Irene Beddies

Unruhe im Einkaufszenrum




Da standen sie, zwei weiße Styroporkinder im Schaufenster eines Spielwarengeschäftes.
Offenbar waren sie aus der gegenüberliegenden Boutique ausgeliehen worden. Es handelte sich um ein Mädchen mit einer gelben Zopfperücke und einen Jungen mit einem dunklen Wuschelkopf. Angezogen hatte man sie mit konventioneller Sportkleidung. Das Besondere an ihnen war, dass sie je einen kurzen roten Umhang trugen und ihnen eine Weihnachtszipfelmütze auf den Kopf gesetzt worden war.
Sie sahen gelangweilt aus, guckten mit leerem Blick aus dem Schaufenster, schauten dich aber nicht an.
Neben ihnen war Spielzeug aufgehäuft: zwei große Teddybären, ein Adventskalenderhäuschen mit Schubladen, ein Schlitten, ein Netz mit neonfarbenen Bällen. Am Boden vor ihren Füßen drehte eine elektrische Eisenbahn ihre immer gleichen Kreise.
Ab und zu blieb eine Mutter - hergezerrt - mit ihren Kindern vor dem Fenster stehen.Wenn die Kinder die Auslage betrachtet hatten, drehten sie enttäuscht um, weil sie kein computergesteuertes Fahrzeug, keine mit Lämpchen blinkende Puppenstube sahen.

"Arme Gestalten", seufzte eine Großmutter, als sie das Fenster passierte. Doch dann blieb sie stehen und sah den beiden Schaufensterpuppen direkt in ihre leeren Augen. Sie murmelte etwas und deutete unmerklich auf ihre Armbanduhr. Beim Weggehen grinste sie ein klein wenig. Niemand hatte im Gewühl des Einkaufszentrums auf sie geachtet.

Um Mitternacht wurde es im Spielzeugladen lebendig. Das Mädchen und der Junge streckten ihre Glieder, gähnten herzhaft und wagten den ersten Schritt ihres Daseins. Vorsichtig stiegen sie aus dem ebenerdigen Schaufenster in den Verkaufsraum. Sie kicherten leise. Durch die gläserne Eingangstür spähten sie nach draußen. Es herrschte gedämpftes Licht in der sonst so belebten Halle. Kein Mensch war zu sehen, alles schien still. - Nein, ein brummendes Geräusch kam näher. Ein Mann saß auf einer Maschine, die den Boden vor den Läden säuberte. Er achtete auf nichts, zog die vorgeschriebene Bahn. Die Kehrmaschine hinterließ eine feuchte Spur. Dann war alles ruhig.

Die beiden Schaufensterpuppen versuchten die Tür zu öffnen, indem sie sich dagegen lehnten. Die Tür gab nicht nach. Da entdeckte der Junge das Schloss. Er legte seinen Zeigefinger darauf. Tatsächlich sprang die Tür auf, die Beiden konnten den Laden verlassen.
Zuerst rannten und sprangen sie ausgelassen umher. Als sie ein wenig müde wurden, verlegten sie sich darauf, in die Fenster anderer Läden zu gucken, um heraus zu bekommen, was es dort gab. An Klamotten waren sie nicht interessiert, die kannten sie zur Genüge. Aber da war ein Fleischerfachgeschäft. Mit den Dingen, die sie dort entdeckten, wussten sie nichts anzufangen, die kamen ihnen unheimlich vor.
Lustig wurde es, in ein Brillengeschäft zu blicken. Sie ahnten, dass die ausgestellten Brillengestelle etwas mit Augen zu tun haben mussten. Auf dieselbe geheimnisvolle Weise öffnete der Junge mit dem Zeigefinger die Tür. Und nun begannen sie, die Gestelle aufzusetzen. Als sie dann den Spiegel entdeckten, gab es kein Halten mehr. Alle farbigen Brillen wurden auf ihren weißen Stupsnasen ausprobiert.
Plötzlich ertönte ein geheimnisvoller Ton, ihre Stunde der Freiheit war nahezu um. Sie beeilten sich, in ihr Schaufenster zu gelangen, wo sie erstarrten.

Am Morgen war die Aufregung groß. Polizisten untersuchten den Optikerladen, suchten in der Halle nach Spuren eines Einbruchs, entdeckten aber nur, dass an manchen Stellen, an denen die Kehrmaschine hätte kaum merkliche Streifen hinterlassen müssen, diese zerstört waren. Auch waren die Verriegelungen aller Außentüren verschlossen gewesen und die Ladengeschäfte vorschriftsmäßig gesichert. Nur beim Optiker herrschte ein unbeschreibliches Durcheinander, es fehlte jedoch nichts.
Am folgenden Morgen waren im Supermarkt bemerkenswerte Veränderungen in der Koffer- und Taschenecke bemerkt worden. Wieder war die Polizei mit Ermittlungen beschäftigt, die zu nichts führten. Es fehlte nichts, es gab keinerlei Anhaltspunkte, wie jemand in den gut gesicherten Markt hätte eindringen können.
So ging es eine Zeitlang weiter. Jeden Arbeitstag war in einem Geschäft etwas in Unordnung, verkehrt sortiert, auf dem Boden verstreut, ohne dass je ein Verlust auch nur eines Gegenstandes gemeldet werden konnte.
Als jedoch im Juwelierladen die Ringe, Broschen und Ketten lose auf den Tischen lagen oder zur Erde gerollt waren und der Inhaber behauptete, zwei äußerst kostbare Diamantringe wären verschwunden, wurde die Angelegenheit sehr ernst genommen.
Bei der Polizei entschloss man sich, Detektive nachts im Zentrum einzuschließen und Wärmebildkameras zu benutzen.
Bis Mitternacht passierte nichts. Dann meinte einer der Detektive, zwei kleine Gestalten zu entdecken, bekam aber einen gewaltigen Schreck, als er ihre schneeweiße Haut flüchtig sah. Er verständigte seinen Kollegen per Handy. Der begegnete ebenfalls den weißhäutigen Gestalten in ihren Weihnachtsmannmützen und dachte an Gespenster, zumal die Wärmebildkamera nichts anzeigte.
Der eine wie der andere zog sich an eine Eingangstür zurück, um die unheimlichen Gestalten dort am sichersten zu stellen. Sie warteten vergebens und schliefen gegen Morgen ein.
Die Angelegenheit wurde immer misteriöser.

Eines Nachmittags erschien eine uralte Rentnerin im Polizeirevier und fing umständlich zu reden an. Die Beamten wurden aus ihren Worten nicht schlau, wollten sie aber nicht kurz abblitzen lassen. Sie spendierten ihr - auch weil sie gerade nicht viel zu tun hatten - eine Tasse Kaffee. Daraufhin wurde die Alte etwas genauer in ihren Worten und sprach den erstaunlichen Satz:
"Die beiden Puppenkinder taten mir so leid, ich wollte ihnen eine kleine Freude bereiten..."


(c) I. Beddies




















































 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.11.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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