Birgit Kleinfeld

Vor der eigenen Tür




"Auf einem überdimensionalen Flatscreen Fernseher läuft ein Werbespot für eine, dieser wirklich notwendigen. internationalen Hilfsorganisation. Eine attraktive Prominente ist dort zu sehen, umgeben von strahlend gesund aussehenden Kindern von einem anderen Kontinent. Am Tisch neben mir knallt schon der dritte Champagnerkorken, wird das Lachen der hübschen, aber überteuert geschminkten Frauen immer unerträglich aufdringlicher, passend zu den Anzüglichkeiten der ebenso alten wie extrem solventen Herren. Froh, das Lokal endlich verlassen zu können, strebe ich so schnell es meine Pumps zulassen dem Ausgang und der nur von Autolärm unterbrochenen Stille dort draußen in der Stadt entgegen.
„Oh entschuldigen Sie bitte!“ Ein junger Mann, aufgrund seiner Kleidung und auch seine Geruches unschwer als Obdachloser zu erkennen, stößt beim Versuch das Lokal zu betreten mit mir zusammen. Sein Lächeln ist freundlich aber einwenig, devot.
„Ach das macht …“ Weiter komme ich nicht, denn schon ist ein auf sehr dominante Weise devoter Kellner neben mir aufgetaucht, um den jungen Mann heraus zu komplimentieren. Oder auf gut Deutsch: ihn zu verjagen und sich bei mir für dessen unerhörtes Eindringen zu entschuldigen. Ich lasse ihn gewähren, ohne ihm noch ein Extratrinkgeld zu geben.
„Warte doch mal!“ rufe ich hinter dem Jungen her, mich schämend, ihn einfach so zu duzen, um mich im Stillen dann gleich vor mir selbst zu entschuldigen, dass er ja aber wirklich noch sehr jung ist.  Doch  er hört mich sowieso nicht mehr, ist verschwunden, verschluckt von der Anonymität der Großstadt.
So kurz die Begegnung auch gewesen ist, er hat mich berührt. Plötzlich muss ich an David denken: HIV positiv, schon von Virus und Krankheit gezeichnet, ein Exjunkie, mit vielen Versuchen clean zu bleiben, um neu anzufangen. Ein Paradebeispiel für den Satz „Versuchen heißt scheitern“.
Eine Zeit lang hatte ich ihn fast täglich auf meinem Weg zur Arbeit getroffen. Sein Stammplatz war der Übergang zwischen U- und S-Bahn an der Station Sternschanze in Hamburg. Ab und zu, aber nicht so oft, wie man Geldbeutel es zugelassen hätte, versorgte ich ihn mit Kaffee, Brötchen oder auch mal Obst, Saft und Joghurt, so wie  Fastfood vom großen D. Einmal fand ich ihn einem erbärmlichen Zustand vor: Er war fast weggetreten und dem Kollaps nahe. Ich rief per Handy den Notarztwagen - anonym - und verschwand, glücklich die Ausrede zu haben zu einer wichtigen Besprechung zu müssen. Manchmal schäme ich mich heute noch dafür.

zwei Monate später dann war er wieder da gewesen. Das Strahlen in seinen Augen, als er mich sah, seine herzliche, ehrlich gemeinte Frage, ob es mir denn auch wirklich gut gehe, hatte mir ein schlechtes Gewissen bereitet, das mir Übelkeit verursachte. Untergebracht war er inzwischen in einem speziellen Programm - einem Programm, zu dessen Regeln es gehörte, nicht mehr betteln zu dürfen.
„Aber du weißt ja, den Täter zieht es immer wieder zum Tatort zurück und sei es auch mit einem neuen Komplizen.“. Er hatte auf den kleinen Welpen, der selig in seinem Schoß schlief, gedeutet. „Das hier ist Goliath.“
„Goliath?“ Er hatte mein Lächeln erwidert, mir all seine faulen oder fehlenden Zähne in seinem Mund gezeigt.
„Ja. Und diesmal wird Goliath David überleben.“ Er hatte den kleinen Wollknäuel, dass sicher inzwischen ein großer ausgewachsener Schäferhund geworden ist, liebevoll an sich gedrückt.
Ich habe beide nie wieder gesehen.
Aber es gibt viele Davids, überall hier bei uns: an U Bahn Haltestellen am Hbf aber auch in stillen Ecken der so genannten „guten“ Wohnvierteln Menschen, die sich dieses bekannte Hundefutter teilen, das, das besonders zu Weihnachten im Fernsehen zusehen ist, serviert auf Tellern, liebevollst dekoriert. Menschen, die sich aus den Schweineeimern der Krankenhäuser ernähren, Menschen, die unsere manchmal allzu großmütig gegebenen Gaben, nicht mit der Dankbarkeit annehmen, die wir uns wünschen, weil wir sie nicht mit der Achtung behandeln, die sie brauchen. Weil wir Ihnen nicht in die Augen schauen.
Sehe ich solche Menschen wird mir immer wieder bedrückend klar, wie schnell es gehen kann, aus welchen Gründen auch immer, plötzlich vor dem Nichts zu stehen.
Ich merke, dass auch ich zu denen gehöre, von denen Albert Schweitzer einst sagte, sie wüssten zwar, dass sie unglücklich sind, aber nicht dass sie glücklich sind. Mir wird klar, dass es nicht nur allein in Afrika, Tibet oder sonst wo weit weg von mir und meinem täglichen -Leben Elend und Leid gibt. Dass nicht nur dort Verständnis, Hilfe und Unterstützung dringest gebraucht werden, sondern auch direkt hier. Hier vor der eigenen Tür.“
Mit einer Bewegung, von der sie hoffe sie sei nachdrücklich aber nicht melodramatisch, schloss Laura ihre Lesung und ihr Buch, blickte von ihrer kleinen Bühne hinunter in den edel geschmückten Saal. Es brach weder tosender Applaus aus, noch herrschte betroffene Stille. Nein, hier und da wurde geklatscht. Da und dort geschwiegen. Fast überall jedoch wurde nach dem Kellner gerufen, wurden Leckereien bestellt. Ganz in ihrer Nähe leerte ein Mann den Inhalt der Designertasche seiner Begleiterin auf dem Tisch aus, schnappte sich dann Champagnerglas, und kam mit beiden auf Laura zu.
„Bitte schön, ich denke den haben Sie sich verdient!“ sein Lächeln musste auch den letzten Zweifler überzeugen dass sein Zahnarzt fantastisch, seine Zahnpflege vorbildlich und damit nicht nur ihre Gesundheit einwandfrei war.
Er griff zu dem Mikrofon vor Laura, und räusperte sich dramatisch: „Meine Freunde, und die, dies noch werden wollen oder auch nicht …“
Seine Kunstpause wurde mit dem erwarteten Lachen belohnt. "Meine Freunde, auch wir sollten heute nach dieser charmanten Lesung“ Verbeugung zu Laura- „daran denken, dass es weniger glückliche Menschen gibt als uns! Darum bitte ich Sie alle um eine kleine Spende um ein Projekt zu unterstützen, das meine wunderschöne Freundin, für Mädchen in Afrika ins Leben gerufen hat  …."
Mit diesen Worten schritt er durch den Raum, hielt er den Gästen die geöffnete Designertasche hin,  die  sich langsam mit großen und kleinen Scheinen- aber  auch Münzen füllte.
Laura jedoch flüchtete vom Ort des Geschehens. Sie hatte das Gefühl sonst kotzen zu müssen.
(c)BirgitK0305/2008

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.11.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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