mauer geritzt:
„Die Gedanken sind frei.
Wer kann sie erraten.
Sie fleigen vorbei wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschiessen...
Es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei!“
Langsam kramme ich einen Bleistift aus meiner Hosentasche.
„Es lebe die Freiheit!“, schreibe ich in krakeligen Buchstaben unter das Lied.

Irgendwann fange ich an zu singen.
Erst leise, dann immer lauter.
Schließlich schreie ich nur noch:
„UND SPERRT MAN MICH EIN IM FINSTEREN KERKER
DAS ALLES SIND REIN VERGEBLICHE WERKE
DENN MEINE GEDANKEN ZERREIßEN DIE SCHRANKEN UND MAUERN ENTZWEI
DIE GEDANKEN SIND FREI!“


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.10.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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