Sieglinde Jörg

Virale Umarmung

In asiatischen Ländern tragen sie einen weißen Mundschutz, wenn sie krank sind. Hier rotzen sie in ihre Hände.
Insbesondere an Schulen und in Großraumbüros wird die Virenschleuder in Gang gehalten. Kranke Menschen
sprechen besonders leise, wollen aber sicher gehen, dass das Gegenüber akustisch folgen kann, also wird der
Individualabstand wie eine Schallmauer durchbrochen. Unerträglich dicht am Gesicht tauchen kranke Visagen
auf und hauchen ihre Viren in die Lufteinzugsschneise vor deiner Nase. Die Viren werden allein durch die Notwen-
digkeit, atmen zu müssen, inhaliert. Gratis. Gern geschehen. So ein weißes Stück Stoff oder Papier mitten ins
Gesicht geschnallt stört sicherlich, ist irgendwie lästig, aber ungemein respektvoll. Mit Neid blicke ich auf den an-
deren Kontinent. Kommunismus hin oder her. Wir sind auf andere Art kommunistisch veranlagt. Die Viren und
Bakterien sind Gemeingut. Wir fassen mit der frisch bestäubten Hand sämtliche Türklinken und Tastaturen an.
Tastaturen sind ein besonders beliebter Tummelplatz für Viren und Bakterien. Das weiß jeder, aber es stört auch
niemanden. Ich frage mich manchmal, wie Sagrotan und Co. in Deutschland überhaupt Umsatz machen können.
Seifenspender werden ja allein schon aus Kostengründen erst dann wieder befüllt, wenn sie komplett leer sind.
Es dauert natürlich einige Tage, bis das Putzpersonal bemerkt, dass es an der Zeit ist, das für die Handhygiene
chemisch liebevoll kreierte Liquid in die dafür vorgesehene Vorrichtung fließen zu lassen.

Beliebt ist auch die Weitergabe des Magen-Darm-Infektes. Betroffene Personen quälen sich noch ein letztes Mal
zur Arbeit, bevor der aggressive Infekt sie komplett wegfegt. Sie umarmen lieb gewonnen Kollegen, um ihnen mit
leidvoller Miene von der furchtbaren Nacht auf der Toilettenschüssel zu berichten. Das Teilen ist an sich ein sozialer
Zug und geteiltes Leid ist halbes Leid, aber ich finde, das hat Grenzen. Diese Art von kommunistischer Nächstenliebe
geht mir zu weit.

Sie meinen, man sollte mal mit der Betriebsleitung sprechen? Themen wie Toilettenpapier, Seifenspender und ein
Verhaltenskodex für Kranke (man niese und huste in den Ellbogen, man wasche sich regelmäßig mit Seife aus den
nicht befüllten Seifenspendern die Hände und desinfiziere ab und an mal mit dem nicht vorhandenen Sagrotan-Tüchlein
Türklinken und Tastaturen) werden strikt abgelehnt. Mitleidvoll belächelt wird der ungewollt Krankgeknutschte und
Krankbetatschte. Das sei eben so. Das ließe sich nicht ändern. Er solle einmal mit seinem Immunsystem ins Gericht
gehen. Hier stimme möglicherweise etwas nicht. Die Ärzte freuen sich und die Pharmaindustrie auch. Wen interessieren
schon medizinische Erkenntnisse?

Jeder Mitarbeiter soll die Chance erhalten, den Zustand völliger Dehydrierung oder die akute Atemnot wegen zähen
Schleimstaus in den Atemwegen am eigenen Leibe zu erfahren. Das ist Gleichberechtigung. Teamwork bis ins Grab.

Und was machen die Asiaten? Während in deutschen Büros und Bildungseinrichtungen der Geist in einem müden und
kranken Körper dahinvegetieren muss, arbeiten sie am wirtschaftlichen Aufschwung. Sie werden an uns vorbeiziehen.
Der Siegeszug einer intelligenten Gesellschaft, die gelernt hat, der Oberschicht auf engstem Lebensraum ein Überleben
zu sichern. In Fabriken, finanziert durch deutsche Großkonzerne, arbeiten die ärmsten der Armen ohne Mundschutz,
inhalieren Giftstoffe bis zum langsamen Exitus. So bekommt man die Überbevölkerung bald in den Griff und das auch
noch fremdfinanziert. Die Reichen und Intelligenten flanieren mit Hygieneschutzmasken - die längst zu einem modischen
Accessoire geworden sind und psychische Defizite kaschieren - durch die Metropolen und ziehen die Fäden der kranken
Globalisierungsmarionette „Europa-Deutschland“. Deutschland krankt. Geistig, körperlich und wirtschaftlich. Das ist auch
eine Leistung. Wir niesen uns in den gemeinschaftlichen Untergang. Prost! Äh – Gesundheit! 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.12.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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