Christine Wolny

DIE CHRISTROSE, DIE EINE TRÄNE WEINTE


 
DIE CHRISTROSE, DIE EINE TRÄNE WEINTE





Es war der 24.12. Ich war in meine Heimat gefahren und wollte dort das Gefühl der Weihnacht erfahren.
Noch heute denke ich, dass es in den Bergen leichter erfühlbar ist als in den Städten.
Mein kleiner Tannenbaum war fertig geschmückt. Es war früher Nachmittag.
Etwas Schnee lag auf den Wegen. Es war klar und kalt, und ein kleiner Spaziergang würde mir gut tun.

Ich lief den Weg an der Traun entlang, und dachte daran, wie wir als Kinder immer Christrosen pflückten.
Nun war in mir der Wunsch wach geworden, eine Christrose zu suchen.
Nur eine….
Die Böschung war rutschig, voller Laub, nur teilweise weiß, wenn die Bäume und Sträucher es erlaubten, dass sich dort Schnee nieder ließ.
So kletterte ich auf der Böschung herum und hielt Ausschau nach den grünen, kräftigen Blättern. Lange musste ich nicht suchen.
Ich schob vorsichtig eine Handvoll Laub weg und was sahen meine Augen?
Vier Christrosen, die Blütenblätter fest geschlossen, cirka 10 cm groß.
„Darf ich mir eine mitnehmen?“ schoss es mir durch den Kopf?
„Ja, heute ist Heiligabend,“ hörte ich die innere Stimme sagen.
Und so knipste ich vorsichtig mit den Fingernägeln den kräftigen Stängel durch.
Die Blume war gefroren, und ich verstaute sie behutsam in der Manteltasche.
Nun trieb es mich eilig nach Hause, denn auch meine Finger kamen mir wie gefroren vor.
Daheim holte ich eine kleine Kristallvase aus dem Schrank, passend für den kleinen Schatz, den ich gefunden hatte.
Ich stellte sie neben den Christbaum und mein Blick wanderte immer wieder zu ihr.

Am Abend war sie aufgetaut. Wir erlebten den Heiligabend zusammen.
Ich sang ihr ein altes Weihnachtslied vor:
„Es ist ein Ros entsprungen.“
Das fand ich so passend.
Plötzlich fiel ein dicker Tropfen, der einer Träne glich, von ihrer Blütenspitze herunter.
Am zweiten Feiertag öffnete sie ihre Blütenblätter und ließ mich in ihr Inneres schauen.
Sie spürte, dass ich sie als etwas Besonderes betrachtete, ein wunderschönes, wertvolles Geschenk zu Weihnachten.

© C.W.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Christine Wolny).
Der Beitrag wurde von Christine Wolny auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.12.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

SILLE: Ein Engel hat's nicht leicht von Sille Rumpf



Eine Auswahl heiterer, nachdenklicher, trinkfreudiger und verrückter Gedichte und Lieder mit und ohne Engel der liedermaching-sille in Bochum.
Hin und wieder natürlich Ruhrgebiets-Slang.
Aus Madonnas Hit Material Girl wird ein geldgeiles Weib, das in einer geldgeilen Welt lebt.
Der Goldne Mond wird etwas anders empfunden als bei Goethe.
Es geht auch um einen Alten Nieselprim, die Spaßbremse Frau Hartmann, die im Viervierteltakt Walzer-tanzende Mathilda und durchzechte Nächte. Für den Schauspieler Leonardi di Caprio ist ein Lied dabei, und auch eins über den Liedermacher Reinhard Mey.
Mit Illustrationen der Künstlerin Stachel.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (7)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Weihnachten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Christine Wolny

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

BERTA, EINE LEBENSKÜNSTLERIN von Christine Wolny (Wie das Leben so spielt)
Der Spielverderber von Klaus-D. Heid (Weihnachten)
Was ist Glück von Norbert Wittke (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)