Irene Beddies

Das Weihnachtsmannkostüm




„Zu Weihnachten solltest du…", fing Erich an.
„Wie kommst du darauf, dass ich zu Weihnachten…"
„Du bist ihre Tochter!", unterbrach er sie wirsch.
Ach so, um das leidige Thema ging es wieder. Sie war erleichtert, tat aber beleidigt.
 "Ja, ja, ich weiß schon, du willst nicht zu ihr."
„Wenn du so um sie besorgt bist, warum fährst  d u  nicht mal hin? Sie würde sich sehr freuen", meinte Sieglinde so mürrisch wie möglich.
„Ach, du weißt doch…", fing er lahm an.
„Ja, ja, ich weiß. Du darfst die Mitternachtsmesse in unserer Kirche nicht versäumen, weil du denkst, außer dem Chor könntest nur du in der Gemeinde richtig singen. Warum willst du nicht mal der Gemeinde in D… zu Hilfe eilen mit deiner reinen Stimme? Die Leute würden sich unsagbar freuen und sich alle bewundernd zu dir umsehen."
Dieser Gedanke war ihm noch nie gekommen. Wäre das wirklich nicht eine Gelegenheit… überlegte er.
„Lass mich darüber nachdenken bis morgen."
Sieglinde wandte sich ab, damit er ihre heimliche Genugtuung nicht sah.

„Gut", verkündete Erich am Frühstückstisch, „ich werde diesmal zu deiner Mutter fahren. Aber ich werde im Hotel wohnen, nicht in ihrer muffigen Bude."
„Tu das", ermunterte sie ihn. „Soll ich dir ein Zimmer buchen im Internet?"
Das ließ Erich sich nicht zweimal sagen, mit dem Computer konnte er nicht so gut umgehen.
Sieglinde setzte sich nach dem Mittagessen an den Computer. Sie klickte sich durch alle Hotels und notierte die, die nur noch ein Zimmer zu vergeben hatten. Dann wählte sie eines aus. Sollte seine Tussi, die er bestimmt nicht hier im Ort lassen wollte, sehen, wo sie blieb.

Am 23. Dezember fuhr Erich nach D…
Als er im gebuchten Hotel feststellen musste, dass es kein einziges Doppelzimmer mehr gab und auch kein freies Einzelzimmer, fluchte er. Wo sollte Editha wohnen? Sie hatte sich so sehr auf gemeinsame Festtage im Hotel gefreut.
Sie konnte gerade noch ein Zimmer am anderen Ende des Ortes ergattern - in einem der Luxushotels.

Kaum war Erich aus dem Haus, griff Sieglinde zum Telefonhörer und rief eine bestimmte Nummer an, die nicht im privaten Telefonverzeichnis stand. Sie ließ es dreimal läuten, dann legte sie auf. Nicht lange danach bimmelte ihr nagelneues Handy, von dem Erich natürlich nichts wusste.
„Er ist weg und ich nehme an, dass er diese Editha mitgenommen hat. Hier ist alles bereit", jubelte sie. „Du kommst doch heute Abend schon?.....Bring ein möglich echt wirkendes Weihnachtsmannkostüm mit! Ich freue mich ja schon so sehr, Liebster!"
Am anderen  Ende der Leitung wurden ein paar Fragen gestellt. Sieglinde beharrte auf dem Kostüm. „…Ich besorg ein paar ordentliche Geschenke für mich und den Sack. Küsschen!", beendete sie das Gespräch.

Sieglinde hatte viel zu organisieren, um zum Abend alles schön gemütlich in der Wohnung zu haben.
Er kam pünktlich und strahlte. Auch Erichs Anruf kam wie erwartet mit der scheinheiligen Beteuerung, wie einsam er sich fühle in der fremden Stadt. Sie aber hörte das Kichern im Hintergrund und schmunzelte. Ihrem Fest stand nichts mehr im Weg.

Am Heiligabend kurz vor Mitternacht hörte Sieglinde das vertraute Geräusch, als Erichs Auto vor der Garage hielt. O Schreck!
„Komm gar nicht erst rein", rief sie vom Balkon, „du bist gerade noch zeitig
genug, in der Kirche mitzusingen!"
„Das könnte dir so passen", schrie Erich wutentbrannt.
„Schnell, zieh das Weihnachtsmannkostüm an, er bringt seine heißgeliebte Karre erst in der Garage unter", drängte sie ihren Liebhaber.

Als Erich das Haus betrat, hörte er ein Weihnachtslied, die Wohnzimmertür stand halb offen und es roch ein wenig nach Rum.
Er betrat das Wohnzimmer und erstarrte. Auf dem Sofa, seiner Frau gegenüber, saß ein Weihnachtsmann. Der stand auf, begrüßte den Hausherrn freundlich und entschuldigte sich: „Es tut mir leid, dass ich zu so später Stunde noch gekommen bin, aber erst musste ich natürlich zu den Kindern."
Erich wusste nicht, wie ihm geschah. Er schaute misstrauisch auf den Fremden.
Der fuhr unbeeindruckt in seiner Rede fort: „ Ihre Frau war so nett, mir einen Tee anzubieten, bevor ich die Geschenke für sie auspacken konnte. Ich gehe auch gleich wieder und lasse Sie ungestört."
Er schüttete den Sack aus, machte eine galante Verbeugung und ließ sich von Erich zur Tür begleiten.
„Bei diesem Wetter gehe ich gern zu Fuß, mein Bezirk ist nicht so groß", informierte er Erich noch, bevor er mit schnellen Schritten um die nächsten Hecken verschwand.

Als Erich wieder ins Wohnzimmer kam, packte Sieglinde schon die selbstgekauften aus.
„O Erich, ich hätte nie gedacht, dass du dir so schöne Geschenke hättest einfallen lassen können", jubelte sie scheinheilig und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Er sollte nicht merken, wie enttäuscht sie über seine frühe Rückkehr war.

Irgendetwas stimmte nicht. So sehr er auch grübelte, Erich fiel keine Erklärung für die Begebenheit ein.
Schließlich dachte er voll Ärger an Editha, die sich Schmuck, besser noch die Ankündigung seiner Scheidung von Sieglinde erhofft hatte. Aber sie wusste ja nicht, dass alles, was er zu bieten hatte, von Sieglindes Vermögen abhing.
Und gleich würde seine Frau ihn mit Vorwürfen überhäufen, dass er der Schwiegermutter den Heiligabend verdorben hatte.


© I. Beddies


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.12.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Buch von Irene Beddies:

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In Krollebolles Reich: Märchen von Irene Beddies



Irene Beddies hat in diesem Band ihre Märchen für Jugendliche und Erwachsene zusammengestellt.
Vom Drachen Alka lesen wir, von Feen, Prinzen und Prinzessinnen, von kleinen Wesen, aber auch von Dummlingen und ganz gewöhnlichen Menschen, denen ein wunderlicher Umstand zustößt.
In fernen Ländern begegnen dem Leser Paschas und Maharadschas. Ein Rabe wird sogar zum Rockstar.
Auch der Weihnachtsmann darf in dieser Gesellschaft nicht fehlen.

Mit einer Portion Ironie, aber auch mit Mitgefühl für die Unglücklichen, Verzauberten wird erzählt.

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