Iris Klinge

Mein Leben als Mönch

Wer sich aus dem aktiven Leben verabschieden und in die spirituelle Welt des Klosters eintreten möchte, hat hierzu die Möglichkeit in Thailand.

Auf dem Obst-und Gemüsemarkt in Hua Hin traf ich einen Deutschen, der wie die anderen Mönche in seiner orangefarbenen Kutte und mit einer Schüssel in der Hand die Gaben der Händler einsammelte. Er fiel mir auf, weil er europäisch und nicht thailändisch wie die anderen Mönche aussah. Wir kamen ins Gespräch, und er erzählte mir seine Geschichte.

Er hatte seit einigen Jahren in Hua Hin gelebt mit einem guten Job und einer jüngeren Thai Geliebten, wie so viele Ausländer in diesem Land. Durch traurige Umstände verlor er seine Arbeit, und kurze Zeit später verließ ihn seine junge Frau.  Dann fing er an, über den Sinn seines Lebens nachzudenken, mit dem Ergebnis, dass er neugierig wurde auf das Dasein als Mönch, immer auf der Suche nach Erkenntnis.

Er stellte sich im nahegelegenen Tempel Wat Khao Takiap vor und fragte, ob er dort mitarbeiten könne. Die Mönche hießen ihn willkommen. Er wurde in ihre Gemeinschaft aufgenommen und begann mit seinen Studien des Buddhismus.

Sein Tag beginnt um 5 Uhr morgens. Aus seiner kargen Zelle kommend setzt er sich zuerst  draußen auf die Terrasse, von wo sein Blick über die ganze Bucht von Hua Hin schweift und die Fischerboote mit ihrem Fang heimkehren. Nach Sonnenaufgang geht es zusammen mit den anderen Mönchen den Berg hinunter zum Markt, wo sie ihre Gaben in Empfang nehmen und mit den Händlern gemeinsam beten. Es ist eine Ehre für die Menschen und ein Zeichen für gutes Karma, wenn die Mönche ihre Spenden annehmen, und ihnen wird dafür gedankt.
Nach etwa drei Stunden geht es wieder zurück den Berg hinauf zum Tempel. Die Spenden werden verteilt. Es gibt drei Kategorien: die frischen, verderblichen Lebensmittel, die trockenen Speisen und die Tempelgaben wie Blumen, Dekoration, kleine Statuen oder Amulette.

Das verderbliche Essen wird unter den Mönchen und anderen Bedürftigen verteilt.

Der Nachmittag vergeht mit beten, meditieren, studieren oder auch einfach nur mit einem guten Gespräch unter den Mönchen oder Besuchern, die kommen und gehen. Auch sie werden mit Essen versorgt, wenn noch etwas übrig geblieben ist.

Nach Sonnenuntergang, der jeden Tag in den Tropen pünktlich um 18 Uhr stattfindet, beginnen die Gebete und Gesänge, die weit über den Tempel hinaus zu hören sind und viele Besucher anlocken.  Um 21 Uhr kehrt dann wieder Ruhe ein und jeder kehrt in seine Zelle zurück, um sich auf den nächsten Tag einzustimmen.

Mein neuer Bekannter machte auf mich einen glücklichen Eindruck. Das einzige, was ihn am Anfang im Tempel störte, waren die vielen Affen, die den Tempel bevölkern und allerlei Unsinn veranstalten, wie z.B. sich über seine wenigen Habseligkeiten herzumachen, falls er mal vergißt, die Tür zu seiner Zelle zu schließen. Auch war er schon mehrfach gebissen worden, was eine Impfung gegen Tollwut zur Folge hatte.
 

Bislang ist er der einzige Weiße im Tempel, aber, wer weiß, vielleicht werden bald noch mehr Europäer diesen neuen Weg in die Spiritualität wählen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.12.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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