Rudolf Kowalleck

Mein Weihnachtsengel


Wenn mich heute jemand fragt, ob ich an Engel glaube, antworte ich: „Ich brauche nicht an sie zu glauben, weil ich weiß, dass es sie gibt. Schließlich bin ich einem höchstpersönlich begegnet.“
Das war zu der Zeit, als es noch jeden Freitag eine Lohntüte gab. Die Arbeiter  brachten das sauer Verdiente aber nicht nach Hause, sondern trugen es in die Kneipe.
Dort wurde dann Skat gedroschen oder gewürfelt und dabei jede Menge Biere und Schnäpse die staubigen Kehlen hinuntergespült. Mit jedem Pils mehr wuchs die Spendierfreude und so konnte es geschehen, dass am Ende  nichts mehr für die Familien übrig blieb.
Das wusste auch meine Mutter.  Deshalb fuhr sie in der Mittagspause mit dem Fahrrad zur Firma und holte  das Geld schnell vorher ab. Meinem Vater beließ sei ein Taschengeld.
Ich liebte diese Tage. Es gab dann immer etwas Gutes zu Essen und auch zwei Mark Taschengeld für mich.  Dafür kaufte ich mir ein Modellflugzeug aus Plastik zum Zusammenbasteln.
So schnell ich konnte, ging es nach der Schule heim. Meine beiden Geschwister waren auch schon da. Doch statt mit freudigen Gesichtern saßen sie vor leeren Tellern und sprachen kein Wort. Mutter weinte.
„Ist etwas mit Vater?“
Mein Schwester schüttelte den Kopf. „Mit Vater ist alles in Ordnung. Trotzdem sei etwas ganz Schlimmes passiert. Mutti hat die Lohntüte verloren.“
Ausgerechnet heute, dachte ich. Es war der letzte Freitag vor Weihnachten. Seit Wochen hatte ich mich bereits darauf gefreut. Nun aber würde das Fest sehr karg ausfallen. Kein knuspriger Gänsebraten, keine Schokolade und vor allem keine Modelleisenbahn, die ich mir schon so lange gewünscht hatte.
Ich setzte mich zu ihnen. Gemeinsam grübelten wir darüber nach, wie wir unser Weihnachten retten könnten.
„Frau Schneider wird uns Kredit geben“, versuchte ich die anderen aufzuheitern. Gemeinsam zahlen wir es dann zurück.
„Ich könnte leere Flaschen sammeln und dir das Pfand geben, Mama“, schlug mein kleiner Bruder vor.
Ein Lächeln huschte über Mutters Gesicht.
„Das ist lieb gemeint, aber das wird nicht reichen. Außerdem bekommen wir nichts mehr angeschrieben. Gerade heute wollte ich  unsere Schulden zurückzahlen.“
Wir überlegten weiter, aber uns fiel nichts ein, das  genug einbringen würde
Draußen begann es dunkel zu werden. Ich ging ans Fenster und schaute hinaus.
„Was starrst du die ganze Zeit aus dem Fenster?“, wollte meine Schwester wissen.
Da schellte es.
„Das wird Herr Thimm sein“, sagte Mutter. „Er will die Miete kassieren.“
Meine Schwester begann zu jammern.
„Was sollen wir jetzt machen?“
„Was schon?“, fragte ich. „Die Wahrheit werden wir ihm sagen.“ 
Ich ging zur Tür und öffnete.
Der Schreck fuhr mir in die Glieder, als ich sah, wer da geklingelt hatte. Ein alter Mann stand vor der Türe. Er war unrasiert, trug einen schäbigen Mantel und sah auch sonst ziemlich unheimlich aus
„Kann ich deine Mutter sprechen?“
Seine Stimme war tief und warm. Das beruhigte mich ein wenig.
„Wer ist denn da?“, rief Mutter aus der Küche.
„Ein Mann.“
„Was für ein Mann?“
„Weiß nicht.“
„Er soll reinkommen.“
Beim Eintreten nahm er seinen Hut ab. Seine Augen waren hell und freundlich. Meine Angst verflog nun vollends.
„Was führt Sie zu uns?“, fragte Mutter. „Bitte nehmen Sie doch Platz. Leider kann ich Ihnen nichts anbieten“.
Er hob abwehrend die Hände.
„Danke, nicht nötig.“
Ohne ein weiteres Wort griff er in die Tasche und warf eine Tüte auf den Tisch. Vaters Lohntüte!
Ein Freudengeschrei brach aus. Ein wildes Durcheinander von Stimmen. Jeder wollte vorschlagen, was zuerst zu tun sei. Es dauerte eine ganze Weile, bis wir uns wieder beruhigt hatten.
„Ich habe sie beim Spazierengehen gefunden. Unten am Hafen“, erzählte  der Alte und strahlte dabei übers ganze Gesicht. Die Kälte hatte ihm rote Wangen gemalt.
„Zuerst dachte ich, Willy heute ist dein Glückstag. Wie viele Lagen bekommst du wohl dafür?.
Dann sah ich aber, dass die Adresse draufstand. Ich wäre schon viel früher gekommen, aber ich konnte mich lange nicht entscheiden. Trinken oder ehrlich sein. Ich habe mich fürs zweite entschieden und wie ich sehe, war meine Entscheidung goldrichtig.“
Wir blickten ihn dankbar an.
„So, jetzt muss ich aber machen, dass ich weiterkomme“, sagte er nach einer kleinen Pause und rappelte sich mühsam auf.
Mutter brachte ihn zur Türe. Zuvor wollte sie ihm noch einen fürstlichen Finderlohn geben, aber er lehnte dankend ab.
„Diese leuchtenden Kinderaugen“, meinte er, „sind für mich Lohn genug.
Dann war er wieder verschwunden, genau so plötzlich, wie er aufgetaucht war.
„Komisch“, sagte ich „Engel habe ich mir ganz anders vorgestellt.“
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.12.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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