Martina Wiemers

Aufregung im Märchenland



Im eisblauen Palast der Schneekönigin ist es mucksmäuschenstill. Alle, außer dem Christkind und Frau Holle, sind der Einladung des Weihnachtsmannes gefolgt. Jeder möchte wissen, was er zu sagen hat.
„Undankbar, gleichgültig und herzlos sind die Menschen“ poltert er los. „Hab keine Lust mehr auf Trallala, Brimborium, Tingeltangel und Heuchelei unterm Weihnachtsbaum. Muss mir das nicht mehr antun. Weihnachten fällt dieses Jahr aus“, schimpft er weiter.
„Was ist denn passiert“ fragt Die kleine Meerjungfrau aufgeregt.

„Stellt euch vor, beginnt der Weihnachtsmann „gestern in Mannheim schrie der siebenjährige Jan-Lucas: “na endlich “riss mir den Sack mit den Geschenken aus der Hand und schlug mit Schwung die Tür zu. Nachmittags in Leipzig, stach mich Lisa Marie wütend mit einer  Stricknadel ins Bein, warf die schöne Puppe in die Ecke und  stampfte mit den Füßen.
Abends in Berlin am Glühweinstand auf dem Weihnachtsmarkt,  rissen mir Ben, Thomas und Renate aus lauter Übermut und Schabernack die Bommel von meiner roten Mütze. Lachten über den unmodernen Mantel und über meinen langen Bart. Ich war so wütend, dass ich am liebsten die Rute benutzt hätte.

„Das ist ja furchtbar“, ruft das Aschenputtel und ihre Tauben gurren nickend dazu. Rübezahl und die sieben Zwerge diskutieren laut durcheinander, Dornröschen und Schneewittchen fangen an zu weinen und der Räuber Hotzenplotz reißt sich vor Aufregung die Knöpfe von der Jacke.
„Ruhe, alle mal herhören“ ruft die Schneekönigin und klopft mit dem Löffel an ihre goldene Tasse.„Wer ist dafür, das Weihnachten in diesem Jahr ausfällt?“ Zögernd heben Schneeweißchen und Rosenrot, die Hand. „Zweimal Ja“ notiert die Königin, schaut streng in die Runde und fragt: “was wollen die Anderen?“. Stille, niemand wagt zu atmen.
Da meldet sich der Teufel mit den drei goldenen Haaren und sagt:„meine Schwester, die Hexe Babajaga und ich, möchten die Menschen zur Strafe kräftig ärgern und foppen. Verkleidet als Weihnachtsmann und Christkind  füllen wir die Weihnachtspakete mit Kohlen und Stroh, reißen von den Autos die Scheibenwischer ab, locken sie mit dem Handy in die Kälte, beißen heimlich in die Weihnachtsgänse, zünden das Lametta am Baum an, bestrafen die Boshaften mit Teufelsspuk und lassen die Dummen in der Hölle schmoren.
 
„Oh neiiiiiiiinnnnnn“ rufen die Heinzelmännchen erschrocken. Was der Weihnachtsmann erlebt hat ist schlimm. Doch das sind nur Einzelfälle. Wir kennen die Menschen besser. Sie sind freundlich, fleißig, aufopfernd  und voller Mitgefühl für Arme und Kranke. Sie spenden Geld, obwohl sie oft wenig besitzen. Manche Kinder verschicken eigenes  Spielzeug in Schuhkartons  in ärmere Länder. Viele basteln mit Oma und Opa, backen für Mutti Plätzchen und lernen freiwillig Weihnachtsgedichte. Die Erwachsenen zünden Kerzen an, gehen in die Kirche, singen festliche Lieder, küssen sich untern Weihnachtsbaum und feiern fröhlich in gemütlicher Runde. Jedes Jahr danken sie dem Weihnachtsmann, dem Christkind und auch dem lieben Gott, für das herrliche Fest im Kreise der Lieben.
 
„Wenn das so ist“, räuspert sich der Weihnachtsmann und wischt sich mit dem Taschentuch verstohlen eine Träne aus den Augen. Bin ja nicht nachtragend. Werde jetzt sofort die Briefe der Kinder beantworten. Alle anderen  verladen die Pakete auf den Schlitten und helfen dem Christkind beim Anziehen.
 „Dürfen die Hexe und ich auch mit machen ?“ fragt der Teufel den Weihnachtsmann. Der zögert einen Augenblick, winkt die beiden 
heran und flüstert ganz leise:„Ihr blast den Boshaften und Undankbaren die Kerzen am Weihnachtsbaum aus  und bespuckt ihr Holz damit es schlecht brennt. In der heiligen Nacht verdunkelt  ihr den Mond und stöpselt statt Weihnachtslieder Wolfsgeheul in ihre Ohren“.
„Aye aye sir“, ruft laut der Teufel, schlägt die Hacken zusammen, salutiert und sagt beim Gehen kichernd zur Hexe:„wirklich cool der alte Zausel weil er selbst mit dem Teufel seine Späßchen treibt.“
 
Das Christkind sitzt wartend  in der Küche bei Frau Holle. Im Radio läuft die neue Weihnachts- CD der Bremer Stadtmusikanten. „Oh, Tannenbaum, oh, Tannenbaum wie grün sind deine Blätter“ singt das Christkind leise mit. Dann fragt es Frau  Holle: „Ob Weihnachten in diesem Jahr ausfällt?“ Die  schaut  auf die Sanduhr, in der die Zeit vor sich hinrieselt und seufzt traurig: "sicher, wenn nicht doch noch ein Wunder geschieht."
 
Da klopft es laut an der Tür und Rumpelstilzchen ruft aufgeregt:„ihr sollt den Mantel des Weihnachtsmannes bürsten, ihm ein Bad einlassen, die Betten aufschütteln und Rudi das Rentier füttern.Gleich nach dem Rasieren will er los, um noch rechtzeitig auf der Erde die Weihnachtsgeschenke zu verteilen. Wir alle helfen mit und selbst der Teufel ist diesmal mit von der Partie.
Das Christkind und Frau Holle klatschen in die Hände und beginnen sofort mit den Festvorbereitungen.
Sie verwandeln  alle Regentropfen in glitzernde Schneeflocken, putzen die Sterne blitzblank und schmücken die grauen Wolken mit Silberfäden. Das Christkind zieht ihr schönstes Kleid an und hilft Frau Holle beim Betten aufschütteln.
Auf der Erde läuten die Kirchenglocken. Kinder und Erwachsene schauen  in den Himmel, freuen sich über den Schnee, trinken auf dem Weihnachtsmarkt Punsch und zünden zu Hause die 1. Kerze auf dem Adventskranz an.
 

                        © Martina Wiemers
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.12.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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