Tilly Boesche-Zacharow

DIE TOCHTER DES SCHEICHS - Im Zeichen des Ringes

Die Kinder spielen im Staub der Straße. Als das Auto kommt, hier im neuen Beduinendorf immer noch eine Seltenheit  -  springen sie auf die Füße. Sie erkennen das Auto und wissen, es kommt Besuch für ihren Vater, den Scheich.
   Die braunen, nackten Beine der Kleinen wirbeln durch die Luft Sie rennen schneller, als das Auto auf dem Holperweg fahren kann. Sie erreichen noch vor ihm das Tor zum Anwesen des Vaters. Die Familie wohnt längst nicht mehr im Zelt. Es ist ein Haus aus Stein erbaut worden, und nun finden sie es alle – nach einer gewissen Anpassungszeit – recht  bequem und passend. Gestikulierend und lärmend reissen die Kinder das Tor auf, um die Gäste hereinfahren zu lassen.
   Der Klapperkiste entsteigt ein Herr, ihm folgen eine Frau und zuletzt eine Dame. So jedenfalls empfindet Iman, die zehnjährige Tochter des Scheichs. Der Stimme des Herrn haftet etwas Weibisches an, sie wirkt quäkend. Das mag an seinem Alter liegen. Greise   bekommen oft höhere Stimmen, als sie ihnen zur Zeit der vollen Manneskraft zu eigen war.
   Dagegen spricht die Frau eher wie ein Mann. Sie ist ein robuster Moshavtyp und wird wohl schon immer dominierend gewirkt haben.
   Aber die Dame,  - sie hat genau den Tonfall einer Dame; er ist hell, dabei doch voll und sehr melodisch. Iman versteht nicht, was sie sagt, denn Iman spricht nur arabisch, mit dem der eigenen Familie zugehörigen Dialekt und ihrem Akzent.
   Dennoch, irgendetwas rührt sie an, als würde zu ihr gesprochen werden, ausschließlich zu ihr. Dabei beziehen sich die Worte der Dame wohl auf nichts anderes als auf eine Danksagung für die Einladung, vom Herrn übersetzt, damit der Vater sich auch seinerseits geehrt fühlt.
   Iman ist wie gefangen, keinen Blick lässt sie vom sehr hellhäutigen Gesicht der Dame, das ein lebhaftes Mienenspiel und ein Lächeln aufweist.. Auch die Hände der Besucherin faszinieren das Kind. Es weiß natürlich nicht, das schon mal irgendjemand diese langen, biegsamen Finger „indische Hände“ nannte. Aber der Kern der Sache wird damit wohl getroffen worden sein. An einem dieser Finger sieht Iman einen Ring, dessen Mitte durch einen  blauen Stein verziert ist.
   Als diese weißen, „indischen“ Finger dann kurz darauf neben den langen braunen ihres Vaters und den leicht nikotingefärbten der Frau in den Safranreis tauchen, um ein Rebhuhn zu zerreißen, ist der Ring fort. Die Dame wollte ihn nicht der fetttriefenden Haut des kleinen Leckerbissens aussetzen und verschmutzen lassen.
   Iman sitzt mit ihren kleinen Brüdern und einer Schwester im Hintergrund des Zimmers, in dem es nur einen großen, doch niedrigen Tisch gibt, um den herum die Gäste auf Kissen hocken. Auf der anderen Seite  befinden sich die Kinder,ebenfalls auf Kissen und – sehen fern. Iman interessiert sich heute nicht dafür, sie beobachtet die Gäste. Die Dame hat helles, weiches Haar, Es ist bereits leicht von silbrigen  Fäden  und stark sonnegebleicht wirkenden Strähnen  durchzogen, wie es Leute haben, die eigentlich in einer anderen Witterung zu Hause sind. Das Gesicht wirkt wie eingerahmt.
   Es ist eine andere Umrahmung, als Iman sie -  zum Beispiel – von ihrer Mutter gewohnt ist. Sie selbst wird auch einmal ein weißes Dreieckkopftuch tragen, im Nacken gebunden, sodass einer der Zipfel über den Rücken, die anderen zwei über die Schultern nach vorne fallen. Imans Mutter erwartet schon wieder ein Baby, das vierte nach Iman. Sie ist keineswegs das älteste Kind. Da gibt es schon fast erwachsene Brüder, von denen einer gerade die reich gefüllte Speiseplatte hereingeschleppt hat.
   Imans Mutter ist durch zwölf Geburten schwerfällig geworden. Jetzt sitzt auch sie abseits der Gäste, sieht fern und beobachtet gleichzeitig aus den Augenwinkeln heraus, was für ein Gesicht ihr Mann macht, ob er zufrieden ist oder ob er den Finger hebt, um neue Wünsche anzumelden. Alles hat so zu sein, dass sich die Gäste gut fühlen. Er, der Scheich aus der Wüste ist ein guter Freund des jüdischen Muchtars, der nebenan im Kibbuz auf Recht und Ordnung sieht.
   Die Kinder fangen an, herumzuspringen. Sie sind der Stolz und der wahre Reichtum des Hauses. Der Scheich lächelt, löst Fleisch von den an diesem Morgen frisch selbsterlegten Rebhühnern und wirft es auf die andere Seite der Riesenreisplatte zu den Gästen  hinüber.
Damit ehrt er sie und zeigt seine Freude über ihren Besuch.
   Die Dame hat, so scheint es, etwas Mühe, mit dem ihr offensichtlich unbekannten Essgebaren des Landes fertig zu werden.
   Sami, Imans kleinerer Bruder, reisst eine Weintraube aus der Obstschale. Erzürnt gibt sein Vater ihm einen Stoß, woraufhin der Kleine die Rebe zurückfallen lässt. Und nun rupft der Scheich selbst eine ganze Handvoll Trauben und hält sie den Kindern hin. Jetzt, als huldvolle Gabe des Vaters dürfen sie sich daran gütlich tun.
   Nach dem reichhaltigen Essen – die Platte ist immer noch halb gefüllt – bringt einer der großen Söhne das Tablett mit Kaffeeschälchen. Der Herr zwinkert der Dame leicht zu. Sie nimmt eins der heißen Gefäße ohne Henkel und zieht erschreckt die Brauen hoch, als der erste Schluck ihr die Kehle herunterrinnt. Das Gebräu ist außerordentlich stark und geradezu teuflisch bitter. Der Herr neigt sich zu ihr und raunt etwas. Er wird ihr wohl den Rat gegeben haben, nicht den Inhalt des ganzen Täßchens auf einmal herunter zu spülen, um die Prozedur hinter sich  zu haben, denn das wäre eher eine Aufforderung, das Schälchen sofort wieder neu zu füllen.. Eine Ablehnung würde der Gastgeber dann als Beleidigung empfinden. So wird sie nun nur noch nippen...
   Die Sprache, in welcher der Herr und die Dame sich miteinander verständigen, ist Deutsch. Während der nun einsetzenden lebhaften hebräisch-arabischen Unterhaltung muss die Dame erst abwarten, bis der Herr übersetzt, was gesagt wurde, um sich dann ihrerseits einzubringen, damit es – abermals durch den Mittelsmann – an den Gastgeber herankommt. Zwischendurch hat sie Zeit, sich zu entspannen und herumzuschauen. Ihr Blick trifft sich immer wieder mit dem Imans.
   Die Besuchszeit geht herum. Die Gäste brechen auf. Draußen ist es von einem Moment zum.anderen dunkel geworden. Eine Dämmerung gibt es hier nicht.
   Das vor dem Haus angepflockte Kamel – letztes Attribut an die nomadische Familientradition – hebt sich  als pechschwarze Silhouette von dem mattmondigen Himmel ab.
   Hände werden geschüttelt, Plötzlich erfüllt ein heisses Liebesgefühl das Herz der kleinen Iman. Es braust.
   Eigentlich hätte sie sich im Hintergrund zu halten. Aber es treibt sie, diese Grenze zu überschreiten. Sie setzt sozusagen den Fuß schüchtern, aber doch wissentlich, in eine andere Welt. Sie streckt ihre Hand aus, und – sieh an, die Dame ergreift sie ohne zu zögern, als hätte sie darauf gewartet. Sie drückt die dünnen braunen Kinderfinger.
   Da hebt sich Iman auf die Zehenspitzen, getrieben von dem Wunsch, mehr von dieser neuen, fremden, sie faszinierenden Welt zu erschnuppern. Mit ihrem warmen, glatten, braunen Wänglein streift sie scheu das weiße Gesicht der Dame.
   Was wird diese tun? Das Kind fortschieben?  Sich abwenden?
   Keineswegs! Es ist, als befände auch sie sich plötzlich außerhalb eines sonst um sie gezogenen Kreises, als ständen sie beide – Iman und sie – in einem neuen Raum. Sie bückt sich leicht und küsst Iman. Es ist nicht nur eine höflich-andeutende Geste, es ist ein richtiger Kuss, die Berührung zweier Welten; sie fühlen, sie sind sich sehr nahe. Die Berührung kommt aus dem Herzen der Dame, und
Iman   spürt sie wie eine Antwort im eigenen Blutstrom. Sie hebt die Hand und streichelt das Gesicht der Dame.
   Keiner hat es gesehen. Sie waren die Letzten in Vorraum des Hauses. Die anderen standen bereits um das Auto herum, mit dem die Gäste wieder fortfahren wollen.
   Iman spürt die Kühle des Abends, der sich über den Nordnegev gesenkt hat. Sie sieht die Gäste in den Wagen steigen. Noch spricht ihr Vater mit dem Herrn, der als Gastgeschenk eine Kiste mit besonderen Lebensmitteln aus dem Kofferraum holt. Es ist selbst geimkerter Honig zum Beispiel. Sami schleppt alles ins Haus.
   Im Autofenster erkennt Iman den schattenhaften Umriß der Dame. Sie winkt, als wolle sie noch einmal die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Die Dame wendet den Blick nicht von ihr und macht eine Geste, als habe sie dem Mädchen  noch etwas zu sagen.
   Doch nicht nur Iman, sondern auch ihre Geschwister haben den Wink bemerkt, und sie alle rennen heran zu dem halb heruntergekurbelten Autofenster, aus dem die Dame etwas hinausreicht, das Gesicht Iman zugewandt.
   Aber da hat schon die kleinere Schwester der Dame aus der Hand gerissen, was  nun im blassen Mondlicht kurz aufblinkt.
   Die Dame ist konsterniert.
   „Nein!“ ruft sie  und scheint vergessen zu haben, dass man sie gar nicht versteht. „Nicht du, - sie!“
   Dabei zeigt sie auf Iman, die sich mit beiden Händen auf die Brust schlägt, als wolle sie mit dieser Geste fragen: „Für mich?“
   Im gleichen Moment heult der Anlasser des altersschwachen Wagens infernalisch auf.  Der Scheich tritt zur Seite, das Auto fährt mit einem Ruck nach vorne an, erreicht holpernd die Straße und – entschwindet um die Ecke, entschwindet Imans Gesichtsfeld, ebenso wie sich Imans Bild vor den Augen der Dame auflöst…
 
   Sie werden sich kaum wiedersehen, jedenfalls ist das anzunehmen. Diese Begegnung zwischen dem kleinen Mädchen aus dem Negev  und der hellhäutigen Frau aus Europa, zusammengebracht durch einen Israeli, war nichts als ein Zufall, unbedeutend und schnell vergessen…
   Wirklich unbedeutend und vergessen?
   Ist nicht vielmehr eine Brücke gebaut worden, gebildet aus einem winzigen Silberreif mit einem blauen Stein, Böses zu bannen, Verständnislosigkeit auszuräumen, Platz zu machen für Gefühle des menschlichen Herzens?
   Ein Stück der ihr unbekannten Welt wird sie begleiten. Möge der blaue Stein für Iman ein Zeichen bleiben, dass es immer Wege von einem Menschen zum anderen gibt. Sie müssen nicht immer der gleichen Herkunft sein, sie können verschiedene Hautfarben haben, sie können sogar verschiedenen Glaubens sein, denn im Grunde   führen alle Glaubenswege zum gleichen Ziel: zur Schöpfungskraft, welche die Welt für alle Menschen so wunderbar ausgestattet hat.
   Vielleicht hilft ein kleiner, blauer Stein, Vorurteile abzubauen, um auch in einem Fremden etwas zu sehen, das Respekt abverlangt. Möge der Ring ein Kreis sein, der Blick und Tür für den Mitmenschen öffnet.
   Wer war die Dame? War sie überhaupt irdischen Ursprungs? Oder war sie eine Huri, eine Himmlische, eine Abgesandte Allahs, vielleicht  ein Engel?
   Im Himmel sind alle Götter gleich, zusammengefasst zu der einzigen großen,  vom Menschen nicht erfassbaren Einheit, einer schöpfungsfähigen  Einheit.
   Um wieviel leichter könnten es sich die Menschen machen, wenn sie in jedem Nächsten ihren  Bruder erkennten.
   Kleine Iman, deren Name GLAUBE bedeutet, glaube an diesen  Weg: werde eine Vorläuferin darauf.   
   Im Zeichen des Ringes, unseres Ringes.
  
 
 
 
                                                                                        <><><>
 
aus: Immigrantin auf Zeit, Tagebuchblätter  (C) TBZ veröffentlicht in Israel - Chadaschot  ca 2003
 

Ein Autor verfaßt seinen Text und hat damit den an ihn gestellten Anspruch sowie Erwartung nach Gutdünken erfüllt. Wenn es nötig ist, selbst seinen Text zu kommentieren oder erklären zu müssen, macht er deutlich, wie wenig er seinem geistigen Kind zutraut, eigenständig wirksam sein zu können.
Ich werde meiner literarischen Aussage deshalb keinen Kommentar hinzufügen.

Das bedeutet nicht, dass ich eventuell auftauchende Fragen nicht beantworte.Dazu bin ich jederzeit bereit. Zufrieden?

TBZ
Tilly Boesche-Zacharow, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.10.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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