Karmen Buletinac

Kleines Wunder

Minutenlang starre ich schon auf dein Mobile, das sich immer wieder im Kreis dreht. Mir ist schon ganz schwindelig davon aber ich kann den Blick einfach nicht abwenden. Es ist wie eine Sucht. Ich habe das Gefühl für Raum und Zeit völlig verloren. Ich habe keine  Ahnung welcher Wochentag heute ist, ob es hell oder dunkel draußen ist. Doch dieser Zustand stört mich nicht. Ich bin wie benommen hier in deinem Zimmer. Dein  Zimmer – welches wir so schön für dich hergerichtet hatten, alles musste perfekt sein, wenn du endlich aus dem Krankenhaus nach Hause kommen und die Welt begrüßen würdest. Alles in blau gehalten, wie es sich für einen richtigen Jungen eben gehört. Das Zimmer ist groß und freundlich, es hätte dir bestimmt gefallen – ja, das hätte es.

Jung Mutter zu werden, das war immer schon mein Traum und mit dir ist mein Traum in Erfüllung gegangen. Dein Papa und ich führten eine stabile, glückliche Beziehung. Alles was uns zu unserem Glück fehlte warst du. Und du kamst so schnell, dass du unser Leben völlig umgekrempelt hast, aber das war gut so und wir beide hatten es keine einzige Sekunde bereut. Alles was wir immer wollten, warst du. In unseren Augen schien die Welt nun endlich perfekt zu sein, und wir waren angekommen. Nicht nur in unserer Beziehung – sondern als Familie. Endlich fühlten wir uns „ganz“.

Deine Augen, deine kleinen Hände, dein Lächeln … du bist so klein und zerbrechlich und doch reicht ein Blick von dir und du erfüllst mich mit einer Liebe und Wärme, die mit Worten niemals zu beschreiben wäre. Dass dein Papa und ich stolz sind, das brauchten wir nicht auszusprechen. Jeder der uns sah, konnte es ohne Zweifel  erkennen. Mit dir war unsere Welt nun endlich perfekt.

Die ersten drei Monate deines Lebens, es waren aufregende Monate, spannende Monate, denn alles was du gemacht hast, wurde festgehalten und dokumentiert. Alles war süß und niedlich und du wurdest von der ganzen Familie umschwärmt und geliebt. Ich fühlte mich als Mutter so stark, ich war wie eine Löwin ich hätte dich immer beschützt, ganz egal was kommen mag. Aber was ist, wenn das Schicksal andere Pläne mit uns hat? Denn vor dem was dann kam, konnte ich dich nicht beschützen. Konnte dich niemand beschützen. Manche Dinge nehmen einfach ihren Lauf, sie sind nicht aufzuhalten.

Ich wachte mitten in der Nacht auf, schweißgebadet, ich hatte einen Albtraum. Plötzlich raste mein Herz und ich hatte den Drang zu dir ins Zimmer zu gehen. So etwas hatte ich bisher noch nie gefühlt. Ich hatte das Gefühl, dass irgendetwas mit dir nicht in Ordnung war. Doch dass dieses Gefühl schon ein paar Sekunden drauf, so real sein würde, hätte niemand wissen können. Rein in dein Zimmer, Blick in dein Bettchen, du lagst ganz friedlich da, zuerst dachte ich wirklich du schläfst, doch dann sah ich keine Atembewegung, ich hob dich hoch.. nichts, keine Regung, kein Lebenszeichen, du machtest keine Anstalten… Ich schrie wie wild um mich, dein Papa kam zu mir gerannt  und dann nahm ich nichts mehr wahr… alles war nur noch verschwommen und ich sank zu Boden…

Das alles ist nun über zwei Wochen her, doch ich kann mich einfach nicht aufraffen. Ich kann einfach nicht so weiter machen wie bisher. Nicht mehr zum Alltag zurückkehren. Wie könnte ich auch? Ich habe mein Baby verloren. Plötzlicher Kindstod!! Ich wollte Nichts von all dem hören, was die Ärzte da sagten. Es sei völlig „normal“ in den ersten drei bis vier Monaten. Ich soll den Mut nicht verlieren, ich bin noch jung und würde ja bestimmt noch weitere Kinder bekommen…. Wie bitte???  Ich will aber DIESES Baby, dachte ich als ich den Arzt reden hörte. Der hat doch keine Ahnung, wie es ist sein Fleisch und Blut zu verlieren. Etwas so Vollkommenes, so Wundervolles..

In diesen wenigen Monaten die du zu uns gehört hast, hast du uns so viel gelehrt und gegeben. Du warst Balsam für unsere Seele. Du hast uns zum Lachen gebracht. Du hast uns so viel beigebracht. Und ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so eine endlos bedingungslose Liebe gefühlt. Ich hätte alles für dich getan, hätte mich vor jeden gestellt, der die in die Quere gekommen wäre. Ich hätte mein Leben für dich gegeben. Doch all das kann ich dir jetzt nicht mehr beweisen. All das ist jetzt Vergangenheit. Du warst leider nur für so kurze Zeit ein Teil unseres Lebens, aber wir werden immer an dich denken.

Und während ich noch immer hier in deinem Zimmer sitze und das Mobile anstarre, frage ich mich was wohl aus dir geworden wäre. Welche Schule hättest du besucht? Was wären deine Hobbies geworden? Welcher Mensch wärst du geworden? Welche Charaktereigenschaften hättest du gehabt? Wie hättest du als erwachsener Mann wohl ausgesehen? All diese Gedanken bereiten einen so unendlichen Schmerz in meiner Brust, dass ich kaum Luft holen kann. Ich weiß ich muss mich aufraffen und nach vorne sehen, aber ich schaffe es einfach nicht aus deinem Zimmer zu gehen, denn dann dreht sich der Alltag weiter. Am liebsten würde ich schreien „HALTET DIE WELT AN, ES FEHLT DOCH EIN STÜCK“… aber wer würde mich hören? … Und so bleibe ich noch eine Weile hier sitzen, halte dein Bild fest in meinen Händen und betrachte dein Bettchen, in dem noch vor wenigen Tagen gelegen bist. Ich nehme dein Baby Phon und halte es an mein Ohr… doch ich weiß, diesmal wird kein Laut kommen…

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.12.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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