Irene Beddies

Wendel: Der Lauf der Zeit

 

 "Ich heiße Kasimirius", stellte sich das neue Gespenst vor, als die Gespensterchen um Mitternacht aufwachten. "Gestern war keine Zeit mehr, mich mit dir bekannt zu machen. Und wie heißt du?"
"Ich heiße Wendel. So hat meine Mutter mich jedenfalls immer gerufen. Haben alle Gespenster denn einen Namnen?"
"Gespenster haben vielleicht nicht immer Namen. Ich weiß nicht, ob ich schon vorher einen hatte. Ich habe mir meinen selbst ausgesucht vor langer Zeit."
"Selbst ausgesucht?", fragte Wendel erstaunt, "warum denn?"
"Da, wo ich herkomme, gibt es ein Bild von einem großen Mann in einer schimmernden Rüstung. Darunter steht <Kasimirius, der Starke>. Weil ich so klein bin, habe ich gedacht, wenn ich mich auch Kasimirius nenne, werde ich vielleicht größer."
"Das war wohl nicht ganz erfolgreich", stellte unser kleines Gespenst fest, als es sich den neuen Freund näher betrachtete. "Ich bin sehr froh, dass  du nicht  viel größer bist als ich. Ich fühle mich immer viel zu klein für ein Gespenst."

Die beiden Gespenster vertrugen sich sehr gut.
Es machte ihnen Spaß, zusammen aufzuwachen und Pläne zu schmieden. Auch die Eule freute sich über die neue Gesellschaft. Nun hatte sie kein schlechtes Gewissen, wenn sie Wendel einmal nicht besuchte.
"Damit du dich nicht verirrst und wieder zu mir zurückfindest, musst du wissen, wo du entlang schweben kannst, Kasimirius". Wendel zeigte seinem schwarzen Freund deshalb die Stadt und den Wald.
Gerne besahen sie sich die Turmuhr, besonders den großen Zeiger, und beobachteten, wie er sich Ruck für Ruck ein Stück weiter bewegte.

 "Das ist der Lauf der zeit", erklärte Ihnen die Eule. "Die Menschen sind so dumm, dass sie nicht von selber wissen, wie die Zeit vergeht. Deshalb schlägt die Glocke auch Tag und Nacht, wenn eine Stunde um ist."
"Kennst du die Zeit auch ohne Uhr?", fragte Kasimirius.
"Ja, die Zeit habe ich genau im Gefühl. Ich beobachte den Himmel und die Sterne. Ich achte auf den Wind und merke mir, wann andere Tiere schlafen gehen oder aufwachen.  Mein Magen erzählt mir, wann es Zeit ist, auf die Jagd zu gehen. Ich weiß doch, wann die Beute am besten zu fangen ist. Ich irre mich nicht."
"Können wir auch lernen, die Zeit zu bestimmen?", fragten die Gespenster wie aus einem Mund.
"Ich glaube, ihr könnt das schon. Ich denke daran, wie Wendel von allein aufgewacht ist, als einmal die Glocke in der Turmuhr nicht schlug. Ihr Gespenster wisst offenbar, wann eure Stunde zum Aufwachen gekommen ist und wann ihr wieder schlafen gehen müsst."
"Aber ich schaffe es manchmal nicht ganz bis nach Hause", wandte Wendel ein.
"Das kommt davon, dass du zu lange zögerst, weil du noch etwas zuende bringen willst", erwiderte die Eule.
"Und ich bin immer noch schwarz", stellte Kasimirius bekümmert fest, "wie lange denn noch?"
"Daran ist nichts zu ändern", sagte die Eule. "Wir müssen abwarten."


(c) I. Beddies






 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.10.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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