Michael Buchacher

Würstelstand

Es war ein lauer Abend in Wien. Die Sonne war schon längst untergegangen und die Straßenlaternen warfen ihr fahles Licht auf die Gehsteige. Am Ende der Straße stand, und steht immer noch der Würstelstand von Leopold Novotny. Schon sein Vater hatte hier Würstel verkauft. Jetzt war Leopold auch schon in die Jahre gekommen und hoffte, dass sein Sohn die Bude weiterbetreiben würde. Doch der hatte kein großes Interesse. Er hatte nicht vor, sein Lebtag wie ein Burenhäutl zu riechen, pflegte er zu sagen. Ein paar Gesellen standen rund um den Stand. Einer aß eine Currywurst, der andere eine Portion Pommes Frites. Und jeder hatte eine Dose Schwechaterbier vor sich stehen. Leopold, der von seinen Freunden liebevoll „Poldi“ genannt wurde stand hinter der Glasscheibe und drehte gerade die Würstchen am Grill um, als eine junge Frau zum Würstelstand trat. „Können Sie mir wohl sagen, wie ich hier zur Thaliastraße komme?“ fragte die blonde Schönheit. Die Männer, die sich vertieft in ihr Gespräch und mit dem Essen und dem Bier beschäftigt befanden, blickten auf, um ihren Blick nicht mehr von der jungen Dame abzuwenden. Zu sehr waren sie geblendet, von dieser außergewöhnlichen Erscheinung, die sie hier am Würstelstand noch nie gesehen hatten. Der eine Mann, er war Bankangestellter versuchte ein Stück von seiner Currywurst mit der kleinen Plastikgabel aufzuspießen, ohne den Blick von der jungen Dame abzuwenden. Er brauchte vier Mal, bis er endlich ein Stück auf dem Gäbelchen hatte. Es war ihm egal, dass er sie anstarrte, sie musste es doch sowieso gewohnt sein, angestarrt zu werden, so schön wie sie war. „Thaliastraße?“ antwortete Leopold. „Da müssen sie mit der Straßenbahn noch zwei Stationen fahren, dann kommen sie direkt  dort hin.“ „Danke für die Auskunft!“ antwortete das junge Mädchen. „Ic! h habe H unger, war haben sie denn Gutes?“ „Ja, ehm.“ antwortete Leopold nervös. „Ja eben alles was da auf der Tafel steht.“ „Und was essen die Menschen bei Ihnen am liebsten?“ fragte das Mädchen „Am liebsten werden bei uns die Burenhäutln gegessen, aber auch Currywurst haben die Leute gerne.“ „Dann geben sie mir bitte so eine Currywurst!“ antwortete das Mädchen. „Currywurst, sehr wohl!“  „Und was trinkt man da dazu?“ fragte sie. „Sie können trinken was sie wollen“ antwortete Leopold nervös, der bereits gemerkt hatte, wie die anderen Gäste seine Kundin anstarrten. „Was haben die Männer da?“ fragte sie. „Die haben alle eine Dose Schwechaterbier“ gab er zur Antwort. „Dann geben sie mir bitte so ein Bier!“ Ohne nach ihrem Alter zu fragen, gab Leopold der jungen Dame die Bierdose. „Brauchen sie einen Becher?“ fragte er. „Nein, die Männer haben ja auch keinen.“ entgegnete sie. Leopold machte sich daran, die Currywurst zuzubereiten währenddessen das Mädchen mit ungeschickten Fingern versuchte die Dose zu öffnen, als hätte sie noch nie ein Cola oder ein Fanta getrunken.rrywurst"urrywurst haben die Leute gerne."in, angestarrt zu werden, so schön wie sie war. ehr „Können sie mir vielleicht helfen, bitte?“ fragte sie den neben ihr stehenden Mann, der sie immer noch anstarrte. Überrascht darüber, dass sie ihn angesprochen hatte, blickte erst verwirrt um sich, um ihr dann aber doch behilflich zu sein. Sie trank einen Schluck aus der Dose, schien überrascht über die enthaltene Kohlensäure zu sein. Sie kicherte. „Scharf oder mild?“ fragte nun Leopold aus der Bude heraus. „Wie scharf ist denn scharf?“ fragte das Mädchen. „Ja so schlimm ist es nicht, ein bisschen warm wird´s ihnen schon werden, wenn sie d! ie schar fe Variante essen.“ antwortete er. „Na gut, dann nehm ich eine scharfe Currywurst.“ erwiderte das Mädchen. Leopold stuppte mit einem Metalltiegel, in dem oben Löcher waren, ein wenig Schärfe auf das Würstchen. Gab noch scharfes Ketchup, Mayonnaise und Currypulver darauf und reichte dem Mädchen den vollen Pappteller mit einem Stück Brot. „Danke!“ sagte die Bediente und nahm ein Gäbelchen aus dem Glas vor ihr. „Isst man das damit?“ fragte sie. „Ja sicher, sonst werden ja ihre zarten Finger schmutzig“, sagte der Mann, der ihr die Bierdose aufgemacht hatte. Das Mädchen lächelte, suchte sich ein rotes Gäbelchen aus und begann zu essen. Nach dem dritten Bissen bekam ihr Gesicht ein wenig Farbe, es schien ihr doch ein wenig zu scharf zu sein. Doch sie sagte nichts, biss von ihrem Brot ab und nahm einen Schluck von dem Bier, das sie sichtlich zu erfrischen schien. Es war nun schon ein wenig kälter geworden, doch sie schien nicht zu frieren, in ihrem weißen Kleidchen das sie trug. Im Gegenteil, die Wurst und das Bier schienen sie aufzuwärmen. Die Männer starrten immer noch, es waren auch neue Gäste dazugekommen, darunter zwei Frauen ohne festen Wohnsitz, die ihren Blick auch nicht von dem Mädchen abwenden konnten. „Was bin ich schuldig?“ fragte sie als sie fertig gegessen und die Bierdose ausgetrunken hatte. „Das passt schon“, antwortete nun der Leopold. Das Mädchen bedankte sich mit einem Knicks, verabschiedete sich mit einem Kopfnicken bei den übrigen Gästen und entschwand hinter der nächsten Hausecke, wo im gleichen Moment anscheinend eine Straßenlaterne einen Kurzschluss erlitt. Die Würstelstandgäste sahen für einen kurzen Moment ein Licht in der nächsten Straße hell aufleuchten. Leopold drehte seine Würstchen um. Er lud normalerweise niemanden zum Essen ein, aber heute machte er eine Ausnahme, de! nn es wa r ja Weihnachten.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.10.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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