Sieglinde Jörg

La Belle

(aus der Geschichtensammlung: "Pferdeschicksale")


Da stand sie auf der Stallgasse: La Belle, der Inbegriff der Schönheit. Sie war eine Fuchsstute mit einem kleinen Stern mitten auf der Stirn. Sie hatte dezente schwarze Punkte um die Kruppe herum. Ihr Blick war es, der ihr diesen ganz besonderen Glanz verlieh: voller Stolz und Freiheit. Sie liebte es, ihren Kopf hoch zu tragen und die Welt mit ihren ganz eigenen distanzierten Anmut zu betrachten. Unter dem Reiter schritt sie willig und mit einer ganz besonderen Grazie voran. Sie hatte Ausstrahlung. Sie war ein Hingucker. Familie Maier sollte das Pferd kaufen. Für die Tochter, hieß es. Mir war nicht wohl bei dieser Vorstellung. Die Tochter wäre unter Anleitung sicherlich in der Lage, den Umgang mit diesem stolzen Pferd zu erlernen. Aber die Mutter hatte dieses Gefühl nicht und würde es auch bei ernsthaftem Bemühen nie erlangen. Ich wollte es den Verkäufern ausreden. Ich selbst hatte das Geld nicht, besaß bereits ein Pferd und konnte mir kein weiteres leisten. Ich versuchte, ihnen klar zu machen, dass sie das Wesen dieses Pferdes nicht verstehen würden, dass sie reiterlich nicht so weit waren. Erfolglos. Das Pferd wurde gekauft.

Das Unglück begann mit der Wahl der Box. Auf dem Hof gab es nur wenige Paddockboxen. Dort sollte sie hin. In die Box ihres Vorgängers, der verstorben war. La Belle fühlte sich dort aber nicht wohl. Sie lief den ganzen Tag umher, unruhig, verängstigt, fand keine Ruhe. Sie wird sich daran gewöhnen, hieß es. Ich versuchte, Familie Maier zu vermitteln, dass es keine Sache der Gewöhnung war. Die Stute wird sich dort nie wohl fühlen. Niemand wollte verstehen, dass sie die Geräusche dort nicht ertragen konnte, dass sie nicht in der Lage war, die Geräusche zuzuordnen. Wenn man genau hinhörte, hörte man, dass der Wind hier anders pfiff, dass sich das Rauschen der Bäume anders anhörte. Das lag an der Lage der Boxen. Sie grenzten an eine Halle, deren Dach bei Wärme knackende Geräusche machte. Oberhalb war ein Dressurplatz angelegt, dahinter ging es den Berg hinauf zu weiteren Weiden. Aber da unten im Tal, zwischen den Gebäuden, entwickelten die verschiedenen Töne eine ganz eigene Dynamik. So tigerte die schöne La belle tagaus, tagein hin und her und niemand erbarmte sich ihrer. Die Tochter ritt sie ganz ordentlich, bemühte sich, die Anweisungen des Reitlehrers umzusetzen. Die Stute bemühte sich ihrerseits, das Mädchen zu verstehen. Sie war ihr freundlich gesinnt. Wenn die Mutter sie ritt, verzog La Belle ihr hübsches Gesicht. Sie bekam einen gespannten Augenausdruck. Die Äderchen im Gesicht zogen sich zusammen. Sie legte ihre Ohren an und wehrte sich gegen das plumpe Gewicht in ihrem Rücken. Sie wollte sich nicht auf Frau Maier einlassen. Sie wollte das Gezerre am Zügel nicht ertragen und konnte den unkoordinierten, aber harten Schenkeldruck nicht ertragen.

Mit den Wochen verschwand der Glanz aus La Belles Augen. Sie machte einen Buckel, fand in der Box keine Ruhe, ließ sich hinter ihren Besitzern herziehen, war nicht gewillt, ihnen freiwillig auch nur irgendwo hin zu folgen. Sie legte häufig die Ohren an, zeigte ihren Unmut. Mir tat der Anblick in der Seele weh. Es kam wie es kommen musste. La Belle verletzte sich. Es war der Abend, an dem ein Gewitter über die Gegend zog. La Belle konnte sich nicht beruhigen, rannte aufs Paddock und vom Paddock zurück in die Box. Niemand half ihr. Sie verrenkte sich die hintere Hüfte und hatte eine Sehnenzerrung. Sie lahmte, wurde geführt. Die Besitzer schimpften über die schöne La Belle, deren Schönheit nur noch der Name bekundete. Sie sei ja so blöd, erzählten mir Familie Maier. Ich sagte nur: Wenn es mein Pferd wäre, würde ich sie sofort in eine andere Box stellen. Sie wird sich da hinten nie wohl fühlen. Erst nach drei Jahren und weiteren Verletzungen stellten sie sie um.

La Belle mochte ihre neue Box. Sie schlief viel. Es war, als wolle sie sich erholen von der langen Qual. Leider verlor die Tochter die Freude an ihr. La Belle war unbequem geworden, störrisch und sie tat nur widerwillig, was von ihr verlangt wurde. Das lag daran, dass die Mutter viel ins Gelände ritt mit La Belle und La Belle infolge der unangenehmen Stunden immer unwilliger und widerspenstiger wurde, weil sie die harte Hand und das Plumpsen im Rücken nicht ertrug. Es kam der Tag, an dem La Belle in Beritt gegeben wurde. Leider war sie zu verdorben um je wieder fein zu werden. La Belle hatte die Freude an der Bewegung verloren. Nach einer Odysee von Bereitern, die unter Zeitdruck versuchten, das Bestmögliche herauszuholen, gaben die Besitzer auf und holten sie wieder nach Hause. La Belle wird nun vorwiegend von einer Bekannten der Maiers geritten. Das ist die angenehmste Variante für sie. Wie viele Jahre sie noch ihr Dasein als zerstörte Pferdeseele fristen muss, weiß niemand. La Belle wie sie einmal gewesen ist, ein Pferd, bei dessen Betrachtung man ein Leuchten in den Augen bekommt, existiert nicht mehr.  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.11.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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