Christina Dittwald

Weihnachten 1953




 

Es war kurz vor Weihnachten im Jahr 1953. Ich war ein kleines trauriges Mädchen von beinah vier Jahren. Was hatte ich mich auf das neue Baby gefreut, das am 18. November zur Welt gekommen war. Erstmal war ich fassungslos, dass ich einen kleinen Bruder hatte. Wer möchte Brüder?! Ich hatte monatelang Zucker auf die Fensterbank gestreut, ein sicheres Beschwörungsritual, um eine Schwester zu bekommen, wenn man den Freundinnen meiner Mutti glaubte. Und nun das. Wie konnte das nur passieren. Außerdem hatte ich ihn noch nicht zu Gesicht bekommen. Das lag daran, dass er noch im Krankenhaus war.

Mir hatte man erzählt, meine Mutti ginge ins Krankenhaus, dann brächte der Storch ihr ein Baby. Und weil er ihr kräftig ins Bein gebissen hätte, müsste sie sich davon noch eine Woche erholen. Und jetzt war die Mutti und das blöde Jungenbaby schon so lange weg. Damals erzählte man mir nicht, dass es nach der Geburt Komplikationen gegeben hatte und eine Operation nötig war.

Für mich wurde gut gesorgt, meine Oma aus Franken war gekommen, Papa war ja auf der Arbeit. Und damals durften kleine Kinder noch nicht ins Krankenhaus. Ich hatte ein paarmal darum gebeten, auch mal einen Wutanfall bekommen, so schlimm, dass ich mir dabei in die Hose pinkelte. Aber nichts half, ich durfte nicht hin.

Irgendwie war alles nichts. Oma bemühte sich sehr, backte Plätzchen und Kuchen - aber die vielen kleinen Rituale, die nur eine Mutter richtig macht, die konnte sie ja gar nicht kennen. In den Kindergarten ging ich nicht, die Nachbarskinder waren älter. Und so schlich ich um Oma mit meinem Märchenbuch von Grimm in den Händen oder jetzt, in der Vorweihnachtszeit, mit dem Büchlein „Die Himmelswerkstatt“. Engelchen backten in dem Buch und hatten im Advent viel zu tun. Oma seufzte und sagte immer: wenn ich mal Zeit habe, lese ich dir auch vor. Die hatte sie selten. Und wenn sie dann am Nachmittag mal sagte: na, dann komm her! passte ich ganz genau auf und lernte die Texte dabei auswändig. So war ich unabhängig von leseunwilligen Erwachsenen.

Manchmal ging Oma oder Papa mit mir spazieren und ich fand es immer sehr schön, die weihnachtlich geschmückten Häuser zu bestaunen. Natürlich glitzerte es damals längst nicht so wie heute - es gab ja noch keine Lichterketten! Aber Schwippbögen mit Kerzen gab es und Sterne, gebastelt aus buntem Glanzpapier an den Fensterscheiben.

Und so kam der 23 Dezember. Auf dem Wochenmarkt hatte Oma eine Gans gekauft. Die Vorbereitungen gefielen mir gut, die Gans wurde mit einem Feuerzeug abgeflämmt, die restlichen Federkiele wurden mit einer Pinzette herausgezupft. Da durfte ich mit helfen. Ein bisschen gruselig fand ich es schon, die bleiche fettige Haut mit den großen Poren anzufassen. Ich stellte mir lieber nicht vor, wie das Tier Tage zuvor fröhlich geschnattert hatte. Es wurde Napfkuchen gebacken mit Rosinen, die über Nacht in Rum eingelegt wurden. Am nächsten Morgen war der Rum verschwunden und die Rosinen waren prall. Heimlich probierte ich eine und es schmeckte mir vorzüglich.

Papa flüsterte was von Baum und verschwand im Keller, um die drei Schachteln mit den silbernen Kugeln und dem Lametta raufzuholen. Das wurde nach Weihnachten immer wieder glattgebügelt, genau wie das Geschenkpapier - Verschwendung war damals ein Fremdwort. Recycling war nicht bekannt, und doch taten alle Leute dies. Aufbereiten, wiederverwenden, reparieren - so war das damals.

Das Wohnzimmer wurde abgeschlossen und ich hätte viel darum gegeben, zu sehen, was dort vor sich ging. Ich schob einen Fußschemel vor die Tür, schaute durch das Schlüsselloch - sah aber nichts.

Am Nachmittag des 23. war Papa zu Hause. Er nahm mich auf den Arm und sagte, er hätte eine Überraschung für mich, einen Spaziergang, auf dem ich etwas wunderschönes sehen würde. Aufgeregt ließ ich mich anziehen, Fäustlinge, Mütze, Schal und meine kleinen roten Stiefelchen und den roten Wollmantel mit den Fellbommeln dran. Wir gingen durch die Kälte in die Stadt, so hieß es, wenn wir zu den Geschäften gingen. Vor Althoff blieben wir stehen. Die Schaufenster waren in eine große Märchenlandschaft verwandelt. Da war Rotkäppchen und der Wolf, Sterntaler stand da im weißen Hemdchen und im nächsten Schaufenster klopften Hänsel und Gretel an das Hexenhäuschen. Mein Entzücken war riesig - denn die Figuren bewegten sich! Der Wolf riss sein Maul mit den gefährlichen Zähnen weit auf, Sterntaler hatte das Hemdchen wie eine Schürze gerafft und ein stetiger Sternenregen fiel hinein. Und aus dem Hexenhäuschen schaute alle paar Sekunden die böse Hexe heraus und Hänsel sprang zurück.

Versunken betrachtete ich die Szenen, auch das kleine Bambi-Reh, das den Kopf ganz niedlich von rechts nach links legte. Als Papa meinte, jetzt müssten wir zurück, wollte ich gar nicht. Erst als er sagte, vielleicht gibt es ja heute noch eine Überraschung für dich, da ließ ich mich wegführen.

An unserem Haus war unsere Wohnung hell erleuchtet. Ich war neugierig und hoffte auf ein dickes Stück Stollen und eine Tasse Kakao, eine andere Überraschung kam mir nicht in den Sinn. Die Tür zur Küche ging auf und da saß meine Mutti und strahlte. Neben ihr stand ein Stubenwagen. Ich stürzte mich in ihre Arme und begann vor Glück und Erleichterung zu weinen. Ist ja gut, ist ja gut - jetzt bleibe ich ja hier... tröstete mich Mutti. Möchtest du dir denn mal deinen Bruder ansehen? Und ganz vorsichtig zog sie den kleinen Vorhang zur Seite - und da lag das schönste Baby, was man sich vostellen kann mit dunklen Haaren in einem weiß-blauen gehäkelten Jäckchen und einem weißen Strampelhöschen. Mein eigenes Christkindchen!

Das war das schönste Weihnachtsfest, an das ich mich aus meiner frühen Kindheit erinnern kann. Es folgten noch viele schöne Feste, aber diese Freude, die ich damals empfand, die hat sich bei mir eingebrannt.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Christina Dittwald).
Der Beitrag wurde von Christina Dittwald auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.12.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Buch von Christina Dittwald:

cover

Die Geschichte von Ella und Paul von Christina Dittwald



Der Schutzengel Paul verliebt sich in Ella, seine junge Schutzbefohlene. Schwierig, schwierig, denn verliebte Schutzengel verlieren ihren Status. Ella hat Schutz bitter nötig... und so müssen die beiden sich etwas einfallen lassen. Eine große Rolle spielt dabei ein Liebesschloss mit den Namen der beiden an einer Brücke über einen großen Fluss. Die reale Welt mischt sich mit Fantasy und Traumsequenzen.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (7)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Weihnachten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Christina Dittwald

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Unsere Liebesgeschichte von Christina Dittwald (Romantisches)
Seltsame Überraschung an Heiligabend von Ingrid Drewing (Weihnachten)
Egoisten von Norbert Wittke (Ernüchterung)