Christa Astl

Nikolaus- Erinnerungen


 
 
So wie auch Weihnachten weckt der Nikolaus Erinnerungen an die Kindheit. Damals kam er noch pünktlich am 5. Dezember, am Vorabend seines Namenstages, in den Städten vielleicht auch noch am 6.Dezember, weil er an einem Tag nicht fertig wurde.

Wenn er die Kinder besuchte, wurde er vom bei uns vom Teufel begleitet. Dieser Angst machende Geselle war natürlich furchterregend schwarz und zottig, hatte schrecklich gebogene Hörner, eine lange rote Zunge hing ihm aus dem Mund oder Maul, er konnte nur schreien und mit seiner großen, dicken Kette rasseln. Manchmal hieß es, er hätte einen großen Korb bei sich wie der Nikolaus. Aber in den seinen steckte er die schlimmen Kinder, - doch das erzählte mir nur meine Mutter. Ich sah keinen Korb, nur eine Rute, mit der er drohte. Ob dieser Drohgestalt wurden sogar die Buben kleinlaut und schüchtern, manche mussten erst unter dem Tisch herausgeholt werden.
 
Der Nikolaus war natürlich himmlisch schön! Sein weißes Untergewand, darüber ein goldenes Messkleid, die hohe goldene Bischofsmütze auf dem Haupt, mit gütigen Augen, das Gesicht großteils verdeckt vom weißen Bart, für mich als Kind war es der Bote des Christkindes aus dem Himmel. Wo er dann seinen Wegbegleiter, den Teufel oder Krampus, getroffen hat, blieb mir ein Rätsel, über dessen Lösung ich nie lange nachgedacht habe. Meist sah ich die Beiden nur durchs Fenster, wenn sie ins Nachbarhaus abbogen. Zu mir kamen sie, bis auf einmal, unsichtbar und legten mir nur was ein. Die Kette des Teufels klirrte aber auch vor unserer Haustür, was mich noch enger an Mutter heranrücken ließ. Dass Vater kurz danach schmunzelnd in die Küche kam, reimte ich mir erst später zusammen.

Als der Nikolaus wirklich einmal „sechada“ (sichtbar) zu mir kam, war ich schon Erstklasslerin. Als es an der Tür rumpelte, ging Mutter öffnen, Ein schwarzer Huf stellte sich in die Tür, den ein Zuruf des Nikolaus zurückdrängte. Und dann kam er herein, der himmlische Mann, mit hoher Mütze, sodass er sich sehr bücken musste, um unter unserer niederen Tür durchzukommen, mit silbernem Stab, dem goldenen Buch, aus dem er die Strafregister vorlas, und einem zugebundenen Sack, an dem er schwer schleppte. Natürlich wusste er sofort meinen Namen, blätterte aufmerksam in seinem Buch, und weil ich ein sehr schüchternes Kind war, forderte er mich auf, ein Gebet zu sprechen. Mit Trost suchendem Blick zur Mutter begann ich und konnte es fehlerfrei und ohne Stocken zu Ende bringen, worüber ich wahrscheinlich eine ähnliche Freude empfand wie der Nikolaus, der dann bereitwillig in seinen Sack langte und mein Säckchen heraus zog. Wie dieses in seinen Besitz gekommen war, blieb mir ebenfalls ein Rätsel, am Vortag war ich ja dabei, als Mutter es kaufte!
 
Im Jahr darauf war ich mit den himmlischen Sachen aufgeklärt, ein paar Jahre später erfuhr ich, dass der Nikolaus eine Frau aus dem Nachbarort war. Wie habe ich mich geärgert, dass ich eine „Sie“ anbeten musste! Wie war ich enttäuscht, dass Mutter mich so angelogen hat! Viel später haben wir noch über die Episode gelacht.
 
In meiner Zeit als Kindergärtnerin wussten die Kinder schon, dass ein als Nikolaus verkleideter Mann käme, der das Andenken des heiligen Bischofs weitergab und die Kinder beschenkte. Manchmal zog er sich sogar vor den Kindern an, so war es damals besonders pädagogisch richtig, aber für die Kinder verwandelte er sich vor deren Augen in den Überirdischen. Und trotz aller Aufklärung sahen sie an klaren Abenden den Wagen des Nikolaus vom Himmel kommen, ohne Rentier!
 
Meine eigenen Kinder erkannten natürlich auch, dass der Nikolaus nur verkleidet war, ich sagte ihnen aber nicht, wer dahinter steckte. Ich besitze noch eine Tonbandaufzeichnung, als meine Kinder 5, 4 fast 3 Jahre waren. Die Kleinste, nicht ganz 1 Jahr, verschlief das meiste.

Im dunklen Zimmer, ans Fenster gedrängt, sagten sie lange vorher ihre Gedichte auf, um den Nikolaus heranzulocken, die Größeren probierten immer wieder ihre kleinen Flötenstücke, wir sangen gemeinsam Lieder, bis es klopfte. Mucksmäuschenstill war es dann. Die Buben öffneten die Tür, gemeinsam, Hand in Hand. Die Älteste machte Licht.

Lieder, Gedichte, Flötenstücke, alles verlief nach Plan, dann gab es endlich die Geschenke. Und auch dieser Nikolaus zog die Säckchen heraus, die die Kinder einige Tage vorher selber bemalt hatten. Anschließend gab es die ersten selbst gebackenen Kekse und „Nikolausbraten“, das waren die ersten Bratäpfel. Die Bezeichnung stammt von einem meiner Kinder.

Von der Aufregung danach, als jedes sein Säcklein mit lautem Kommentar auspackte, habe ich leider nur mehr einen ganz kurzen Mitschnitt, aber die Erinnerung ist erhalten geblieben.
 
 
 
ChA 06.12.13

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.12.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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