Thomas Kleinrensing

Wenn der 11te kurz vor Zwölf ist

In diesem Jahr leiste ich mir ein neues Nervenkostüm. Das vom letzten Jahr ist runter, mit dem komm ich nicht mehr durch die fünfte Jahreszeit. Der 11te vom Elften hat genau um 11:11 Uhr in Köln, Mainz, Düsseldorf und Jeckental an der Gaudel bei Schunkel, den erstbesten Berliner angebissen. Ich nicht. Seit Jahrenden suche ich und bis heute find ich nichts daran. Nicht nur weil ich ein Menschenfreund bin.

Von Cape Karneval aus zündet der Deutsche jedes Jahr ganz spontan eine Rakete mit dem Sprengsatz der abendländischen Alaaf und Helau Kultur gegen die Stellungen der Spaßversager. Was auf dem Oktoberfest betrunken wird, muss als unterster Mindestmaßstab für die nächsten Monate herhalten. Noch ein kurzer Blick in den Alkoholspiegel und hoch die Becher. Die Asbachleichen aus Stonsdorf geben ab jetzt inbrünstig bei jeder Gelegenheit einen Cocktail von Hochprozentigem aus der Operette „Der Schnapshändler“ von Karl Zecher zum Besten. Da werden die Kreuzberger Nächte länger als in Kreuzberg selbst. Warum sich was in die Flasche lügen, Schnaps ist Schnaps, Dienstbier ist Dienstbier und Prozent ist Prozent, auch ohne DAX. Blaue Eminenzen schwanken zwischen dem Anbaugebiet Süßliche Weinstraße und Prosecco-Leasing im Angesicht corsagierter Jungstuten. Da wird der alternde Alkoholgaul zum Hengst. Trotz Kalk in den Adern geht’s mit Prostata, Tschingderassabum-Tätärä und Sodbrand zur nächsten Attaché.

Die Nahrungsaufnahme in flüssiger Form macht den Narren in der kalendarisch vorgegebenen Spontanitätzone gnadenlos frei und lässt ihn aus dem blau heiteren Himmel plumpsen. Vom Schwindel bis zum Umsturz trennt den geistvoll engagierten Menschen dann nur noch ein Schankbrett. So mancher Beverly Pils Kopp muss in dieser Zeit vom Notarzt nach einer angehauchten 3,9 Promille Alkoholvergiftung früh morgens am Straßenrand reanimiert werden. Bei Prunktränkungen geht der Geist dem Deutschnarr über alles. Der heilige Mirabellengeist, der Geist des Weines und der Erleuchtung bringende Klosterbräu kommen über ihn, während der flache Kalauer im Minutentakt unterhalb der Gürtellinie die Bühnenkante verlässt. Den vorgeneigten Vergeistigten trifft er zielsicher mitten ins knatternde Hirn. Der Abendländler kann so ausgelassen feiern wie Schmalz und sich ganz nebenbei geistvolles durch den Kopf gehen lassen.

Schenkelklopfende Scheichs, Cowboys und Seeräuber und als Lachtränensäcke verkleidete Depressive, neben Biene Mojito und gepushtem Topfmodell. Beim gemischten Disko-Merengue-Sekt-Doppel, bleibt kein Stein mehr trocken und kein Auge auf dem anderen. Die Begattungsunternehmen haben alle Hände voll zu tun. Kussfreiheit in aller Munde, Wahl des besten Kostüms der Hedonisten und Jecken in Jacken. "Chantré Madam",  säuselt zu Beginn der kleine Feigling. Später ramazzottelt Hennessy Williams mit Suze Enzian - Bitter, Sexämtertropfen triefend, in der Besenkammer. Bestes Kostüm in diesem Jahr wie zu erwarten einstimmig gewählt, das Kondom mit Paillettenbesatz.

Wenn dann der Name der Rose Montag ist, die Karawane der Betankten in die Straßen einzieht und das närrische Beben einen Tuschnami auslöst, wird selbst der letzte Biodynamiker schon frühmorgens voll Korn sein. An diesem Tag beginnt der germanische Epikureer zu trinken, als würde er Blasen frei tanken. Hunderttausende fallen auf diesen Trick herein und bejubeln in spiritueller Verblendung Umzüge ohne Möbelschleppen. Lassen sich von Kamelle und Marschmusik bewerfen und feiern feste bis sie fallen. Alternativ nachhaltige Jägermeister pilgern morgens um vier nach Basel zum Morgenstraich weil da eine halbe Million Menschen irgendwie so echt authentisch und ursprünglich drauf sind. Das ist der Transit der beschwingten ökologischen Beweglichkeit.

Ich bin dagegen gefeit. Ich werde auch am Volkstrauertag nicht trauriger als sonst. Auch der Buß- und Bettag ist nicht durch bestrafendes Ausschlafen bis es wehtut geprägt. Nur am Totensonntag meide ich nach Einbruch der Dunkelheit die überwiegend von Evangelisten bewohnten Gebiete, seit dem ich Mikel Jacksons Videoclip Thriller gesehen habe.

Wenn hunderttausende an der Nordseeküste irgendwelche Nippel durch die Laschen ziehen, Spruchbänder mit „Becks alkoholfrei – raus aus Deutschland“ über den Köpfen wehen, zieht mich auch der Karneval in Rio oder der an der Copacabana der Elbe nicht an. Auch wenn man nur ein- bis zweimal in seinem Leben lebt, brauche ich nicht die spartanischen Verse aus halbierten Holzfässern und das abgefüllte Lallen zwischen Schnapsatmung. Auch wenn die Müllabfuhr nach dem Aschermittwoch den Restalkohol und die Kater von den Straßen holt, wird die Zeit aber nicht unbedingt besser.

Die Funkenmariechen ziehen lange dicke Hosen an und kurieren ihre Nierenbeckenentzündungen aus. Vaterschaftsklagen werden wegen alkoholischer Teilamnesie abgewiesen. Aber die Frohnatur steht bei uns unter Naturschutz, ganzjährig. Bei Schweinskoteletts an Betriebsnudeln wird das Reißfest, Kochfest, Rutschfest und Gleitfest und sogar das Kranksein gefeiert. Selbst bei schweren Unfällen sind die Schaulustigen sofort zur Stelle. Wir sind Anlaßvirtuosen und Bumsfallerasten, ob mit oder mit ohne Promille.

Der Tom
12.11.2013
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.11.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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