Simon Edelbauer

Tannengrün

Sie sahen aus, wie die perfekte Familie.  Das Foto an der Wand bewies es. In ihren lächelnden Gesichtern spiegelte sich die Seligkeit Gottes. Niemand ahnte, dass unter ihnen ein Mörder weilte.
John hatte den Unfall seiner Eltern nie verkraftet. Wochenlang hatte er sich jeden Abend in den Schlaf geweint, bis keine Tränen mehr kamen. Bis nur mehr sein qualvolles Schluchzen die Stille der Nacht durchbrach. Gott hatte ihn verlassen, und das wusste er. Doch eines Tages regte sich in ihm etwas. Merkwürdige Gedanken kamen in der Einsamkeit auf. Und es war Zeit das zu tun, wofür er bestimmt war.
Er spürte es erstmals, als ihn Onkel Harry zu sich genommen hatte. Diesen unwiderstehlichen Drang. Diese Begierde. Andere würden es Blutdurst nennen.

Noch blieb er ruhig. Verbarg seine Gedanken vor den Anderen und hielt sich in der ungestörten Ruhe des Waldes versteckt.

John  liebte den Wald. Die unvergleichliche Stille. Das Grün der Tannen. Den Geruch nach Moos und feuchter Erde. Und er liebte den kleinen Friedhof, auf der Lichtung des Waldes, wo das Grab seines kleinen Cousins Nigel lag.

Er war damals einfach in dem Wald verschwunden. Spurlos. Im Nebel der Nacht. Keiner konnte sich erklären was geschehen war. Keiner hatte wie immer eine Ahnung von irgendwas.  Bis man ihn fand. Tot. Zerstückelt. Verwest.

„Im Krieg haben sie genauso ausgesehen“, hatte sein Großvater dazu gesagt, während sich Onkel Harry und Tante Emma die Seele aus dem Leib geweint hatten.
John konnte sich das gut vorstellen. Ein Meer aus Leichen und Blut. Kinder, die hilflos zertrümmerte Straßen entlang stolperten und nach ihren Müttern riefen. Und Mütter, deren letzter zuckender Augenschlag bereits getan war, während ihre Kinder schreiend auf sie zuliefen.
 
Später blieb in dem Wald nichts anderes von ihm übrig, als ein schwarzer Fleck im grünen Moos. Sein Grabstein stand merkwürdig da. Irgendwie schief. Dunkler Efeu rankte sich bereits darum herum und jedes Mal wenn John am Grab stand hallten Nigels hilflose Schreie in seinem Kopf wider. Beinahe so als wäre es erst gestern gewesen. Wie Odysseus, der sich an den Schiffsmast fesseln ließ, hatte John Mühe den kindlichen Schreinen zu wiederstehen, und nicht an den Ort des Geschehens zurückzukehren. Dorthin wo jetzt nur mehr ein dunkler Fleck am Boden war.
 
„Wo warst du John?“, fragte Onkel Harry als er abends nach Hause kam.
„Im Wald“, antwortete John. „Nur im Wald.“
„Du weißt, dass du dort nicht hingehen sollst. Der Wald ist gefährlich, vor allem nachts.“
„Ich weiß“, erwiderte John und lächelte. „Ich pass schon auf mich auf.“
 
Nur der Mond wusste, was er im Wald wirklich tat. Die bleiche Totensonne, die ihm als einzige Vertraute erschien. Sie würde ihn nicht verraten. Er sah doch noch so unschuldig aus.
 
Bald würde es wieder soweit sein. Johns nächstes Opfer wartete bereits. Tante Emma war in den Wald gegangen um Beeren zu pflücken. Er konnte ihr Blut förmlich riechen, so wie ein Jäger seine Beute riecht.
 
Er nahm das große Messer aus der Schublade. Dann verschwand er im Wald

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.10.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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