Sieglinde Jörg

Kälte

 

Eine Traube Menschen stand in gut fünfzehn Metern Abstand mitten im schneebedeckten Acker. Man sah sie, sobald man die Kuppe erreichte. Die Straße machte an dieser Stelle einen leichten Linksbogen, war aber abschüssig nach rechts und heimtückisch glatt an dieser Stelle. Ich war auf dem Weg in den Stall. Das zweite, was ich sah, war ein umgekipptes Motorrad am Rande des weißen Ackers. So wie es lag, mit verdrehtem Lenker, hieß das nichts Gutes. Ich hielt mein Auto hinter anderen Autos, die bereits da standen, an und stolperte zu dem einsam im Schnee liegenden Motorradfahrer. Er bewegte sich nicht, war nicht bei Bewusstsein.

Kein Mensch kniete neben ihm. In drei Meter Entfernung stand jemand, unschlüssig, was zu tun sei. Niemand hatte ihn zugedeckt bei dieser Kälte. Ein Krankenwagen sei unterwegs. Ich holte eine Pferdedecke aus dem Auto und war froh, dass ich sie im Wagen gelassen hatte, obwohl das Auto sehr intensiv danach roch. Ich hatte sie eigentlich waschen wollen. Ich deckte den Mann zu, jemand half mir. Der Acker war uneben, es war sehr kalt. Ich kniete im Nassen und stabilisierte den Kopf. Ich öffnete das Visier und sprach den Mann immer wieder an. Wir überlegten, ob wir den Helm abnehmen sollen. Ich habe das so gelernt, aber der Untergrund war so uneben. Es würde schwierig sein, den Kopf sofort angemessen zu stabilisieren. Aus sicherer Entfernung mischte sich ein kluger Mensch ein. Man dürfe den Helm keinesfalls abnehmen. Man solle gar nichts tun. „Wir haben das so gelernt“, sagte ich scharf und ignorierte ihn dann. Wieder und wieder sprachen wir den Mann abwechselnd an. Etwas in mir hinderte mich allerdings daran, den Helm abzunehmen. Ich spürte den Konflikt in mir, denn ich hatte es doch so gelernt.

Ich erinnere mich nicht mehr an meinen Helfer. Er war ein sehr ruhiger Mensch. Es gab ihm Sicherheit, dass ich die Initiative ergriffen hatte. Er war da, ruhig, gefasst. Es war gut, dass er da war. Er regte sich leise über diese Menschentraube auf, die nichts unternommen hatte, nichts unternahm, aber alles besser wusste. Als ich aufsah, in der Hoffnung, der Krankenwagen tauche auf, sah ich, wie sie die Arme verschränkten, weil sie froren. Ein roter Anorak blieb mir in Erinnerung. Er sah gut gefüttert aus. Keiner hatte für den Verunglückten seinen Anorak ausgezogen. Sie hätten sich doch abwechseln können. Sie hätten einander doch in die Arme nehmen und wärmen können.

Endlich kam der Mann zu Bewusstsein. Ich beschrieb ihm genau, wo er sich befand, was wahrscheinlich passiert sein musste. Ich beschrieb ihm seine augenblickliche Lage und dass ein Krankenwagen unterwegs sei. Ich fragte ihn, ob ich den Helm abnehmen solle. Ich habe das gelernt, fahre selber Motorrad, aber der Boden sei sehr uneben. Er verneinte, er habe ein komisches Gefühl im Genick, da sei etwas nicht in Ordnung, er sei selber Sanitäter. Er fror, trotz Decke. Ich beruhigte ihn immer wieder. Der Krankenwagen müsse gleich da sein. Der Notruf sei schon eine Weile her. Als der Krankenwagen endlich da war, ging alles sehr schnell. Brille runter, Helm runter, Genickstütze, auf die Bahre und weg war er. Der eine Sanitäter überlegte noch, wohin mit der Brille, nicht dass man sie nachher in der Jackentasche vergesse. Ich fand das sehr rücksichtsvoll. Für die Betroffenen kann es große Umstände und Einschränkungen bedeuten, wenn die Brille oder die Dritten Zähne fehlen. Nicht zu schweigen von den Kosten, die niemand tragen will.

Wir waren überflüssig geworden, dankten nach einigem Schweigen einander für die ruhige Hilfe. Ich knuddelte die feuchte Decke zusammen und blickte auf die Menge, die sich nun langsam auflöste. Diese vielen Menschen hatten sich die gesamte Zeit über im Hintergrund gehalten. Was für eine Art Sicherheitsabstand war das, den sie da eingehalten hatten?Der besonders kluge Mensch musste noch aufdringlich ein paar letzte kluge Bemerkungen von sich geben und merkte nicht, dass ihm niemand zuhörte. Ich fuhr in den Stall. Bedrückt durch das eben Erlebte. Verunglückt im Schnee. Allein inmitten unter Menschen. Keine Fürsorge. Kein Gedanke daran, dass er hätte erfrieren können. Kein Gedanke daran, dass eine einzige Kopfbewegung sein Tod hätte sein können. Ich dachte noch oft an den Verunglückten, weil er gesagt hatte, dass sein Genick nicht in Ordnung sei.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.10.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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