Klaus-D. Heid

Kein einfaches Kind

Am 28. August 1981, um 14.17 Uhr, schnitt ein Arzt meiner Mutter den Bauch auf.

Da ich mich mit Händchen und Füßchen geweigert hatte, einen anderen Ausgang zu benutzen, erblickte ich auf diesem Weg das Licht der Welt. Es war ein grelles und blendendes Licht, vor dem ich am liebsten geflüchtet wäre. Dafür war es allerdings zu spät! Bedauerlicherweise hatte man den Bauch meiner Mutter schon wieder zugenäht, so dass mir nichts übrig blieb, als mich dem unfreiwilligen Dasein zu stellen. Meinen Ärger über diese Zwangsmaßnahme drückte ich aus, indem ich das erste flüssige Geschäft außerhalb der Bauchhöhle, auf dem weißen Kittel des Arztes verrichtete. Eine lächelnde Hebamme nahm mich anschließend in die Arme und hob mich hoch. Wahrscheinlich wollte sie auf diese Art ihre Kompetenz ausdrücken. Meine Antwort auf dieses Vorhaben bestand in einem zweiten Geschäft, das nun allerdings im Gesicht der nicht mehr lächelnden Hebamme landete...

Ich war wirklich kein einfaches Kind.

Bis zum Zeitpunkt meiner Geburt führten Mama und Papa ein relativ sorgenfreies glückliches Eheleben, dessen Konsequenz schließlich Ich sein sollte. Kurz nach meiner Geburt verlor Papa seinen Arbeitsplatz, unser Auto gab für immer seinen Geist auf und Mama lernte Johann kennen. Eine ganze Weile stritten Mama und Papa um das Sorgerecht für mich, bis schließlich Mama den Kampf gewann. Wie hätte sie auch damals ahnen sollen, dass es für sie besser gewesen wäre, diesen Kampf zu verlieren?

Johann, Mamas neuer Lover, liebte kleine Kinder solange, bis Mama ihn geheiratet hatte. Bereits einen Tag nach der Hochzeit kippte er mir einen Eimer kaltes wasser über den Kopf, weil er mein berechtigtes Schreien nicht mehr ertragen konnte. Obwohl ich ihm nur signalisieren wollte, dass es an der Zeit war, mich zu füttern, war ihm die Übertragung eines Fußballspiels wichtiger. Nur zehn Minuten später implodierte der Fernseher. Johann stand bedauerlicherweise zu nahe an der Kiste. Als Mama von ihrer Arbeit nachhause kam, war sie bereits Witwe – und ich war endlich mit Mama wieder alleine.

Mein Papa erfuhr natürlich von diesem Schicksalsschlag. In den nächsten Monaten kümmerte er sich wirklich rührend um Mama und mich. Kein Wunder also, dass sich Mama erneut in ihn verliebte. Alles war wieder so, wie es sein sollte. Theoretisch...

Praktisch besteht das Leben leider nie aus einer Kette schöner Ereignisse. Praktisch gibt es immer unglaublich viele negative Vorfälle, die einen auf den Boden der Tatsachen zurückwerfen. Einer dieser negativen Vorfälle bestand darin, dass Papa endlich einen neuen und überaus gutbezahlten Job gefunden hatte. Hört sich gut an? Theoretisch ist das auch so. Praktisch bedeutete das aber, dass Papa für die Dauer von einem Jahr eine Baustelle in Afrika leiten sollte. Ein Jahr hatte ich also keinen Papa – und Mama keinen Mann. Wenn man Mama gut kannte, wusste man auch, dass diese Situation unmöglich gut enden konnte.

Der Neue hieß Heinrich.

Heinrich war anders als Johann. Er überschüttete mich niemals mit kaltem Wasser. Er liebte es, mich zu füttern und mir die Windeln zu wechseln, während Mama ihrer Arbeit nachging. Heinrich war immer gut zu mir. Er war einer dieser Männer, die in der Nähe kleiner Kinder selbst zu einem Kind wurde. Heinrich lachte, scherzte und tobte mir durchs Zimmer; er sang mir Lieder vor und erzählte mir die schönsten Geschichten, die man sich vorstellen konnte. Er kümmerte sich so intensiv um mich, dass Mama sich entschloss, einen weiteren Job anzunehmen. Heinrich war lieb – aber stinkfaul. Meine Mama musste also noch mehr arbeiten, um Heinrich und mich ernähren zu können. Ein bisschen leid tat es mir schon um Heinrich, denn es gab wirklich schlimmere Kerle als ihn.

Als Heinrich über den kleinen Ball stolperte, den ich versehentlich vor seine Füße gerollt hatte, stieß er mit dem Kopf unglücklich an die Tischkante. Natürlich war Mama sehr traurig wegen Heinrich. Immerhin war es bereits die zweite Beerdigung in kürzester Zeit, zu der Mama gehen musste.

Das mit Mamas zweitem Job hatte sich erledigt.

Nicht erledigt hatten sich die Schulden, die Heinrich in Mamas Namen gemacht hatte. Ununterbrochen besuchte uns dieser unfreundliche Mann, den Mama immer mit ‚Herr Gerichtsvollzieher’ ansprach. Obwohl Mama wirklich alles tat, was in ihrer Macht stand, ließ dieser Kerl nicht nach, sie zu quälen und zu ärgern. Manchmal tauchte er bereits frühmorgens auf; manchmal mittags und manchmal sogar mitten in der Nacht. Immer wollte er Mama zwingen, endlich Heinrichs Schulden zu bezahlen. Ich konnte es unmöglich zulassen, dass dieser Zustand noch länger anhielt!

Die Gegend, in der wir lebten, war wirklich keine ausgesprochen ‚böse’ Gegend. Es gab zwar hier und da ein paar Nachbarschaftsstreitigkeiten, aber eigentlich hielt sich alles in Grenzen. Umso zufälliger war es, dass der ‚Herr Gerichtsvollzieher’ ausgerechnet vor unserem Haus überfallen wurde. Ein paar Ganoven wollten unbedingt alles haben, was sich in den Taschen des Gerichtsvollziehers befand. Tapfer wehrte er sich gegen diesen Überfall und bewies damit, dass er zumindest kein Waschlappen war. All sein Mut half ihm jedoch nicht. Einer der Gangster bohrte ihm ein Messer bis zum Schaft ins Herz.

Zu dieser Beerdigung ging Mama nicht!

Es folgten zwei Jahre, in denen ich mich lediglich um einen überaus aufdringlichen Verehrer Mamas zu kümmern hatte. Noch bevor sich zwischen ihm und Mama etwas Ernsthaftes entwickeln konnte, fuhr er mit seinem Porsche gegen eine Betonwand. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass er bereits verheiratet war. Mama entschied sich also dagegen, an seiner Beerdigung teilzunehmen.

Mama und ich genossen die Zeit der Zweisamkeit. Ab und zu schickte uns Papa einen Brief, in dem er von sich und seiner neuen Lebensgefährtin berichtete. Außerdem sorgte er dafür, dass Mama und ich uns einigermaßen gut über Wasser halten konnten. Zu meinem dritten Geburtstag erhielt ich von ihm ein riesiges Paket mit einem großen braunen Plüschbären, den ich sogar heute noch habe! Es wäre wirklich sehr schön, wenn Papa wieder bei uns sein könnte. Wahrscheinlich war es nur seine neue Flamme, die ihn davon abhielt, bei Mama du mir zu sein...

Drei Wochen später schrieb Papa uns, dass er uns gerne besuchen wollte. Er schrieb auch, dass er sehr traurig sei, weil seine Freundin plötzlich und unerwartet an einer schweren Krankheit verstorben war. In dem Brief bat er Mama darum, ihn für eine Weile bei uns wohnen zu lassen, sobald er die Beerdigung seiner Freundin hinter sich hatte. Mama war eine mitleidige Seele. Sie schrieb zurück, dass sie keine Einwände hätte, wenn er für ein paar Monate zu uns ziehen wollte.

Alles hätte so schön sein können!

So mitleidig Mama auch immer war, so instabil war sie auch. Noch bevor Papa bei uns einziehen konnte, verliebte sie sich in einen Arbeitskollegen, den sie mir stolz als ‚besten Mann der Welt’ präsentierte. Ach, Mama! Warum kannst du nicht die Finger von diesen Kerlen lassen? Papa musste fürchterlich enttäuscht gewesen sein, als er Mamas Absage per Post erhielt. Er war bestimmt ebenso enttäuscht, wie ich. Auch Mama war enttäuscht, als ihr ‚bester Mann der Welt’ sie zum ersten mal ins Gesicht schlug, weil Mama keine Lust hatte, ihm eine Flasche Bier aus dem Keller zu holen. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende! Dieser Grundsatz ist mir bereits in jungen Jahren zu einem ganz persönlichen Lebensmotto geworden.

Obwohl Mama wie wild auf den Rücken des ‚besten Mannes der Welt’ klopfte, sah sein Gesicht bereits wie eine überreife Tomate aus. Er hatte sich verschluckt. Kurze Zeit später wechselte seine Gesichtsfarbe in ein leichenblasses Grau. Der Notarzt, den Mama sofort zu Hilfe rief, konnte lediglich sein Beileid aussprechen, bevor er den Totenschein ausfüllte.

Es war die erste Beerdigung, an der sogar ich teilnahm.

Es war allerdings nicht die letzte Beerdigung, der ich beiwohnte! Bis Mama begriffen hatte, wie schnell das Leben einiger Männer ein abruptes Ende finden konnte, brauchte es noch etliche Beileidsbekundungen. Papa lebte indes irgendwo sein eigenes Leben. Vielleicht war es auch besser so für ihn! Man weiß schließlich nie, was im Laufe der Jahre aus einem Menschen werden kann, oder?

Das beste Beispiel hierfür ist Mama.

Ich werde nie verstehen, wie sie meinen zehnten Geburtstag vergessen konnte. Aus meiner Sicht war dieses Versäumnis ein wirklich unverzeihlicher Fehler. Kinder brauchen einfach das Interesse ihrer Mütter. Ausnahmen darf es da einfach nicht geben!

Bei Mamas Beerdigung hielt mich Papa fest an der Hand. Etwas zu fest, wie ich fand...

Es soll sie geben, diese kleinen und unnachgiebigen Kerlchen, denen Aufmerksamkeit über alles geht... Klaus-D. Heid, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.10.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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