Ernst Dr. Woll

Fröhliche Weihnacht, wie billig ist die zu haben? I

Der Aphorismus: „Das Leben ist schön aber teuer, man kann es auch billiger haben, dann ist es nicht mehr so schön“, stammt von einem Unbekannten. Als ich ihn als etwa 10jähriger in der ersten Hälfte der 1940er Jahre von meiner Großmutter erstmals hörte, wusste ich wenig damit anzufangen, mir fehlte das Verständnis dafür, was unter einem schönen Leben, das teuer sein sollte, zu verstehen sei. Es war in der Vorweihnachtszeit und sie wollte mir, das weiß ich heute, erklären, was sich unsere Familie bei der Erfüllung der Weihnachtswünsche leisten kann oder nicht. Später dann und bis in die Gegenwart definiere ich mit diesem Spruch sehr gern die Ungereimtheiten, die es im Leben in allen Gesellschaften gibt und welche unterschiedlichen Auffassungen die Menschen von einem schönen Leben haben; das ist abhängig vom Alter, den Vergleichsmöglichkeiten, den Ansprüchen, den Interessen, den Befähigungen, dem Bildungsniveau, den Wünschen, der Zufriedenheit und einigen anderem mehr. Nach dieser langen Einleitung, diese Gedanken wollte ich gern „an den Mann bringen“, sollen eigene Erlebnisse und mir in Erinnerung gebliebene Erzählungen meiner Grosseltern zu einem schönen, fröhlichen Weihnachtsfest dargestellt werden. Die Leser sollen selbst über die Frage nachdenken: „Wie billig ist das zu machen und bleibt es dann trotzdem ebenso fröhlich und schön?“
Meine Großmutter erzählte mir vor mehr als 70 Jahren viele Geschichten über arme Leute, die es besonders auf dem Lande gab. Ein Besenbinder aus meinem Heimatort verdiente damals gerade mal so viel, dass er und seine Frau satt wurden. Oft sagten sie: „Gut dass wir keine Kinder haben, wir wüssten gar nicht, wie wir ihnen Weihnachten eine Freude machen könnten.“ Selbst lebten sie bescheiden und als das Weihnachtsfest herankam fragte die Frau: „Willst du eine neue Hose, oder soll ich Stollen backen?“ Er antwortete: „Ach, back gute Stollen, wenn ja der Herr Pastor kommen sollte, setze ich mich hinter den Ofen und binde weiter Besen. Er achtet arbeitsame Menschen und beurteilt sie bestimmt nicht danach wie sie angezogen sind.“ Der Pfarrer kam am ersten Weihnachtsfeiertag und brachte einen Stollen mit, den der Gutsherr im Pfarramt für arme Leute abgegeben hatte. Leider war der eigene Stollen nicht mehr in eine Hose umzutauschen, aber das Besenbinderehepaar konnte lange Zeit jeden Tag ein Stück Stollen essen, das machte sie zufrieden.
In der Familie eines Steinbrucharbeiters lebten Mitte der 1930er  Jahre Vater, Mutter, Großmutter und vier Kinder zwischen 2 und 10 Jahre alt. Ihre Wohnung in unserem Bauernhaus bestand aus 2 Zimmern mit ungefähr 20 qm Wohnfläche. Sie bezahlten monatlich nur 2 Mark Miete, mehr konnten sie sich nicht leisten. Als meine Großmutter den 10jährigen fragte: „Was wünschst du dir vom Wehnachtsmann?“ Antwortete er: „Der soll mir helfen, dass ich nicht mehr täglich das viele Wasser vom Brunnen aus den  Garten in unser Wohnküche schleppen muss. Er könnte auch dafür sorgen, dass ich vom Vater keine Hiebe mehr mit dem Lederriemen bekomme, wenn ich meine Arbeiten im Haushalt nicht schaffe. Aber Weihnachten mal eine große Portion Gänsebraten essen zu können, das würde ich mir schon auch wünschen. Vielleicht wird das dieses Jahr sogar wahr.“
Dazu erinnere ich mich an eine ungewöhnliche Geschichte. Der Vater der armen Familie bat meinen Großvater um ein kleines Stück Garten, weil er im Frühsommer zwei Gössel von einem Bauern geschenkt bekommen hatte. Die wollte er aufziehen und mästen, um Weihnachten auch mal einen reichlichen Gänsebraten zu haben. In unserem Hausgarten wurde eine etwa 4 qm große Fläche abgezäunt, dort kamen eine große Schüssel mit Wasser, ein Futtertrog und die kleinen Gänschen hinein. Unserer Gänseschar passte diese Absperrung der Artgenossen gar nicht, sie schnatterten immer ganz aufgeregt, wenn sie in der Nähe vorbei kamen. Vielleicht waren sie aber besonders neidisch auf das einigermaßen saubere Wasser in der Schüssel und das gute Fressen, das die beiden Eingesperrten erhielten? Die 4 Kinder sorgten immer ganz rührend für ihre Tierhaltung.
In diesem Jahr setzte schon Ende November ein strenger Winter ein. Für die 2 Gänse, die sich gut entwickelt hatten, wurde als Unterkunft eine Hundehütte beschafft, in der sie die Kälte gut überstanden. Nicht überlebten sie am 3. Advent die Attacke eines Fuchses; übrig von ihnen blieb nur ein Haufen Federn in der Hundehütte. Niemand kann sich die Enttäuschung der armen Familie, besonders der Kinder, vorstellen. Der Ältere soll wohl zu meiner Großmutter gesagt haben: „Ich könnte alle Füchse vergiften.“  Sie war eine fromme Frau und wollte auch nicht, dass sich bei den Kindern ein Tierhass entwickelt. Sie überredete meinen Großvater, der Familie eine Gans zu schenken.
Der ältere Junge ging mit mir in die gleiche Schulklasse und als wir vom Lehrer gefragt wurden, welches  Weihnachtsgeschenk uns am Besten gefallen hat, höre ich ihn noch sagen: „Ich konnte Weihnachten eine riesig große Gänsekeule ganz allein verspeisen!“ Meine Großmutter hatte nämlich zur Bedingung gemacht, dass von der Gans, die die Familie bekam, die Kinder mal eine große „Essensfreude“ haben sollten.
Viele Erlebnisse von den Kriegs- und Nachkriegsweihnachtsfesten sind mir noch in guter Erinnerung. Wir freuten uns auch über  bescheidenere, andere als heute übliche Geschenke. Außerdem gab es oft nur den einen Wunsch, dass die Angehörigen an der Front alles schadlos überstehen oder wir in der Heimat von schlimmen Kriegsereignissen, vor allem Bombenangriffen, verschont bleiben. Mit einem schönen Leben verbanden wir damals vor allem das Verlangen, uns immer satt essen zu können und baldigen Frieden.
Unsere Eltern schafften es aber auch, darüber staune ich bis heute, uns unsere Weihnachtswünsche weitgehend zu erfüllen. Meine Eltern waren froh, dass ich mir als 10jähriger einen Wellensittich wünschte, der war auch in dieser Notzeit leicht zu beschaffen. Mein Großvater war streng dagegen, er vertrat schon damals die Meinung: Tiere sind keine Weihnachtsgeschenke! Diese Familienauseinandersetzung hatte ich belauscht und meine Freude war riesengroß, als ich ins weihnachtlich geschmückte Wohnzimmer kam und dort ein Wellensittich auf dem Tannenbaum saß. Ich taufte ihn sofort „Blauer“, weil er ein so wunderbares blaues Gefieder hatte. Unbeschreiblich war mein Glück, ich rief ihn, er kam auf meinen ausgestreckten Arm und wanderte vor bis in meine Hand. Die Erwachsenen waren etwas enttäuscht, ich beachtete die übrigen Geschenke kaum,  der Vogel stand im Mittelpunkt. Dabei hatte mein Vater nur mit größter Mühe ein Paar Schneeschuhe, die ich mir auch gewünscht hatte, beschaffen können; diese Sportgeräte wurden von der Wehrmacht teilweise beschlagnahmt. Sie wurden im strengen Winter in Russland von den kämpfenden Soldaten benötigt.
Später würdigte ich auch den geschmückten Christbaum, auf dem sogar Lametta glitzerte. Kein echtes, das gab es nicht zu kaufen, sondern Silberfäden, die von den feindlichen Flugzeugen abgeworfen und von uns Kindern aufgesammelt wurden. Als die Familie am Tisch Platz nahm setzte sich der Wellensittich auf meine Schulter und es gab Erziehungsprobleme, indem meine Großmutter verbieten wollte, dass beim Essen das Tier mit dabei ist. Ich setzte mich durch, weil Weihnachten war. Ich hielt sogar lange Zeit anstelle des Löffels „Blauer“ in der Hand. Plötzlich verhielt sich das Tier ganz eigenartig, ließ den Kopf hängen und fiel tot in meine Hand. Alle waren sehr bestürzt und konnten sich die Ursache dieses plötzlichen Todes nicht erklären. Später, ich wurde Tierarzt, konnte ich alles aufklären und auch künftig die Tierhalter zur Verhinderung solcher Unfälle beraten: „Wellensittichen gefällt das glitzernde Lametta am Weihnachtsbaum, sie picken daran und verschlucken dabei sogar manchmal lange Fäden. Abgesehen von der Toxizität können diese eine Kropfverstopfung verursachen, die zum Erstickungstod führen kann.“
Hätte ich doch damals auf meinen Großvater gehört und mir Weihnachten kein Tier gewünscht!
In weiteren Geschichten werde ich darüber berichten, wie teuer oder billig eine fröhliche, schöne Weihnacht zu haben ist.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.12.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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