Patrick Rabe

Jahresendzeit, Version I (Kladde)

Hallo, liebe Leser! Ich möchte euch hier einmal einen Einblick in meinen Schreibprozess gewähren und veröffentliche somit die erste, noch in Kladde befindliche Version von 'Jahresendzeit'. Sie entstand während einer Schreibwerkstatt zum Thema "geflügelte Jahresendzeitfiguren". Die Zeit, die Geschichte zu entwickeln und aufzuschreiben, war auf eine Stunde begrenzt. Mir fiel sofort die "Endzeit" in dem vorgegebenen Wort auf, und so beschloss ich, dieser Spur zu folgen. Die Idee, dass die Geschichte tatsächlich in einer Art zukünftiger Endzeit spielt, verwarf ich in der späteren Version. Sie erschien mir nachträglich zu albern, und kam der Lesart, Mick hätte den Mord zurecht begangen, bedenklich nahe. Natürlich wollte ich von Anfang an, dass beide Möglichkeiten, also Psychose oder tatsächliche Endzeit, nebeneinander stehen und auch miteinander konkurrieren sollten. Den Figuren in dieser ersten Version fehlt noch jegliche psychologische Feinzeichnung und der Text wimmelt von sprachlichen Klischees und Lächerlichkeiten. In der hier vorliegenden Form hätte ich selber die Geschichte nachträglich als groben Stuss eingestuft. Es bedurfte einer gründlichen Überarbeitung, um sie 'amtlich' zu machen. Diese amtliche Version findet ihr ebenfalls auf e-stories. Ich wollte einfach mal öffentlich machen, wie ich arbeite! :) Liebe Grüße an alle meine Leser!

Als Mick am Morgen des heiligen Abends das Haus verließ, um Brötchen für sich und Anne zu holen, hatte der Himmel einen rußroten Schein. Er war es gewöhnt, dass die Lage im Staat gespannt war. Immer wieder hatte es massive Proteste gegen die Politik der Bundeskanzlerin gegeben, die zuletzt blutig niedergeschlagen worden waren. Die Kanzlerin wollte das Heft auf keinen Fall aus der Hand geben, und die erneute höhere Besteuerung von Trinkwasser war für viele Bürger unzumutbar gewesen. Jetzt musste die Regierung mit harten Bandagen vorgehen.
 
Aber heute war es anders. Keine vorbeimarschierenden Truppen, die die Stärke des Staates demonstrieren sollten, keine rollenden Panzer, die drohend die Straße versperrten, keine Demonstranten. Es war ruhig. Tödlich ruhig. Und dieser rußrote Himmel wirkte unheimlich, wie ein Feuerofen. Mick knöpfte seinen Wintermantel zu und machte ein paar unentschlossene Schritte Richtung Bäcker. Er spürte seinen Mund trocken werden. Die letzten Tage waren so turbulent gewesen, dass er diese Ruhe für eine Finte, eine Falle halten musste. Die Straße war leer, und er fasste sich ein Herz, schüttelte den Kopf und ging los.
 
Als Kind hatte er Träume gehabt. Immer wieder hatte er vor einem goldenen Thron gestanden, und eine Stimme hatte zu ihm gesagt: „Dir ist Großes verheißen. Es wird der Tag kommen, da wirst du etwas Wichtiges sagen und tun. Verschwende keinen Gedanken an Zeit und Ort. Du wirst wissen, wenn es so weit ist. Und dann tu einfach deinen Mund auf. Ich werde sprechen.“
 
Mick hatte lange nicht mehr an diese Träume gedacht, aber jetzt, an diesem unwirklichen Morgen, streifte ihn die Erinnerung daran unwillkürlich. Er war Experte für das Neue Testament, sein Fachgebiet war die Apokalypse des Johannes. Er glaubte nicht an die Endzeit. Er glaubte nicht mal an Gott. Aber er war wie besessen von diesem Thema. Und heute, dachte er, heute wäre so ein Tag, wie für das Gericht geschaffen. Er lachte, als er dies dachte. So ein Unsinn. Immer wieder war das Ende prophezeit worden, nie war es eingetreten. Mick gab nichts auf Endzeitpropheten.
 
Er langte beim Bäcker an, ging hinein und kaufte zwei Heißwecken. An der Ladentheke waren elektrische Kerzen angebracht und Weihnachtsmänner und Engel. Mick grinste. In der DDR hatte man Engel ‚geflügelte Jahresendzeitfiguren‘ genannt. Ja,ja, die Endzeit…
 
Mick verließ den Laden und schlenderte zu seiner Wohnung zurück. Unterwegs lief er fast Dariusz in die Arme, seinem Freund und Unikollegen. Dariusz war der andere Endzeitexperte an der Fakultät für evangelische Theologie. Er war ein sehr kultivierter Mensch, stets gut gekleidet und hatte zwar wie Mick auch nur eine kleine Wohnung, aber er gab ihr den Anstrich der Noblesse. Micks Wohnung war eher unordentlich und schlicht eingerichtet. Schon oft hatte Dariusz seinen unordentlichen Couchtisch moniert. „Frohe Weihnachten, Herr Kollege!“, rief der schwarzbemäntelte Dariusz jetzt. „Willst du noch ein Bisschen zu mir raufkommen und ne Tasse Tee trinken?“ „Naja“, entgegnete Mick, „Ich wollte eigentlich jetzt mit Anne frühstücken.“ „Deine Frau ist doch Langschläferin!“, lachte Dariusz und knuffte Mick in die Seite. Mick zögerte kurz, dann seufzte er und willigte ein.
 
Dariusz wohnte in einem Mehrfamilienhaus ganz unterm Dach in einer Erkerwohnung. Sie war klein, umfasste zwei Zimmer und enthielt alle möglichen Utensilien, die an die Johannesoffenbarung erinnerten. An der Wand hingen die sieben Planetensiegel und ein großes, angeblich mittelalterliches Schwert.
 
Als Mick den Raum betrat, war ihm kurz, als verschwimme sein Blick. Er sah eine Frau, deren Kopf von einem unerklärlichen Glanz umgeben war. Er wischte sich über die Augen und… die Frau war immer noch da. Aber es war keine mystische Gestalt, es war Elena Porta, eine Freundin von Dariusz, die an der medizinischen Fakultät lehrte, und der Glanz um ihren Kopf… das war die aufgehende Sonne gewesen, die durchs Fenster hereinschien. „Ach, hallo Elena“, sagte Michael zerstreut, „Ich habe dich gar nicht erkannt. Wie weit ist deine Schwangerschaft gediehen?“ „Ich bin im achten Monat.“, sagte Elena freundlich und strich sich über den Bauch. „Ich wusste gar nicht, dass du und Dariusz…“ „Aber nein…“, lachte Elena, „Zwischen uns ist nichts. Wir haben gestern nur Dariusz‘ neueste Errungenschaft gefeiert und da ist es spät geworden. So habe ich hier übernachtet.“
 
Mick runzelte die Stirn. Er kannte ja Dariusz Ruf eines Weiberhelden. Elena hatte er selber auf der Wunschliste gehabt, aber es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, Anne zu betrügen.
 
„Dann zeig doch mal, Dariusz!“, sagte er und schob die unwillkommene Eifersucht energisch beiseite. Dariusz lächelte verheißungsvoll und öffnete einen Schrank. Mit übertrieben geheimnistuerischer Geste holte er ein Gemälde hervor. Mick kannte das Motiv. Die Frau mit der Sonne bekleidet und der Drache, der ihr Kind fressen will. „Das ist von einem spätmittelalterlichen Meister…“, sagte Dariusz. „Sogar das Blattgold ist noch erhalten.“ Wieder verschwamm es vor Micks Augen. Er rieb sie sich. Sollte er mal zum Augenarzt? Nein; etwas drängte sich vor seine Augäpfel. Ein Bild. Ein goldener Thron, von dem ein gleißendes Licht ausging. Er, Mick, kniete vor diesem Thron. Und eine Stimme ertönte aus dem Licht, die sagte: „Es ist jetzt soweit!“. Im selben Moment fiel der Schleier vor Micks Augen. Er sah klar. So klar wie noch nie in seinem Leben. Die schwangere Frau mit der Sonne bekleidet… Der Drache, der ihr Kind fressen will…
 
Seelenruhig durchmaß Mick das Zimmer und nahm das Schwert von der Wand. Langsam ging er herüber zu Dariusz und Elena, die mit dem Rücken zu ihm am Fenster standen. Mick stand jetzt direkt hinter Dariusz. Er fasste ihn an der Schulter. Lächelnd drehte sich Dariusz um. Doch sein Lächeln gefror, als er in die Augen seines Freundes sah.
 
Mick öffnete seinen Mund. Und seine Stimme sprach von selbst: „Dein Spiel ist aus, Luzifer! Ich bin der Erzengel Michael und du kannst ihr nichts mehr anhaben!“ Damit stieß er Dariusz das Schwert bis zum Heft ins Herz. Dariusz öffnete stumm den Mund, dann kippte er hintenüber aus dem geöffneten Fenster und schlug hart auf der Straße auf. Elena schrie. Mick lächelte selig. Er wusste, dass er das richtige getan hatte.
 
Die Zeitung, die nach Weihnachten erschien, zierte folgende Schlagzeile: Eifersuchtsdrama im Universitätsmillieu. Mick lächelte selig, als er sie in der Psychiatrie zu Gesicht bekam. Elena hatte der Zeitung das Interview gegebeen. Es war besser für sie, wenn sie nicht die ganze Tragweite des Geschehenes verstand. Mick lächelte selig. Das Ende der Zeit hatte begonnen…
Patrick Rabe, Do, 7. 11. 2013, Hamburg

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.11.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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